Über persönliche Krisen in der pädagogischen Tätigkeit

Ein Weg auf Holzbrettern, der durch ein Moor führt.

Ich war im Laufe des Jahres 2025 über mehrere Monate lang in einer beruflichen Krise und es ging mir nicht gut. Lange habe ich überlegt, ob ich darüber schreiben soll, weil viele Gründe eigentlich dagegen sprechen:

  1. Eine solche Krise ist etwas, was mich persönlich betrifft. Das muss eigentlich nicht öffentlich sein.
  2. Eigentlich gab es für die Krise keine schlimmen Auslöser: Ich war und bin gesund, habe wunderbare Kinder, kann von meiner Selbstständigkeit finanziell gut leben … Da fühlt sich solch ein ‚Jammern‘ irgendwie falsch an.
  3. Noch komplizierter wird das Ganze, weil das Schreiben über Fehler und Fails zwar immer noch wenig passiert, aber gerade in meiner Bubble zum Teil auch schon zu einer Form von Selbstmarketing wird. Das will ich nicht mitmachen.

Auf der anderen Seite teile ich schon seit vielen Jahren meine Gedanken, Inhalte und Reflexionen im Internet und berichte dabei auch sehr viel ‚hinter den Kulissen‚ meiner Arbeit. Da fühlt es sich falsch an, wenn ich solch eine Krise einfach auslasse. Außerdem ist solch eine Krise zwar etwas sehr Persönliches. Zugleich denke ich aber, dass grundlegende Mechanismen und Strukturen dahinter nicht nur mich, sondern noch viele andere betreffen. Insbesondere gilt das wohl im pädagogischen Bereich, wo sehr viele Menschen mit viel Idealismus in widrigen Umständen arbeiten. Das Schreiben über solch eine Krise kann in diesem Sinne vielleicht auch anderen weiterhelfen. Mindestens hilft das Schreiben mir, meine Gedanken zu sortieren.

Damit aber genug der zweifelnden Vorrede. Ich starte mit der grundlegenden Frage: Was war überhaupt los?

Was war los?

Meine Krise kam nicht aus dem Nichts. Es gärte schon länger in mir, was sich vor allem in einem zunehmenden Hadern über meine Wirkungsmöglichkeiten zeigte. Immer wieder versuchte ich darüber auch zu schreiben, zum Beispiel in meiner Edumail im Sommer, und auf diese Weise mir selbst und auch anderen trotz alledem Mut zu machen. Das Hadern ging damit aber nicht weg! Ich fühlte mich zunehmend erschöpft und unzureichend. Alles war irgendwie schwierig, nervig oder frustrierend. Ich merkte, dass ich anderen gegenüber ungerecht wurde. Innerlich dachte ich häufiger: „Nicht schon wieder solch ein Blödsinn!“, während ich früher sehr geduldig versucht hätte, zu erklären.

Im frühen Herbst potenzierte sich das Ganze noch weiter. Mein Terminkalender war voll und ich war sehr viel bei Veranstaltungen unterwegs. Nach außen funktionierte ich so wie immer, aber nur bis ich abends die Hoteltür hinter mir schloss. So ganz verstand ich das oft selbst nicht. Als dann aber alles gefühlt immer schwerer, das Zusammenreißen und Funktionieren immer anstrengender wurde und ich erste Termine wegen Krankheit absagen musste, war mir klar: Das möchte ich so nicht und das geht so auch nicht!

In dieser Situation traf ich eine sehr wichtige Entscheidung und verordnete mir selbst eine Auszeit. Relativ einfach möglich war das im jetzt anstehenden Dezember. Im Frühherbst waren in diesem Monat nur wenige Termine, die ich verschieben oder absagen konnte. Ich nahm dann einfach keine neuen für diesen Zeitraum an. Als ich mich zu dieser Auszeit entschieden habe, war ich mir noch sehr unsicher, was daraus folgen würde. Ich malte mir in Gedanken aus, dass es doch am besten sei, einfach alles hinzuschmeißen. Irgend etwas anderes würde sich dann schon ergeben. Ein paar Monate käme ich auch mit Ersparnissen über die Runden.

