Den heutigen Tag habe ich in Timmendorfer Strand verbracht. Hier ist einer der Schulstandorte der Beruflichen Schule Ostholstein in Oldenburg. Gemeinsam mit Katrin Halfmann, Ann-Kathrin Peters und Ina Moebius habe ich für diese Schule einen Schulentwicklungstag konzipiert und durchgeführt.
Der Titel des Tages war ‚Mein Weg zu gutem Unterricht‘, was der Wunsch von Schulleitung und Vorbereitungsgruppe war. Man könnte nun natürlich – im Sinne von Stefan Ruppaner – erwidern, dass Unterricht aller Übel Anfang sei. Wir haben uns in der Vorbereitung lieber darüber gefreut, dass es in den Kollegien an den unterschiedlichen Schulstandorten offensichtlich den Wunsch gab und gibt, die eigene Gestaltung des Lernens (aka ‚Unterricht‘) zu hinterfragen, gemeinsam zu reflektieren und weiter zu entwickeln.
Persönlich hat es mir große Freude gemacht, solch einen Tag einmal nicht überwiegend in alleiniger Verantwortung, sondern in einem sehr gut funktionierenden Team vorzubereiten. Wir haben gemeinsam einiges an Zeit in die Vorbereitung gesteckt, was sich aus meiner Sicht sehr auszahlte.
In diesem Blogbeitrag teile ich die für mich fünf wichtigsten Aspekte der Konzeption und Durchführung, die ich zum Nachmachen und Weiternutzen sehr empfehlen kann.
1. Verändertes Lernen selbst erleben
Der ‚rote Faden‘ bei unserer Konzeption war, dass wir den Teilnehmenden ermöglichen wollten, ein verändertes Lernen selbst zu erleben. Wir haben dazu bewusst unterschiedliche Formate, einen klaren Rahmen und sehr viel Offenheit für die Gestaltung eigener Lernwege angeboten. Auch haben wir die beiden Impulse, die wir einplanten (siehe unten), bewusst sehr verschieden gestaltet: einmal mit Kritzelfolien, einmal gegenständlich und mit ‚Mini-Rollenspielen‘.
Damit dieses veränderte Lernen dann nicht nur einfach stattfand, sondern bewusst reflektiert werden konnte, haben wir morgens auf die Plätze Blanko-Hefte und Sticker mit Reflexionsfragen verteilt. Im Tagesverlauf haben wir dann immer wieder Zeit gegeben, um Notizen in den so entstehenden Lernjournals festzuhalten.
Meiner Beobachtung nach haben die Kolleg*innen diese Möglichkeit sehr unterschiedlich, aber insgesamt sehr viel und auch sehr vielfältig genutzt. Die Idee werde ich deshalb in jedem Fall vom heutigen Tag mitnehme. Unser genaues Vorgehen habe ich hier beschrieben.

2. Impulse mit Transfermöglichkeit
Wie oben geschrieben gab es am Vormittag zwei Impulse, die sich aus meiner Sicht ganz wunderbar ergänzten: Der erste Impuls kam von Katrin Halfmann und behandelte das Thema Haltung (zu dem sie auch ein sehr empfehlenswertes Buch geschrieben hat). Wir richteten damit den Blick also nach innen und stellten die Frage:
Wie können wir zu einer reflektierten pädagogischen Handlung kommen, insbesondere unter bewusster Nutzung des Inneren Teams?
Danach schloss sich ein Impuls von mir zum Nordstern in der Lerngestaltung an. Im Fokus stand somit die Frage:
Warum sind wir pädagogisch tätig? Worauf zielt gute Bildung?
Ich mochte diese Kombination erstens inhaltlich sehr gerne. Zweitens fand ich die Gestaltung gelungen. Denn bei beiden Impulsen haben wir schon zwischendurch immer wieder Raum für kurze Murmelrunden gegeben und vor allem schloss sich an jeden der Impulse eine mindestens 30-minütige Austauschphase an. Hierzu hatten wir Reflexions- und Transferfragen vorbereitet, über die die Kolleg*innen zu dem Gesagten in Austausch untereinander kommen konnten.
Ganz im Sinne, dass ja auch ein verändertes Lernen selbst erlebt werden sollte, waren diese Fragen bewusst als Einladung formuliert. Wir ließen auch offen, ob die Kolleg*innen sich dazu bei einem Kaffee zusammenstellen, sich einen ruhigen Raum für den Austausch suchen oder sich in Bewegung und damit auf einen kollegialen Spaziergang begeben wollten.

