Auf der Suche nach zeitgemäßer Bildung: Mögliche Spuren für die Edunautika-Expedition

Veröffentlicht am 2.5.2019

In seinem ‘inoffiziellen Vorwort’ zur diesjährigen Edunautika beschreibt Jöran das vor uns liegende Barcamp zu zeitgemäßer Pädagogik im digitalen Wandel als Erkundungstour. Viele verbänden mit dieser Erkundungstour die Hoffnung, einen Schatz zu finden: den Schatz der guten Bildung. Doch diesen Schatz gebe es nicht. Die Edunautika sei vielmehr eine Suche nach dem, was noch nicht da ist. Durch unseren Austausch, durch Ausprobieren und durch Zusammenbringen unterschiedlicher Perspektiven könnten wir diesen Schatz gemeinsam gestalten und entwickeln.

Ich gehöre in der Dichotomie des Zusammenbringens zweier Gruppen bei der Edunautika - der Reformpädagogen und der Digital-Pädagogen - ein bißchen zu beiden, aber wahrscheinlich deutlicher zu denen ‘mit dem Strom’. Im Rahmen von digital-unterstützter Bildung habe ich in den letzten Jahren Methoden, Herangehensweisen und Lernformen gefunden, die möglicherweise erste Spuren in Richtung zeitgemäßer Bildung sein können.

Fünf dieser Spuren (zu dem Schatz, den es noch gar nicht gibt) und die ich deshalb lohnend und relevant zum Weiterverfolgen finde, möchte ich in diesem Blogbeitrag vorstellen.

1. ‘Smartphone als Kulturzugangsgerät’ / Lernen im und für das offene Netz

Die Einordnung des Smartphones als Kulturzugangsgerät stammt von Lisa Rosa. In eine ähnliche Richtung argumentiert Bob Blume mit der Darstellung des Smartphones als ‘Weltaneignungsassistent’.

Gemeint ist mit diesen Begriffen das ungeheure Potential dieses Geräts, das wir (und so gut wie alle Schülerinnen und Schüler bzw. auch so gut wie alle Lernende in anderen Bildunskontexten) mit uns herumtragen. Es lassen sich damit Informationen recherchieren, unterschiedliche Perspektiven betrachten, miteinander kommunizieren, gemeinsam an etwas arbeiten, etwas planen und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund mutet es reichlich absurd an, dieses Potential nicht zum Lehren und Lernen zu nutzen. Doch das ‘Kulturzugangsgerät’ hat natürlich auch seine Schattenseite: Monopolisierte Strukturen, die gerade keine Vielfalt erlauben, die Fake-News befördern und mit unseren Daten Profite machen.

Das Smartphone als Kulturzugangsgerät habe ich vor diesem Hintergrund (wieder)gefunden bei den Akteuren, die für ein offenes Internet eintreten. Die für mich beste Definition des Begriffs ‘offenes Internet’ stammt von Marc Surmann von der gemeinnützigen Mozilla Stiftung. Er definiert ‘Open Web’ als Internet, das von und für alle Menschen gestaltet ist. (Ausführlich habe ich dazu hier gebloggt.) In einem in solcher Art und Weise gestalteten offenen Internet lässt sich das Potential des Smartphones als Kulturzugangsgerät dann in der Tat entfalten. Denn es ist geprägt von dezentralen Strukturen, von wertschätzender Kommunikation und von gemeinsamem Machen. Eine mögliche Spur zum Weiterverfolgen beim Entwickeln zeitgemäßer Bildung könnte deshalb das Lernen im und für das offene Netz sein.

Im Kontext der Reformpädagogik lässt sich das Eintreten für ein offenes Netz vielleicht fassen als Herausforderung der Lernumgebungsgestaltung - d.h. als Gestaltung eines weiteren ‘Materials’, das Entwicklung der Lernenden ermöglicht. Ich bin gespannt, was wir uns zu dieser möglichen ‘Spur’ hin zu zeitgemäßer Bildung auf der Edunautika gegenseitig zu sagen haben.

2. Kultur des Teilens

Eng zusammenhängend mit dem Potential und der Herausforderung des Lernens im offenen Netz ist die Kultur des Teilens. Kennengelernt habe ich sie in den letzten Jahren insbesondere im Rahmen der Aktivitäten für freie Bildungsmaterialien (Open Educational Resources, OER). Bei OER geht es um viel mehr als um die rechtliche Frage einer offenen Lizenz. Vielmehr geht es darum, mit Bildung die Welt ein bißchen besser zu machen.

Zum einen kann das dadurch erreicht werden, dass durch die Offenheit der Materialien und Aktivitäten mehr Menschen an Bildung teilhaben können. Zum anderen verändert sich durch Offenheit aber auch die Art und Weise der Bildung. Nicht mehr das traditionelle Einzelkämpfertum ist prägend, das lehrende Berufe häufig kennzeichnet, sondern Austausch und Solidarität durch Teilen. Durch dieses Teilen eröffnet sich zudem die Perspektive von mehr Kollaboration. So muss das Material, das ich teile, nicht fertig sein - sondern ist immer auch eine Einladung zum Mit- und Weiterdenken.