Interessanterweise war es aber genau der Entschluss zu dieser Auszeit, der mir – bevor die Auszeit überhaupt startete – klar machte, dass ich keine Märtyrerin oder Opfer bin, sondern mein Leben gestalten kann. Die Entscheidung half mir, genau diesen gestaltenden Blick wieder zurück zu gewinnen und auf diese Weise die akute Krise zu überwinden. Inzwischen denke ich, dass ich die Auszeit eigentlich gar nicht mehr brauche. Ich nehme sie mir trotzdem, vor allem auch präventiv, weil ich nicht direkt wieder auf die Nase fallen will. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich ab Januar dann wieder mit sehr viel Freude und Motivation weiter arbeiten kann!

Wie kam es dazu?

Ich habe oben beschrieben, wodurch meine Krise charakterisiert war. Spannender finde ich aber die Frage, was denn eigentlich die Auslöser dazu waren. Im Verlauf der Krise konnte ich darüber kaum reflektieren. Inzwischen habe ich für mich mehrere Aspekte identifiziert:

1. KI als dominierendes Thema

Seit Ende 2023 ist Künstliche Intelligenz das gefühlt alles andere dominierende Thema im Kontext von Bildung und Digitalisierung. Ich hatte mich 2024 dazu orientiert und schon dort jede Menge Lernangebote dazu gestaltet. Anfang 2025 habe ich dann noch einmal mit aller Kraft versucht, da noch weitere Ideen dazu zu überlegen, habe mit KI-Experimenten gestartet und meine Perspektive einer kontra-intuitiven KI-Nutzung entwickelt. Vielleicht auch gerade deswegen wurden die Anfragen zu KI nicht weniger, sondern immer mehr.

Während ich früher nur sehr selten über ein Thema mehrmals geredet hatte, war das nun der Normalfall. Ich versuchte, die Inhalte aufzuzeichnen und meine Erkundungsmaterialien offen zu teilen, so dass alle das auch einfach so weiternutzen konnten. Trotzdem kamen weitere Anfragen. Das war einerseits natürlich hilfreich, weil ich auf diese Weise mein Geld verdiente. Vor Beginn der KI-Debatte hatte ich aber auch nicht wirklich weniger verdient, aber zu sehr viel vielfältigeren Themen gearbeitet.

Ich möchte hier niemandem einen Vorwurf machen. Ich verstehe, dass dieses Thema – anders als viele andere Digitalisierungsschübe zuvor – einfach sehr beschäftigt und große Veränderungen mit sich bringt. Ich konnte mich nur einfach selbst nicht mehr hören, wenn ich zum gefühlt hundertsten Mal beispielsweise erzählte, dass solch ein Large Language Model (LLM) Technik sei und keine Magie.

Noch schwieriger waren die zahlreichen Anfragen, in denen sich Kolleg*innen erhofften, mit KI ihren bestehenden Unterricht optimieren zu können. Auch hier möchte ich niemandem einen Vorwurf machen. Ich weiß, wie die Situation in der Bildung aussieht und dass es an allen Ecken und Enden knirscht und Entlastung dringend gebraucht wird. Zugleich ist es aber auch meine feste Überzeugung, dass Vereinfachung und Automatisierung durch KI und die Verfestigung des bestehenden Unterrichts uns nur noch viel weiter von einer Bildung entfernt, die einer zunehmend komplexen und vernetzten Welt angemessen wäre.

