Wird das Webinar aufgezeichnet?

Veröffentlicht am 17.3.2021

Ausgangspunkt dieses Blogbeitrags ist die oft von Teilnehmenden beim Online-Lernen gestellte Frage: Wird das Webinar aufgezeichnet? Ich finde, dass man anhand dieser Frage gut darstellen kann, wie Dokumentation im Online-Kontext gut oder auch weniger gut funktionieren kann und wie gute Dokumentation sowohl von Lehrenden als auch von Lernenden unterstützt werden kann. Spoiler vorab: Allein mit einer Aufzeichnung ist eine Lehrveranstaltung noch nicht gut dokumentiert - und manches Mal kann eine Aufzeichnung gutes Lernen wahrscheinlich sogar eher erschweren.

Was bedeutet Dokumentation?

In der Wikipedia ist der Begriff Dokumentation aus meiner Sicht gut definiert:

Unter Dokumentation versteht man die Nutzbarmachung von Informationen zur weiteren Verwendung. Ziel der Dokumentation ist es, schriftlich oder auf andere Weise dauerhaft niedergelegte Informationen (Dokumente) gezielt auffindbar zu machen.

Wichtig ist hieran vor allem die Unterscheidung zwischen Dokument und Dokumentation: das Dokument sind die ‘dauerhaft niedergelegte Informationen’, die Dokumentation sorgt für deren weitere Nutzbarmachung.

Dokumentation beim Online-Lernen: Fluch und Segen zugleich

Online-Lernen hat zunächst einmal den großen Vorteil, dass man oft deutlich leichter an die Dokumente zum Dokumentieren kommt, als das in einem überwiegend analogen Kontext der Fall ist. Das liegt einfach daran, dass alles automatisch digital stattfindet und im Prinzip nur noch mitgeschnitten werden muss.

Die Kehrseite davon ist allerdings, dass Dokumente eben noch nicht gleichbedeutend sind mit Dokumentation. Und wenn im Online-Lernen nur eine immer größer werdende Menge an ‘Dokumenten’ zusammengetragen wird, aber keine Dokumentation davon stattfindet, dann ist damit niemandem geholfen. Wenn es ganz blöd läuft, dann ist so etwas nicht nur nicht nützlich, sondern lähmt und desorientiert. (Ich denke, das können alle nachvollziehen, die eine überbordende Sammlung an Lesezeichen haben, die sie wohl auch in einem ganzen Frei-Jahr nicht nachgearbeitet bekommen würden …)

Vor diesem Hintergrund finde ich es wichtig, dass beim Online-Lernen die Erstellung von Dokumenten und die Dokumentation als miteinander zusammenhängende Herausforderungen betrachtet und pädagogisch gestaltet werden. Wie kann das bei der Frage von Aufzeichnungen bei Bildungsveranstaltungen konkret aussehen?

Aufzeichnung von Veranstaltungen

Bei der Aufzeichnung von oder zu einer Veranstaltung gilt es zwei potentielle Zielgruppen zu unterscheiden: Zum einen die Teilnehmenden in einer Veranstaltung; zum anderen alle anderen für die das Thema des Lernangebots potentiell von Interesse sein kann. Ob und wenn ja, wie aufgezeichnet wird, dazu gibt es nicht eine richtige Antwort. Stattdessen sehe ich mehrere und unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten und Schwerpunktsetzungen:

1. Veranstaltung als ‘Aufzeichnungstermin’

Gut gefällt mir die Konzeption einer Veranstaltung als faktischer ‘Aufzeichnungstermin’ für ein Video, von dem man annimmt, dass das Thema potentiell viele Menschen interessiert. In diesem Fall wird schon bei der Veranstaltung ‘von der Aufzeichnung her gedacht’. Unter anderem kann das so aussehen, dass die Teilnehmenden kurz begrüßt und darauf vorbereitet werden, was sie gleich erwartet. Dann startet die Aufzeichnung, die direkt als in sich geschlossene Darstellung (d.h. zum Beispiel mit kurzer Begrüßung und Abschluss) gestaltet wird. Teilnehmende haben dabei die Kamera und das Mikrofon aus. Erst nach dem Ende startet dann eine Frage/ Antwort/ Austauschrunde. Themen und Fragen lassen sich auch schon während der Aufzeichnung im Chat sammeln.

