Das SIOK-Modell für gutes Lernen im Kontext von KI

Eine Kritzelei zu den 4 Ebenen des SIOK-Modells

Im Kontext von KI kommt in der Bildung gerade einiges in Bewegung. Das ist verständlich, denn durch Maschinen, die den Anschein erwecken, vormals originär menschliche Herausforderungen immer besser bearbeiten zu können, stellt sich natürlich die Frage, was Lernen in solch einer Situation noch leisten kann und soll.

Ich plädiere im folgenden Beitrag dafür, dass wir angesichts dieser Herausforderung nicht KI-Technologie hinter her rennen und uns mit oberflächlichen Antworten zufrieden geben, sondern ausgehend von uns als Menschen gestalten und dafür vor allem die Frage des ‚Wofür?‘ von Bildung in den Blick nehmen.

Zwei zentrale Fragen: Wie und wofür lernen wir?

Bei Reflexionen zu Bildungstransformation im Kontext von KI finde ich zwei Leitfragen für mich entscheidend:

  1. Wie können wir mit uns, mit anderen und in Interaktion mit KI lernen und lehren?
  2. Wofür lernen und lehren wir?

Die erste Frage ermöglicht es uns, Bildung nicht ausgehend von KI-Technologie zu definieren, sondern von einem Lernen, das ganzheitlich gedacht wird und technologische Möglichkeiten selbstverständlich einbezieht, aber eben nicht darauf reduziert. In diesem Sinne ist KI-Technologie dann eine sehr hilfreiche, aber eben nicht die alleinige oder primäre Wissensquelle.

Die zweite Frage ermöglicht es uns, Bildung gesamtgesellschaftlich und in unserer aktuellen Gegenwart zu verankern. Angesichts einer zunehmend krisenhaften Welt führt solch eine Verankerung in der Gegenwart zwangsläufig dazu, dass wir nicht länger eine ’neutrale‘ Kompetenzorientierung verfolgen können, wie sie in vielen bisherigen Future Skills Frameworks durchschimmert.

Also zum Beispiel:

  • Wir müssen lernen, mit Komplexität umzugehen.
  • Wir müssen lernen kollaborativ zu arbeiten.
  • Wir müssen lernen Veränderungen aktiv zu gestalten.

Diese Ziele sind sicherlich nicht falsch, aber unvollständig, weil ihnen ein ‚Wofür?‘ fehlt. Ich plädiere stattdessen für ‚gerichtete‘ Kompetenzen. In diesem Sinne ermöglichen es Kompetenzen uns, die Krisen unserer Welt anzugehen und bessere Zukünfte – in sozialer, demokratischer und ökologisch verantwortlicher Perspektive – entwickeln zu können.

Aus den obigen Beispielen könnte mit einem ‚Wofür?‘ dann etwa werden:

  • Wir müssen lernen, mit Komplexität umzugehen, damit Demokratie über Autokratie gewinnt.
  • Wir müssen lernen kollaborativ zu arbeiten, damit wir soziale und inklusive Lösungen für aktuelle Herausforderungen finden.
  • Wir müssen lernen Veränderungen aktiv zu gestalten, damit wir gemeinsam eine lebens- und liebenswerten Welt entwickeln können.

Konkretisierung: Das SIOK-Modell

Ich habe nach einem einfachen und vielfältig weiternutzbaren Ansatz gesucht, mit dem sich diese beiden Fragen ganz konkret in Lernangeboten operationalisieren lassen. Mein im Ergebnis dazu entwickeltes Modell ist das SIOK-Modell. Es ist inspiriert von Otto Scharmers Theorie U, Christine Wamslers These der Trennung in den existenziellen Nachhaltigkeitswissenschaften, dem Ansatz der Modellierung und zahlreichen weiteren Lernansätzen.

SIOK steht hier für die vier verwendeten Ebenen:

  • Subjektiv
  • Intersubjektiv
  • Objektiv
  • Kollektiv-schöpferisch

Was bedeutet dieses Modell genauer und wie kann es konkret angewandt werden?