3. Wuselstationen für individuelles Lernen und ganz viel Austausch
Der Nachmittag war dann noch reicher an individuellen Lernangeboten. Unser Konzept waren hier mehrere Mini-Angebote als eine Art Stationenlernen. Die große Mehrheit der Stationen war unbetreut, d.h. die Kolleg*innen fanden ein Material vor, das sie nutzen und ausprobieren konnten. An vier Stationen konnten sie zudem in den Austausch mit uns als Referentinnen kommen.
Die Inhalte der Stationen waren bewusst vielfältig. Es ging um Classroom-Management, Herausforderungen der Generation Z, das innere Team, Künstliche Intelligenz, Achtsamkeitsübungen, Arbeit mit Schiebereglern, einen Einstieg ins Fediverse, einfache Bewegungsübungen für den Unterricht, das Kennenlernen von systemischen Fragen und vieles mehr. Natürlich gab es auch eine ‚Joker‘-Station, an der die Kolleg*innen sich zu spontan aufkommenden, selbst gewählten Fragestellungen austauschen konnten.
Wir haben das Angebot insgesamt ‚Wuselstationen‘ getauft, weil die Kolleg*innen sich genau das heraussuchen konnten, was sie interessierte und vor allem auch ganz flexibel zwischen den Stationen wechseln konnten.
Die Wuselstationen haben wir von Anfang an mit Weiternutzung im Blick konzipiert und deshalb alle Informationen zugleich auch online auf einer dafür eingerichteten Mini-Website eingestellt. Auf dieser werden wir jetzt im Nachhinein auch noch weitere Materialien hochladen. So haben die Kolleg*innen (und alle weiteren Interessierten) für die Nachbereitung einen reichen Online-Fundus, auf den sie zugreifen können.
Für die Erkundungen unsere Wuselstationen haben wir insgesamt 2 Stunden Zeit eingeplant. Kürzer sollte das aus meiner Sicht nicht sein. Wir haben die Erkundung der Wuselstationen bewusst mit dem Aufruf verbunden, sich auch mit den Kolleg*innen in Austausch zu begeben, mit denen man ansonsten vielleicht weniger zu tun hat. Insgesamt habe ich auch diesen Part als sehr gewinnbringend erlebt.
4. Karten-Flaschenpost als Abschlussmethode
Für solch einen intensiven Tag braucht es eine gute, zusammenführende aber vor allem auch auflockernde und prägnante Abschlussmethode. Wir haben dazu – eigentlich aus der Not heraus, weil im Plenumsraum nicht genug Platz für Bewegung z.B. für einen Kartenaustausch oder Ähnliches war – die Methode ‚Karten-Flaschenpost‘ erfunden.
Sie funktionierte so:
- Alle notierten sich auf einer verteilten Karte gut lesbar etwas, was sie am heutigen Tag weitergebracht hat, einen Aha-Effekt zum Tag oder eine neue Erkenntnis.
- Auf ein Signal hin wurden die Karten ganz schnell durch den ganzen Raum gereicht, so dass beim Stopp-Signal kurz darauf alle eine andere Karte in der Hand hatten. Diese konnte man dann lesen und sich so von einer Erkenntnis eines Kollegen oder einer Kollegin inspirieren lassen.
- Dieses Vorgehen haben wir noch zweimal wiederholt. Am Ende behielten alle die ‚Flaschenpost-Karte‘, die sie aus dem kollektiven Erkenntnis-Pool zufällig gezogen hatten. Verbunden mit der Einladung, diese Erkenntnis doch auch für sich zu durchdenken.
Für mich war diese Methode eines der Highlights des Tages, weil alle augenscheinlich mit viel Freude dabei waren und hoffentlich ganz niederschwellig und vor allem zufällig mit noch weiteren Erkenntnisperlen, nicht nur den eigenen, nach Hause fuhren. Gerade in Räumen, die für mehr Bewegung zu eng sind, kann ich das Vorgehen sehr empfehlen.

5. Und der Strand vor der Tür!
Sehr schön war es natürlich außerdem, den Strand direkt vor der Tür zu haben. Auch wenn ich in der Durchführung recht eingespannt war, habe ich das zumindest für einen Mini-Spaziergang am (heute ziemlich kalten und zum Teil gefrorenen und damit sehr schönen) Ostseestrand genutzt. Viele Kolleg*innen nutzten es für kollegialen Walk & Talk im Anschluss an die Impulse oder auch bei den Online-Wuselstationen.

Dieser Aspekt wird sich nicht so einfach nachmachen lassen. Schön ist es aber in jedem Fall, dass es solche Lernorte gibt!
Fazit
Vielen Dank für die Anfrage und Einladung – und insbesondere auch für den Austausch mit sehr viel Ernsthaftigkeit an meiner KI-Wuselstation. Ich hatte viel Freude! Allen Beteiligten wünsche ich viel Erfolg bei der Nachbereitung und ich bin gespannt, was weiter aus den Anstößen entsteht.
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