Für die offene Zielgruppe der Menschen, die an dem ‘Aufzeichnungstermin’ nicht teilnehmen, liegt der Nutzen auf der Hand: Sie erhalten ein gut aufgezeichnetes Video aus einem Guss, mithilfe dessen sie sich in das jeweilige Thema einarbeiten können.

Wenn über diese Art und Weise der Gestaltung des Lernangebots im Vorfeld Transparenz hergestellt wurde, dann kann solch ein ‘Aufzeichnungstermin’ auch für die Teilnehmenden eine gute Sache sein: Sie haben einen festen Termin, den sie sich in den Kalender eintragen können, sie sind Teil einer Gruppe (ein bisschen wie beim gemeinsamen Video-Schauen) und falls noch Dinge zum Thema zu klären sind, lässt sich das direkt im Anschluss an die Aufzeichnung erledigen.

2. Vorbereitende Aufzeichnung

Eine mögliche Alternative zur ‘Veranstaltung als Aufzeichnungstermin’ ist es, den Aufzeichnungstermin zeitlich vor das Lernangebot zu verlagern und die Aufzeichnung den Teilnehmenden dann als Flipped Input Material zur Verfügung zu stellen. Profitieren können hiervon auch Nicht-Teilnehmende an der Veranstaltung, weil das Video in der Regel auch unabhängig davon genutzt werden kann. Für Teilnehmende hat es den Vorteil, dass sie sich mit dem Input in ihrem eigenen Tempo und flexibel befassen können. Die eigentliche Veranstaltung kann dann als Austauschraum gestaltet werden.

Ich habe es mir für diesen Fall übrigens angewöhnt, die direkte Ansprache der Teilnehmenden in ein zweites Video zu verlagern. Das kann dann so aussehen, dass ich ein Video mit dem Input aufzeichne (bzw. ein bereits bestehendes Video weiternutzen kann). Dieses Video ist dann auch für Nicht-Teilnehmende relevant. In einem zweiten Video spreche ich dann die Teilnehmenden direkt an, erkläre, was wir bei der Veranstaltung vorhaben oder auch wie sie sich schon im Vorfeld austauschen und Fragen sammeln können. Diese Video ist dann nur für die jeweiligen TN relevant; muss also nicht dokumentiert oder für die Weiternutzung aufbereitet werden.

3. Nachbereitende Aufzeichnung

Bislang aus meiner Sicht noch unterschätzt sind die Möglichkeiten einer nachbereitenden Aufzeichnung. So etwas bietet sich vor allem dann an, wenn eine Veranstaltung nicht eindeutig eine inputgebende Person und ein wissensvermittelndes Thema hat, sondern es um einen gemeinsamen Lernprozess, offenes Nachdenken und Brainstorming geht. In solch einem Fall würde eine Aufzeichnung von der Veranstaltung nicht-teilnehmenden Personen kaum etwas helfen. Denn sie sind ja nicht Teil dieses Lernprozesses. Sinnvoll kann es aber sein, wenn sich die Teilnehmer*innen oder auch die moderierende Person am Ende zu einer Aufzeichnung mit den (vorläufigen) Ergebnissen entscheiden. Für die Lerngruppe hat das den Vorteil, dass der Lernprozess dokumentiert wird, indem die wichtigsten Punkte und auch etwaige Vereinbarungen nochmals zusammengefasst werden. Für nicht-teilnehmende Personen hat es den Vorteil, dass sie an den Ergebnissen und Ideen des Lernprozesses ansetzen und daran weiterdenken können.