Ich erklärte meinen Ansatz also vorab bei sehr vielen Anfragen und erläuterte auch, dass ich genau deshalb keine Tool-Schulungen machen würde und dass – wenn das die Erwartung wäre – sie lieber andere Referent*innen suchen sollten. Die Auftraggeber*innen waren von meiner Argumentation dann allerdings meist sehr schnell überzeugt. Viele der Teilnehmenden kamen dann trotzdem mit einer völlig anderen Erwartungshaltung. In den Evaluationen stand dann immer mehr Kritik. Zum Beispiel, dass man sich sehr viel mehr konkret weiternutzbare Praxis für den anstehenden Unterricht gewünscht hätte. Auch wenn es natürlich auch positives Feedback gab. blieb bei mir vor allem die Kritik hängen, die ich von früheren Veranstaltungen in solch einem Ausmaß nicht gewohnt war. Es beschäftigte mich sehr, warum es mir offensichtlich nur so unzureichend gelang, die Kolleg*innen von einer kritisch-konstruktiven und pädagogisch gestaltenden Haltung anstelle einer Vereinfachungslogik zu überzeugen.

Neben dieser Ebene von KI in Form von Lernangeboten für pädagogisch tätige Personen kam hinzu, dass sich mit KI das Internet für mich veränderte. Vor der Veröffentlichung der jetzigen generativen Sprachmodelle war Produktivität im Sinne von ‚in kurzer Zeit viele Inhalte erstellen‘ ein gefühltes Alleinstellungsmerkmal von mir. Über diese Inhalte kam ich in Resonanz mit anderen Menschen und darüber funktionierte auch mein Geschäftsmodell des Teilens. Jetzt nahm ich plötzlich überall immer mehr und immer professioneller anmutende Texte und Bildungsinhalte wahr. Auch wenn sich das (noch?) nicht in weniger Anfragen bei mir niederschlug, erfüllte mich das doch mit Sorge, ob ich überhaupt noch ausreichend sichtbar sei. Und ich zweifelte am Wert meiner eigenen Inhalte im Verhältnis zu den sehr fancy Produkten, die ich jetzt bei vielen anderen sah. Vor allem fehlte es mir in dieser Situation an Resonanz. Während nach dem Twitter-Verkauf die Social Media Aktivitäten rund um das Twitterlehrerzimmer ohnehin sehr zersplittert waren, kam jetzt noch dazu, dass es auf den vielen unterschiedlichen Plattformen gefühlt immer mehr Inhalte gab. Ich hatte den Eindruck, mit meinen Inhalten nicht mehr durchzukommen.

2. Eine unvorbereitete Buchveröffentlichung

Neben KI hat mich in diesem Jahr vor allem mein Buch „Lerngestaltung weiterdenken“ beschäftigt, das im September im Beltz Verlag erschienen ist. Ich war vom Verlag Ende des letzten Jahres angefragt worden, was mir zugegebenermaßen schmeichelte. Und als ich auch durchsetzen konnte, dass die Inhalte OER sein würden, ging ich das Projekt mit sehr großer Ernsthaftigkeit an. Entsprechend erwartete ich mir auch sehr viel davon. Mit einer Buchveröffentlichung bei Beltz ging ich davon aus, dass ich mit meiner Arbeit endlich ernster genommen würde und sich vor allem auch ganz neue Türen öffnen würden. Ich wäre dann die Nele, die in einem renommierten Verlag publiziert, also wahrscheinlich wichtige Sachen zu Bildung und Digitalisierung zu sagen hat. Ich hatte dabei leider übersehen, dass jedes Jahr hunderte Bücher bei Beltz erscheinen und dass die Vermarktung meines Buches maßgeblich bei mir liegen würde. Und das ist nun eine Rolle, die mir sehr fremd ist. Normalerweise teile ich meine Inhalte offen. Nun war ich in der Rolle, ein Buch anzupreisen und damit ein Verlagsmodell zu unterstützen, bei dem ich eigentlich sehr viel Änderungsbedarf sehe. Zugleich hatte ich auch richtig große Angst, dass all die Arbeit umsonst gewesen sein könnte, weil das Buch kaum nachgefragt wird.