3. Making & Lernen durch Gestalten

Unter Making versteht man kreatives Gestalten und Entwickeln auch mit digitalen Werkzeugen. Eine Übersicht zu den in diesem Zusammenhang verwendeten Begriffen (Fablab, Makerspace etc.) findet sich von Sandra Schön im Medienpädagogik Praxisblog. Aus reformpädagogischer Perspektive ist der grundlegende Ansatz von ‘Making’ nicht neu. Denn schon seit vielen Jahren finden sich in reformpädagogisch-orientierten Schulen und anderen Bildungseinrichtungen so genannte Lernwerkstätten, die Fragen, Ausprobieren und Entdecken sowie auf dieser Grundlage forschendes Lernen ermöglichen.

Ich halte diese Möglichkeiten des Forschens und des aktiven Gestaltens gerade in Zeiten des digitalen Wandels für grundlegend für zeitgemäße Bildung. Denn während es bei den früheren technologischen Geräten wie z.B. den ersten Computern, noch relativ einfach bzw. zumindest weit verbreitet war, daran herumzuschrauben und zu basteln, wirken die heutigen Geräte wie z.B. ein Smartphone viel verschlossener. Das führt zu der Tendenz, Digitalisierung kaum noch als gestaltbar zu erleben. Doch das steht im Widerspruch zu einer mündigen Gesellschaft.

Wunderbar dargestellt hat diese ‘Spur der aktive Technik-Erforschung und -gestaltung’ Maximilian Voigt in seinem Vortrag auf der Bits & Bäume Konferenz im letzten Jahr: Technik entdecken - durch offene Werkstätten & Projekte

4. Bildungsziel digitale Souveränität - z.B. dank offener und freier Software

Digitalisierung als gestaltbar zu erleben ist nicht nur eine Frage von Making, sondern auch eine Frage von Souveränität bei der Nutzung von digitalen Technologien. Ich plädiere deshalb dafür, digitale Technologien nicht nur zum Lehren und Lernen zu nutzen, sondern zugleich auch zum Thema von Lernprozessen zu machen. Das Ziel dieser Lernprozesse kann kein ‘Medienkompetenz-Führerschein’ sein. Denn es handelt sich dabei nicht um fertig vermittelbare Fähigkeiten, die man einmal lernt und dann abhakt. Stattdessen geht es - ähnlich wie bei der Kultur des Teilens - um eine Haltungsfrage.

Eine vielversprechende Spur hin zu digitaler Souveränität und damit zu zeitgemäßer Bildung ist für mich offene und freie Software sowie weitere offene Angebote im Netz. Entscheidend ist daran, dass man die Hoheit über die eigenen erstellten Inhalte behält und dass man diese exportieren und auch direkt teilen kann. In vielen Fällen ist auch der Code der Software verlinkt. Das bedeutet: Man kann sich ansehen, wer daran wie gearbeitet hat und man bekommt einen Eindruck davon - auch wenn man keine Ahnung vom Programmieren hat - wie das Tool funktioniert bzw. erkennt, wie man vorgehen könnte, um es anders zu gestalten.

Unter anderem weiter angestoßen wurde die Diskussion um digitale Souveränität (unter dem Begriff ‘Digital Literacies’) vor wenigen Wochen von Christian Friedrich für Wikimedia Deutschland. Das Dikussionspapier zur angestrebten Initiative für Digital Literacies findest Du bei Wikimedia Commons.

5. ‘Digital Sandbox’-Lernen

Die Idee einer ‘Digital Sandbox Time’ im Unterricht habe ich kürzlich im Blog von Dan Sumerell entdeckt. Er beschreibt damit eine Herangehensweise bei der Einführung eines neuen Tools oder App im Unterricht. In diesem Fall lässt er seine Schülerinnen und Schüler das neue Tool eigenständig erkunden und experimentieren. Darauf aufbauend kann dann gemeinsam reflektiert werden, wie es eingesetzt werden könnte.

In dieser Idee der ‘Digital Sandbox Time’ steckt für mich vieles drin, was zeitgemäße Bildung ausmachen kann: die Offenheit der Lernprozesse, die Rolle der lehrenden Person nicht mehr als allwissend, sondern begleitend und erkundend beim Lernen sowie die Annahme, dass Lernen (auch zu digitalen Themen) nicht abgeschlossen, sondern ein ständiger Prozess ist. Diese fünfte und letzte Spur schließt damit auch wieder an Jörans Aufruf an, die Edunautika als Erkundungstour zu verstehen, bei der gemeinsam weiter an etwas gedacht und entwickelt werden kann, das es noch gar nicht gibt.

Ich bin auf diese gemeinsame Erkundungstour sehr gespannt und freue mich auf das Kennenlernen weiterer und anderer Spuren - vielleicht auch gerade von denjenigen, die sich eher der Gruppe der Reformpädagog/innen zuordnen.

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