Study Mode von OpenAI: Weiter in eine falsche Richtung!

Screenshot von OpenAI

OpenAI bietet ab sofort einen so genannten Study Mode auf ihrer Plattform ChatGPT an. Ähnlich wie bei der schon zuvor veröffentlichten Recherchefunktion und weiterer Werkzeuge wird dieser Modus innerhalb eines Chats aktiviert. Ich gebe also einen Prompt ein – und klicke zugleich an, dass ich dazu im Lernmodus chatten will. Daraufhin wird eine von OpenAI hinterlegte Systemanweisung aktiviert, die zum Beispiel dazu führt, dass der Bot mir mehr Fragen stellt, als fertige Antworten gibt, mich Schritt für Schritt durch das Gespräch führt, mein Lernlevel erfragt und immer mal wieder Wissensüberprüfungen einstreut. Dabei nutzt der Chatbot eine motivierende und unterstützende Sprache. Laut dem Blogbeitrag von OpenAI zu der Neuerung wurde der Study Mode ‚in Zusammenarbeit mit Lehrkräften, Wissenschaftlern und Pädagogikfachleuten formuliert‘.

Ist diese Neuerung aus pädagogischer Perspektive sinnvoll? Ich habe Zweifel – und möchte die folgenden Aspekte zur Reflexion teilen:

  1. Alles, was der Study Mode macht, konnte man schon zuvor in gut geschriebenen Prompts unterbringen. Dadurch, dass es dazu jetzt einen spezifischen Modus gibt, wird genau solch ein bewusstes Instruieren der Maschine nicht mehr gelernt – zumal die Systemanweisung ja auch nicht direkt transparent ist. Man läuft Gefahr, sich von der Maschine programmieren zu lassen, statt die Maschine im eigenen Sinne zu programmieren. Der Study Mode steht somit im Widerspruch zu einer mündigen Technologie-Nutzung.
  2. Der Study Mode verstärkt den Automation Bias, wonach Menschen von einem KI-Chatbot intuitiv richtige, objektive Antworten erwarten. Unter der Haube verändert sich die Technologie aber nicht. Es findet weiterhin eine Wahrscheinlichkeitsberechnung auf Basis der Datenbasis statt, auf der das Modell trainiert wurde. Halluzinationen sind in dieser Technologie angelegt. Aus meiner Perspektive kann diese Technologie lernförderlich sein, aber nicht, wenn von ihr objektive, richtige Antworten (oder eben eine inhaltlich korrekte Lernbegleitung) erwartet werden, sondern eher als Resonanzmaschine. Genau diese Perspektive wird mit dem Study Mode aber noch mehr verstellt.
  3. Der Study Mode ist ein weiterer Schritt, um Menschen zu einer Nutzung und in der Perspektive dann einer Registrierung auf der Plattform zu drängen – mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten wie Lock-In-Effekte, fehlende demokratische Gestaltung und Intransparenz. Mit solch einer Plattform-Logik lässt sich keine gute, demokratisch gestaltete und digital-mündige Bildung realisieren. Nötig wären dazu dezentrale und offene Ansätze und gemeinsames Experimentieren und Lernen.

Die verwendete Systemanweisung (fragend und personalisiert begleiten, schrittweise vorgehen, abwechslungsreich erklären …) ist sicherlich weitgehend zum Lernen sinnvoll. Dadurch aber, dass es als Modus vorgegeben ist, wird eben gerade nicht das Lernen selbst gelernt. Insgesamt wirkt der Study Mode auf mich eher wie ein bewusst gestalteter Marketing-Schachzug, um mit der eigenen Plattform besser Zugang in den Bildungsbereich zu bekommen, als eine sinnvolle pädagogische Neuerung.


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