Im Rückblick denke ich hier, dass ich mir vorab hätte klarer machen müssen (oder mir Beratung von anderen Menschen hätte holen müssen), was Buchveröffentlichung bedeuten kann und was eben auch nicht. Ich denke, dass sich eine Buchveröffentlichung durchaus nutzen lässt, um ein bestimmtes Thema zu setzen oder auch sich selbst zu einem Thema ins Gespräch zu bringen. So wie ich die ganze Sache angegangen bin – ohne eigenes Marketing mit Ausnahme einer freundlichen Edumail und mit wenig prägnanten Thesen – war das Ganze eher viel investierte Zeit für vergleichsweise wenig Output. Das hat mich sehr frustriert!

3. Sehr viele, wahrgenommene ‚gläserne Decke‘-Momente

Klassische Bildungsveranstaltungen nehme ich als sehr hierarchisch wahr: Es gibt die große und wichtige Keynote, darunter dann oft noch einzelne, weitere Vorträge oder Panels im Plenum und schließlich auf der untersten Stufe eine große Vielzahl an Workshops. Diese Hierarchie spiegelt sich nicht nur in der Bezahlung, sondern auch in der Außendarstellung und der Wahrnehmung vor Ort wider.

Für mich passte diese Hierarchie noch nie. Ich hatte schon immer den Eindruck, dass sich in Workshops mindestens so viel bewegen und voranbringen lässt, wie in einer Keynote. Da ich aber ja in den meisten Fällen bei solchen Veranstaltungen nicht insgesamt konzipiere, sondern als Referentin angefragt werde, fand ich es durchaus cool, dass ich im Laufe des Jahres 2024 von der Stufe der Workshops langsam immer mehr auf die Stufe der Vorträge kletterte. Das bedeutet: Es kamen Anfragen mit höherem Honorar und gefühlt größerer Wichtigkeit. Das war allerdings in 2024. Das ganze letzte Jahr über hatte ich immer mehr das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Denn ich blieb in ganz vielen Veranstaltungen bei Workshop oder Vortrag, während andere die ganz besonders wichtige Keynote hielten. Das nagte an mir, machte mich missgünstig und vor allem fing ich auch zunehmend an, an mir selbst zu zweifeln. Ich dachte: „Wahrscheinlich habe ich einfach zu hoch gepokert, aber eigentlich habe ich ja auch tatsächlich nicht wirklich spannende Gedanken anzubieten. Da ist es schon gut, eher in die zweite Reihe zu gehen.“ Zufrieden war ich damit aber nicht!

Verstärkt wurde dieses Gefühl, weil ich mir auch weitere Herausforderungen, die ich mir für dieses Jahr eigentlich vorgenommen hatte, nicht erreichte. Beispielsweise wollte ich sehr gerne endlich mal einen eigenen Talk bei der re:publica halten, der aber abgelehnt wurde. Gleiches beim CCC. Und beim University Future Festival kam ich dieses Mal erst als Nachrückerin rein.

In eine ähnliche Richtung erlebte ich schließlich noch Beiräte oder Beratungsgremien, in die ich hinzugezogen wurde. Hier saß ich zusammen mit Menschen, die über ihre sehr lange und sehr wichtige Biographie mit vielen entscheidenden Funktionen erzählten und/ oder Strukturen und Organisationen aufgebaut hatten und für große Bildungsprogramme mit mehreren Mitarbeitenden verantwortlich waren. Ich saß daneben und erzählte: „Ich bin Nele und habe eine Website!“ Natürlich hätte ich mich auch ganz anders vorstellen können: lange Auslandsaufenthalte schon während des Studiums, im bundesweiten Studierendendachverband über zwei Jahre im Vorstand, Abgeordnete im Bundestag zu Bildungspolitik, zwei abgeschlossene Studienrichtungen in sehr unterschiedlichen Bereichen … Diese Art der Selbstdarstellung kann ich aber nicht und mag ich vor allem auch nicht. In den Kaffeepausen stand ich dann eher allein, während sich die anderen gefühlt alle miteinander vernetzten. Und ich dachte: „Was mache ich hier eigentlich?“