4. Aufzeichnung des Lernens

Wenn eine Veranstaltung als aktiver Lernprozess und nicht als ‘Aufzeichnungstermin’ geplant ist, kann dann dennoch eine Aufzeichnung stattfinden? Ich rate in diesen Fällen meistens davon ab. Denn meine Erfahrung ist es, dass eine angekündigte Veröffentlichung einer Aufzeichnung für viele ein Hindernis ist, sich aktiv an der Veranstaltung zu beteiligen. Auch kurze Aufzeichnungen von einzelnen Phasen der Veranstaltung finde ich oft keinen guten Kompromiss. Denn vielleicht hätte eine teilnehmende Person gerade an dieser Stelle etwas dazwischen fragen wollen, aber wird nun durch die Aufzeichnung daran gehindert.

Auch die Relevanz einer solchen Aufzeichnung für nicht-teilnehmende Personen halte ich eher für fraglich. Oft scheint es mir eher eine ‘Beruhigungspille’ zu sein im Sinne von: ‘Es ist nicht so schlimm, dass ich keine Zeit zur Teilnahme hatte. Denn es gibt ja eine Aufzeichnung davon …’

Eine mögliche Ausnahme kann es sein, wenn es bei der Aufzeichnung um die Dokumentation der Art und Weise des Lernens geht. Zum Beispiel, wenn in einer Veranstaltung unterschiedliche Energizer ausprobiert werden. Und auch nicht-teilnehmende Personen sich dann ansehen können, wie solche Energizer in der Praxis funktionieren. Voraussetzung ist dann aber natürlich, dass die Aufzeichnung für alle teilnehmenden Personen in Ordnung ist.

5. Interne Aufzeichnung als Gedächtnisstütze

Eine interne Aufzeichnung von Veranstaltungen wird meiner Erfahrung nach häufig gewünscht. Gemeint ist damit, dass die Veranstaltung zwar aufgezeichnet wird. Allerdings wird die Aufzeichnung danach lediglich der Lerngruppe zur Verfügung gestellt - quasi als eine Art Gedächtnisstütze und zum ‘Nachblättern’. Eine weitergehende Verbreitung erfolgt nicht. Aus Teilnehmendenseite spricht für diese Variante, dass es die Sorge minimiert, sich plötzlich irgendwo öffentlich im Netz wiederzufinden. Trotz Aufnahme findet dann oft dennoch Beteiligung statt. Und im Nachgang ist es dann möglich, noch einmal im eigenen Tempo durch die Veranstaltung zu gehen und sich mit mehr Ruhe mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Ich stehe dieser Variante dennoch eher skeptisch gegenüber. Denn erstens ist für viele auch eine Verbreitung der Aufzeichnung nur in der eigenen Lerngruppe ein Hindernis zu aktiver Beteiligung. Zweitens gibt es aus meiner Sicht hilfreichere Formen von ‘Gedächtnisstützen’ und Nachbereitungsmaterial, das sich dann auch besser zur Weiternutzung durch nicht-beteiligte Personen eignet. Einige Ideen und Anregungen möchte ich hierzu im nächsten Abschnitt vorstellen.

Weitere Ideen und Anregungen zur Dokumentation

Chat aufbereiten

Die beste Dokumenten-Grundlage für eine hilfreiche Dokumentation ist bei Online-Veranstaltungen oft der Chat. Dies gilt umso mehr, wenn die moderierende Person diesen gezielt für Sammlungs- und Austauschaktivitäten der Teilnehmenden nutzt und dabei auch gleich schon die Dokumentation der Veranstaltung im Blick hat. Praktisch kann das bedeuten, im eigenen Ablaufplan vorbereitete Chat-Texte einzutragen, die dann nur noch in den Chat kopiert werden müssen. Abgefragt werden können darüber z.B. noch offene Fragen, wichtigste Learnings zu einem Thema oder auch hilfreiche Link-Empfehlungen oder Anfragen nach Kontaktaustausch. Wenn ein auf diese Weise gestalteter Chat anschließend heruntergeladen wird, dann ist es nur noch wenig Arbeit, ihn so aufzubereiten, dass für Teilnehmende (und Teile davon auch für nicht-teilnehmende Personen) eine gut weiternutzbare Übersicht zu den wichtigsten Aspekten der Veranstaltung entsteht.