Beispiel: Konzepterschließung

Das SIOK-Modell lässt sich unter anderem zum Einsatz bringen, wenn wir beim Lehren und Lernen vor der Herausforderung stehen, uns ein bestimmtes Konzept zu erschließen. Der grundsätzliche Ansatz lässt sich sicher aber auch auf andere Lernherausforderungen übertragen.

Was würden die vier Ebenen im Beispiel von Konzepterschließung bedeuten?

Ebene 1: Subjektiv (= Was denke, spüre und fühle ich dazu?)

In Ebene 1 richten wir den Blick auf das, was wir bereits mit dem gewählten Konzept verbinden. Im Sinne einer Modellierung fragen wir: Was habe ich zu dem Konzept schon erfahren und was verbinde ich damit?

In guten Lernsettings ist solch ein Aufgreifen von und Anknüpfen an den Vorerfahrungen der Lernenden nichts Neues. Wichtig (und bislang noch nicht überall verbreitet) finde ich, dieses Anknüpfen in einer ganzheitlichen Perspektive zu ermöglichen. Es geht somit nicht nur um die Frage, was wir zu dem gewählten Konzept denken und wissen, sondern was wir damit in einem ganzheitlichen Sinn verbinden.

Wir können dazu zum Beispiel die folgenden Fragen stellen:

  • Was weiß ich dazu und was denke ich dazu?
  • Was fühle ich dazu?
  • Was spüre ich dazu? (z.B. auch: Welche Erlebnisse kommen mir dazu in den Sinn? Wie habe ich diese auf den verschiedensten Sinnes-Ebenen erlebt?)

Ebene 2: Intersubjektiv (= Wie erweitere ich meine Perspektive im Austausch mit anderen?)

In Ebene 2 begeben wir uns in einen Austausch mit anderen. Das ermöglicht uns durch Perspektivwechsel oder Perspektiverweiterung einen systemischen Blick auf das jeweilige Konzept zu entwickeln.

Wir können in diesem Sinne zuhörend und dialogisch erkunden und andere fragen: Was verbindest du mit dem Konzept?

Für gutes Lernen ist es hier sehr hilfreich, möglichst vielfältige Perspektiven aufzugreifen und sich damit auseinander zu setzen.

Ebene 3: Objektiv (= Was gibt es schon an gesichertem Wissen dazu?)

In Ebene 3 geht es um das gesicherte Wissen, das objektiv zu dem Konzept vorliegt und reproduziert werden kann. Es geht um messbare, gesicherte Erkenntnisse, die ich zu dem Konzept aufgreifen kann.

Insbesondere hier ist eine ‚Erweiterung der Schädeldecke‘ und eine Interaktion mit KI-Modellen sehr zielführend. Denn aufbauend auf der subjektiven und der intersubjektiven Ebene kann ich in Interaktion mit KI-Sprachmodellen als Resonanzmaschinen sehr gut erforschen, mit welchem Wissen und welchen Ansätzen sich meine Überlegungen verbinden lassen und dazu dann weiter recherchieren und vertiefen.

Ebene 4: Kollektiv-schöpferisch (= Wofür ist das eine Lösung im Kontext aktueller Krisen und was kann entstehen?)

Ebene 4 ist für mich die spannendste Ebene und zugleich der Bereich, bei dem ich in der Bildung bisher den größten ‚blinden Fleck‘ wahrnehme. Adressiert wird auf dieser Ebene die einleitend gestellte Frage nach dem Wofür. Es geht also um eine Reflexion dazu, wie ich das jeweilige Konzept einordnen und verwenden will, um zur Bewältigung von Krisen und zur Entwicklung guter Zukünfte beitragen zu können.