4. Zunehmend emotionalisierte Bildungsdebatten

2025 war leider auch das Jahr, in der die Smartphone- und Social Media Debatte gefühlt an Fahrt aufnahm. Eigentlich hätte das etwas sehr Positives sein können, weil es gut ist, wenn Digitalisierung und die damit verbundenen Konsequenzen in der gesamtgesellschaftlichen Diskussion eine größere Rolle spielen. Leider habe ich diese Debatte vielfach als sehr emotionalisiert erlebt. Nun finde ich grundsätzlich nicht, dass Emotionen in Debatten etwas Verwerfliches sind. Schwierig wird es aus meiner Sicht dann, wenn Emotionen instrumentalisiert werden, um entweder bestimmte (aus meiner Sicht zu einfache) Forderungen voranzubringen oder die eigene Position zu stärken.

In der Folge hatte ich erstens den Eindruck, dass ich mit einer auch erst einmal fragenden oder erkundenden Äußerung direkt in ein bestimmtes ‚Lager‘ einsortiert wurde. Die Möglichkeit zu gegenseitigem Zuhören und Verstehen wollen, wurde damit kleiner. Zweitens führten die Debatten bei vielen pädagogisch tätigen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, zu einer sehr großen Verunsicherung. Auch das ist erst einmal nichts Schlechtes, sondern kann ja ein Antrieb zum Weiterlernen und zu Gestaltung sein. Ich nahm aber vielfach das genaue Gegenteil wahr. Anstatt auf Entwicklung, Growth Mindset und grundsätzlich ein Vertrauen in pädagogische Gestaltung zu setzen, ging die Freude und Bereitschaft zum Experimentieren, Erkunden und Lernen zurück. Oft mit der Begründung, dass das Ganze eben einfach zu gefährlich sei, wie man ja überall hören und lesen würde.

5. Eine immer prekärere Situation im Bildungskontext und in der Gesellschaft

Zu all diesen persönlichen Wahrnehmungen und Einordnungen kam dann natürlich auch noch die bildungspolitische und gesamtgesellschaftliche Situation dazu. Im Bildungskontext nahm ich ganz direkt bei immer mehr Kolleg*innen wahr, dass sie sich innerlich zurückzogen und keine Kraft mehr fanden, sich einzubringen, wenn die Rahmenbedingungen sich doch immer weiter verschlechterten.

Der Blick auf die Gesamtgesellschaft mit Wahlergebnissen und Wahlprognosen (z.B. bei uns in Sachsen-Anhalt im kommenden Jahr) war erschreckend. Und auch ansonsten stand und steht es um soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Demokratie und Frieden nicht zum besten. Auch hier fühlte ich mich zunehmend ohnmächtig und wusste nicht mehr weiter.

Was habe ich gelernt?

Meine Krise traf mich wahrscheinlich auch deshalb so stark, weil ich so etwas von mir bis dahin noch nicht kannte. Denn auch zuvor war ja niemals alles glatt gelaufen. Beispielsweise war ich auch während der Lockdowns der Corona-Pandemie ziemlich erschöpft gewesen. Trotzdem hatte ich mir immer eine grundsätzlich optimistische Haltung des ‚trotz alledem‘ bewahrt. Nun war das plötzlich wie beschrieben anders: Ich hatte das Gefühl, dass alles mühsam und schwer war und mir der Antrieb fehlte.

Auch wenn ich oben über die wahrscheinlichen Auslöser reflektiert habe, weiß ich bis jetzt nicht, weshalb sie dieses Mal in eine so tiefe Krise mündeten. Ich vermute, dass es erstens daran lag, dass sehr vieles auf einmal zusammen kam. Zweitens trugen wohl auch Überarbeitung und wenig Pausen in den letzten Jahren einen Teil dazu bei. Vielleicht ist so etwas auch ein bisschen zufällig. Umso wichtiger finde ich, darüber zu schreiben, was man denn gegen solch eine Krise tun kann. Denn genau wie es mich in den letzten Monaten getroffen hat, kann das sehr wahrscheinlich auch anderen passieren, die mit sehr viel Motivation und Idealismus im Bildungskontext arbeiten.