Kollaborativen Notizzettel anlegen

Die Alternative zum Chat ist eine kollaborative Schreibumgebung, in der die wichtigsten Inhalte festgehalten werden. Oft wird hierzu ein Etherpad genutzt. Meine Erfahrung im Online-Lernen ist allerdings, dass solche Möglichkeiten oft nur wenig aktiv genutzt werden, da das Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Tabs oft als herausfordernd erlebt wird. Was funktioniert ist, wenn entweder ein in das Videokonferenztool integriertes Pad genutzt wird (in BigBlueButton funktioniert das über die geteilten Notizen) oder gezielt Zeit zum Dokumentieren eingeräumt wird. (‘Wir verlängern die Pause jetzt von 15 auf 30 Minuten. Wer dadurch etwas Luft hat, kann gerne im Pad aktiv werden und die wichtigsten Punkte für uns alle dokumentieren’)

Smartphone-Tools zum Brainstorming und Sammeln

Dokumentation von zentralen Punkten kann auch über Brainstorming-Tools erfolgen. Mit der Dokumentation im Blick sollte man hier als lehrende Person bei der Auswahl eines Tools darauf achten, dass ein Export der Ergebnisse in ein weiternutzbares Format erfolgen kann. Gerade deshalb mag ich z.B. Flinga so gerne. Hier lassen sich die ‘Karten-Einträge’ später als Tabellen-Dokument exportieren. Auf diese Weise kann toll damit weitergearbeitet werden.

Aus Teilnehmenden-Perspektive finde ich an solchen Tools vor allem gut, dass sie in den meisten Fällen Smartphone-optimiert sind. Außerdem ist es einfacher, für die Nutzung für alle kurz Zeit einzuplanen. Für viele ist es somit einfacher möglich, neben einer Videokonferenz her über das Smartphone einige Minuten lang ein paar Ideen einzutippen und zu teilen, als am Rechner ein Etherpad in einem zweiten Tab zu öffnen und darin kontinuierlich mitzuschreiben.

Zu beachten ist dann noch: Mit dem Export der gesammelten Karten ist die Dokumentation noch nicht fertig. Unter anderem müssen Dopplungen entfernt und einzelne Stichpunkte ausformuliert werden, damit es auch später noch verständlich ist. Das ist aber vergleichsweise nur wenig Arbeit - und man hat dann schnell eine gut weiternutzbare Übersicht zu der gemeinsamen Erarbeitung der Lerngruppe.

Vertiefende Dokumentation anstoßen

Von einem Dokument zur Dokumentation gelangt man ansonsten vor allem dann, wenn Lernende für sich die wesentlichen Aspekte kuratieren, sie mit anderen Erfahrungen vernetzen und zur Weiternutzung für andere öffentlich macht.

Hierzu gibt es mehrere Möglichkeiten:

Es gehört aus meiner Sicht für lehrende Personen unbedingt (und gerade zu einem Online-Lernangebot) dazu, solche Anregungen zu geben oder auch einen konkreten Rahmen dafür vorzuschlagen. Denn indem lehrende Personen Dokumentation ermutigen, ermutigen sie zur individuellen Auseinandersetzung mit den Lerninhalten und zum eigenen Weiterdenken.

Und Du?

Was sind Deine Erfahrungen mit Dokumentation von Online-Veranstaltungen? Ich freue mich darauf, von weiteren Erfahrungen zu lesen.

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