Drei Aspekte erscheinen mir auf dieser Ebene besonders relevant:

  1. Es geht um mehr als Reproduktion des Bestehenden (= angesichts gesamtgesellschaftlicher Krisen brauchen wir vor allem neue Antworten)
  2. Lernende müssen die Gelegenheit haben, eine Intention zu dem Konzept zu entwickeln (= Was ist mir dazu wichtig, was will ich dazu tun?)
  3. Wir können und sollten Offenheit ermöglichen (= Zulassen, dass etwas Neues entstehen kann)

Mit diesen Orientierungen sind die Antworten die auf dieser 4. Ebene entstehen nichts, was einfach aus mir selbst heraus entsteht, aber es kann durch mich in die Welt kommen.

Als Hintergrund insbesondere zur Intentions-Entwicklung ist die sogenannte Trennungsthese hilfreich, die in den Nachhaltigkeitswissenschaften unter anderem von Christine Wamsler entwickelt wurde.

Die zentrale Aussage der Trennungsthese ist:

Die Krisen unserer Gesellschaft sind keine externe Bedrohung, sondern haben ihre Ursachen in einer dreifachen Trennung: von uns selbst, von anderen und von der uns umgebenden Natur. Wenn wir diese Krisen bewältigen und bessere Zukünfte für alle entwickeln wollen, müssen wir diese Trennung zunächst bewusst machen und dann versuchen aufzuheben, indem wir auf Verbundenheit orientieren.

Eine Intention für eine folgende Handlung und Entwicklung entsteht vor allem dann, wenn Räume geschaffen werden, in denen diese Trennungen bewusster gemacht und in Richtung Verbundenheit und Wertschätzung gearbeitet wird.

Gerade diese 4. Ebene ist für mich der zentrale Hebel für Bildungstransformation ausgehend von unserer krisenhaften Welt im Kontext von KI.

Anwendung des Modells

Ich lade dich dazu ein, dir ein bestimmtes Konzept vorzunehmen, das dich gerade beschäftigt (z.B. Kollaboration, Diversität, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit …)

Damit begibst du dich in die Rolle einer lernenden Person und gehst die vier Ebenen des SIOK-Modells iterativ durch.

Abschließend kannst du reflektieren, wie gut es dir gelungen ist, dir das gewählte Konzept mit dem Modell zu erschließen – und es damit eben nicht nur zu verstehen, sondern vor allem auch für dich mit einer Intention zu verbinden.

Deine gesammelten Erfahrungen kannst du dann nutzen, um das Modell auch in deiner pädagogischen Tätigkeit bei der Gestaltung von Lernprozessen auszuprobieren.

Meiner Erfahrung nach kann dieses Modell sehr weiterbringend sein. Wenn ich mir z.B. das Konzept ‚Künstliche Intelligenz‘ in der Bildung zur Erschließung vornehme, dann kann ich mich über die Nutzung der 4 Ebenen wirklich sehr intensiv damit auseinandersetzen. Anders als mit vielen anderen Ansätzen kann ich für mich eine handlungsorientierte Perspektive entwickeln, was ich in meinem Kontext ganz konkret zu KI machen will und sollte, um einen Beitrag zu leisten, nicht nur für besseres Lernen, sondern auch für eine bessere Welt.

Fazit

Mein Ausgangspunkt für das SIOK-Modell ist nicht die Existenz von KI, sondern die Herausforderungen unserer Gegenwart. Vor diesem Hintergrund braucht es verändertes Lernen. KI-Technologie kann (insbesondere auf Ebene 3) wertvolle Beiträge leisten, um in solchen Lernprozessen voranzukommen. Wirklich transformativ mit Wirkung hin zu einer wachstumsorientierten Bildung und zu einer nachhaltigeren Welt werden solche Lernprozesse aber nur, wenn wir vor allem auch an Ebene 4 weiterdenken, also daran, was uns als Menschen ausmacht und wofür wir lehren und lernen.

Ich wünsche dir viel Freude beim Weiterdenken und Erkunden!


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