Was also habe ich aus der Krise gelernt? Die folgenden sechs Punkte erscheinen mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig:

1. Ich kann gestalten!

Ich habe oben bereits geschrieben, dass der Wendepunkt meiner Krise die Entscheidung für eine bewusste Auszeit im Dezember war. Mit dieser Entscheidung hatte ich wieder den Eindruck, in eine gestaltende Position zu kommen. Mir wurde klar, dass ich nicht verpflichtet bin, irgend etwas zu machen. Und dass ich allein die Welt ganz sicher nicht retten kann. Eine Märtyrerhaltung im Sinne von ‚Da passiert so viel Mist, da muss ich jetzt unbedingt etwas tun!‘ hilft nicht weiter, weil ich selbst dabei kaputt gehe. Stattdessen kann und sollte ich bewusst entscheiden, wofür und wie ich meine Energie einsetze.

2. Ich sollte bewusst Herausforderungen suchen!

Zum Gestalten gehört auch dazu, dass es inzwischen zu großen Teilen auch an mir liegt, mir neue Herausforderungen zu suchen. Zu Beginn meiner Freiberuflichkeit funktionierte das ganz automatisch. Da war einfach alles neu und immer herausfordernd. Da inzwischen vieles aber zur Routine geworden ist, liegt das viel mehr bei mir: Natürlich kann ich einen einmal gehaltenen Vortrag einfach noch einmal halten. Wahrscheinlich wird es vor Ort niemandem auffallen und die Auftraggeber sind damit zufrieden. Allerdings möchte ich nicht Schallplatte sein und bin unzufrieden, wenn ich den Eindruck habe, wieder und wieder das Gleiche zu erzählen. Gerade im Kontext von KI, wo sich so viel an der grundsätzlichen Einordnung der Technologie im Bildungsbereich eben doch nicht ändert, wird es nicht immer klappen, dass ich mir völlig neue Sachen ausdenke. Aber sehr wohl kann ich andere Darstellungen versuchen, neue Bilder entwickeln, vor allem in Workshops unterschiedliche Zugänge und Gestaltungen versuchen und vieles mehr.

Insbesondere versuche ich auch ganz bewusst, eigene Themen zu setzen. In der letzten Edumail habe ich das zum Beispiel mit dem Thema der kollektiven Wirksamkeit versucht. Ich weiß noch nicht, ob sich daraus dann auch Anfragen ergeben. Das würde mich sehr freuen und ich werde solche Themensetzungen häufiger versuchen.

3. Es wird immer Phasen geben, in denen nichts vorangeht!

Neue Herausforderungen zu suchen ist wichtig, aber ich muss mir auch eingestehen, dass es nicht immer nur vorangeht. Weiterentwicklung und Lernen brauchen auch Phasen, die durch ‚auf der Stelle treten‘ geprägt sind. Das kann ich nur schwer aushalten. Fehler zu machen, schreckt mich nicht, weil das wenigstens ein aktiver Prozess ist, aus dem ich lernen kann. Stillstands-Phasen dagegen finde ich unbefriedigend. Da hilft es auch nicht, dass ich diese Lektion schon als Kind von meiner Mutter gepredigt bekam: ‚Liebe dein Lernplateau!‘

Wahrscheinlich hilft es, mir zukünftig besser bewusst zu machen, dass solche Phasen wichtig sind. Für meine anstehende Auszeit habe ich mir deshalb ganz bewusst gar nichts vorgenommen. Ich glaube, sie hilft mir vor allem dann, wenn ich mir klarmache: Da muss gerade nichts weltbewegend Neues oder Produktives rauskommen. Es darf einfach ’nur‘ um Reflexion und Regenerierung gehen!

4. Ich muss nicht mitspielen, wenn ich nicht will!

Die oben beschriebenen ‚gläserne Decken‘-Momente haben mich in meiner Krise besonders unzufrieden gemacht. Das ständige Vergleichen mit anderen nagt innerlich und ist wahrscheinlich auch einfach nicht sinnvoll. Wir alle bewegen uns in unterschiedlichen Kontexten und Strukturen. Als Solo-Selbstständige kann und sollte ich mich nicht mit einer ganzen Agentur, einer Uni-Professur oder einem Forschungsinstitut vergleichen! Das muss ja zwangsläufig dazu führen, dass ich an meinem eigenen Können zweifle.

Zugleich gilt: Wenn ich ähnliches machen wollte, könnte ich das tun. Es ist meine Entscheidung, ob ich ‚Nele mit einer Website‘ sein will, die über gutes Lernen im digitalen Wandel bloggt – oder Nele, die z.B. eine Agentur gründet, Mitarbeitende einstellt und sich auf große Förderprojekte bewirbt. Zumindest aktuell kann ich mir letzteren Weg nicht vorstellen. Dann hilft es mir, wenn ich akzeptiere: Dadurch stehen mir manche Wege nicht offen. Aber viele andere eben doch!

Mitspielen muss ich auch nicht bei hierarchischen Konferenz-Settings. So sehr es schmeichelt, wenn eine Keynote-Anfrage kommt: Ich weiß auch, dass ich dieses Spiel meist gar nicht wie erwartet mitspiele. Ich finde frontale Vorträge vor fancy Folien nicht sinnvoll. Ich versuche stattdessen, im Publikum zu arbeiten, Murmelrunden zu machen, auf Folien zu verzichten. Auch das ist eine bewusste Entscheidung, bei der ich bleiben möchte.

Dieses ’nicht mitspielen wollen‘ hat für mich auch eine feministische Dimension: Gläserne Decken durchstoßen bedeutet nicht nur, endlich auch ’nach oben‘ zu kommen. Es bedeutet oft auch, sich anzupassen an Strukturen und Verhaltensweisen, die ich eigentlich ablehne. Ich benenne so etwas oft mit Mackertum, Selbstinszenierung oder Machtspielen. Ich bin davon natürlich nicht frei, sondern habe leider längst auch solche Verhaltensweisen übernommen. Eigentlich will ich das aber gar nicht und deshalb auf keinen Fall noch mehr. Anstatt mich also über fehlende Keynote-Anfragen zu grämen, kann ich besser versuchen, eine andere Art von Impulsen vorzuleben und damit vielleicht sogar dazu beitragen, dass sich Strukturen verändern.

5. Ich brauche Bündnispartner*innen, denen ich vertraue!

Ganz wichtig finde ich Bündnispartner*innen im beruflichen Kontext, denen ich vertraue und bei denen ich den Eindruck habe, dass wir grundsätzlich im gleichen Team spielen, also auf eine Bildung hinarbeiten, die Lernende ernst nimmt und ermächtigt. Während der wirklichen Krisenzeit war es zwar schwierig, mit solchen Bündnispartner*innen wirklich offen zu kommunizieren, was bei mir los war. Aber schon Andeutungen haben geholfen und das Gefühl gegeben nicht allein zu sein. Ich nehme mir nun in jedem Fall vor, mir mehr Zeit für persönliche Gespräche zu nehmen. Also zum Beispiel früher anreisen und abends noch ein Glas Wein zusammen trinken oder nach einer Veranstaltung noch einen Kaffee. Ich denke, dass ich so etwas in den letzten Jahren viel zu wenig versucht habe.

6. Wirkung ist oft unsichtbar!

Damit bin ich schon beim letzten Punkt meiner Learnings angekommen. Dieser lautet, dass ich nicht so sehr an eigener Wirkung zweifeln sollte. Natürlich könnte alles immer viel besser sein. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass immer mal wieder etwas auch mit durch meine Aktivitäten vorangebracht wird. Sehr aus der Krise geholfen haben mir in diesem Sinne einzelne Veranstaltungen in den letzten Monaten, in denen ich merkte, dass Menschen sich auf Sachen bezogen, die ich irgendwann mal geschrieben oder gemacht habe. Das war also nicht alles einfach verpufft. Und es braucht wahrscheinlich einfach Vertrauen, gerade im Kontext des offenen Teilens, dass so etwas ankommt.

Weil ich das für mich so wichtig finde, nehme ich mir außerdem vor, auch anderen, die sehr gute Bildungsarbeit machen, zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Das kann einfach durch Rückmeldungen der Weiterempfehlung sein oder auch durch praktische Hilfe beim Aufbau einer eigenen Website. Das ist dann nicht mehr nur Wirkung der eigenen Arbeit, sondern Ermöglichung von zugleich auch ganz viel Wirkung von anderen. In der Summe kommt so dann doch einiges voran!

Fazit

Das war eine sehr lange Auseinandersetzung und Reflexion zu meiner Krise. Ich bin froh, dass ich es aufgeschrieben habe. Das Schreiben hat mir geholfen, alles noch einmal bewusst zu durchdenken. Ich mache jetzt nicht einfach gleich weiter, sondern nehme mir Zeit zur Aufarbeitung. Es ist gut, dass ich dazu jetzt ein paar Wochen selbstgewählte Pause habe und ich freue mich auf lange Spaziergänge, Schwimmen und ganz viel Schlaf!

Wir lesen, hören und sehen uns vielleicht noch in der kommenden Woche und dann im Januar wieder. Für meinen Teil hoffe ich mit noch mehr wiedergewonnenem Optimismus und Freude! 🙂


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9 Antworten
  1. @nele Ich bin sicher, mit dieser mutigen ehrlichen Reflexion hilfst du sehr vielen Menschen auf allen Ebenen und auf allen Seiten des Bildungswesens. Eine angenehme Auszeit wünsche ich und

  2. @nele Danke! ♥️

    (Schade, dass ich auf dem OERcamp in Hannover an der Expo Plaza nicht den Mut fand, dich anzusprechen.)

  3. @nele Vielen Dank für diese mutigen Ausführungen und Erklärungen, Nele! Ich habe schon einige Ihrer Materialien und Ideen in der DaF-Lehrendenausbildung mit Gewinn verwendet und verfolge Ihre Posts mit viel Interesse und Freude. Herzlichst, Eva (Inspé de Paris).

    1. Danke für die Rückmeldung und herzliche Grüße nach Frankreich!

  4. @nele

    Liebe Nele,
    ich danke dir so sehr für diesen Beitrag!
    Du sprichst aus, was ich schon lange denke: Viele Diskussionen der schönen neuen KI-Welt bleiben an der Oberfläche, sie dienen keiner inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern dazu, den eigenen Status zu erhöhen. Es geht um Macht, Einfluss und Deutungshoheiten. Mir ist das zuwider, weshalb ich für mich vor einiger Zeit die Entscheidung getroffen habe, auf jeden Fall niemals damit aufzuhören, an der pädagogischen Basis zu arbeiten. /1

    1. @nele Dass Krisen zum Leben dazugehören und einen weiterbringen können, habe ich im vergangenen Jahr auf schmerzhafte Weise erfahren. Am Ende stellt sich immer die Frage: Was ist bedeutsam? Was sind meine Werte? Wofür möchte ich Energie aufbringen? Ich für meinen Teil kann sagen: Ich lese dich sehr, sehr gerne. Du bist für mich ein leuchtender, sehr ernsthafter Hoffnungsschimmer am Himmel der Selbstdarsteller, denen es ja gar nicht um eine höhere Qualität echter pädagogischer Beziehungen geht. ⭐️

      1. Danke dir, liebe Susanne. Beim Schreiben des Artikels musste ich oft an dich denken. Es war mit auch deine Art der öffentlichen Reflexion, die mich dazu brachte, über diese Krise öffentlich zu schreiben.

  5. @nele Falls sich jemand für das großartige Buch interessiert, so habe ich es wahrgenommen: https://seagent.de/angestupst-zum-weiterlernen-lerngestaltung-weiterdenken-nele-hirsch/

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