Ich bin auf dem Weg zur OERcamp-Werkstatt in Detmold. Ich werde dort in der Rolle als Coach für Lernkulturveränderung und Künstliche Intelligenz die Teilnehmenden bei der Gestaltung von offenen Materialien unterstützen und zugleich eine Community mit Menschen begleiten, die bislang noch kein eigenes Materialvorhaben mitbringen. Das ist eine sehr schöne Rolle, auf die ich mich freue. Sie ist zugleich auch sehr spannend, weil ich es sehr relevant finde, Materialerstellung im Kontext von KI und im Rahmen einer zukunftsgestaltenden Bildung sinnhaft auszurichten. Einfach nur auf Knopfdruck ein Material nach dem anderen passend zu vorgegebenen Lehrplaninhalten zu generieren, ist sehr wahrscheinlich keine sinnhafte Ausrichtung. Wir sollten stattdessen in den Blick nehmen, dass offenes und zukunftsgestaltendes Lernen auf der Ebene der Inhalte eine kollaborativ-schöpferische Ebene beinhaltet: Die Inhalte sind in diesem Sinne nicht statisch-abschließend, sondern entwickeln sich im Lernprozess. Gute Materialien greifen genau diesen Entwicklungs- und Ermöglichungscharakter auf.
Vor diesem Hintergrund bringe ich die folgenden Leitlinien als Angebot zur Orientierung mit und bin gespannt, ob und wie sie sich in offene Materialien übersetzen lassen. Der rote Faden ist: Weniger Lehrmaterial, mehr Lernmaterial!
Weniger reingeben – mehr Raum geben
Beim Lehren versuchen wir, Inhalte in die Köpfe von Lernenden zu transferieren. Wenn wir Lernen gestalten, ermöglichen wir, dass Lernende sich ausgehend von ihren Potentialen und Fähigkeiten entwickeln. Wenn wir das ernst nehmen, dann braucht es oft weniger Material- und mehr Raumgestaltung.
Zugleich kann sich solch eine Orientierung auch im Material selbst widerspiegeln, indem wir zum Beispiel mehr Fragen stellen, statt Antworten zu geben, und/oder bei Materialien, wenn wir sie bewusst zum Teilen gestalten, die konzeptionelle Ebene der Lerngestaltung in den Blick nehmen.
Weniger kontrollieren – mehr vertrauen
Klassische Materialien sind sehr häufig – passend zum klassischen Unterricht – auf eine normierte Reparatur vermeintlicher Defizite von Lernenden ausgerichtet und/ oder kontrollieren, ob die Reparatur gelungen ist. Hier können wir Wertschätzung und Vertrauen entgegensetzen und Materialien so gestalten, dass sie die Vielfalt der Lernenden wertschätzen und ihnen Entwicklung ermöglichen.
Ganz genau so dürfen wir auch auf Ebene der Materialien selbst vertrauen, dass aus ihnen Gutes entstehen kann, wenn wir sie loslassen!
Weniger fertig – mehr offen
Offene Materialien sind immer weiterentwickelbar und in diesem Sinne nicht statisch. In der Art und Weise der Materialerstellung kann ich diesen Prozesscharakter bewusst integrieren und nutzbar machen. Zum Beispiel, indem ich im Material angelegte Möglichkeiten schaffe, dass andere sich das Material selbst aneignen können: ein Text, der umgeschrieben werden kann, eine Website, die angepasst werden kann oder eine Übung, die mit eigenen Inhalten gefüllt werden kann …
Weniger neu beginnen – mehr nähren
Mit Bildung fangen wir nie bei null an, sondern bauen immer auf dem auf, was andere gedacht, geschrieben und geteilt haben. Bei offenen Materialien gilt noch viel mehr, dass ich das Rad nicht neu erfinden muss, sondern auf dem aufbauen kann, was andere gestaltet haben. Inhaltlich kann ich hier ganz bewusst gute, weil zukunftsgestaltende Ansätze auswählen und sie durch meine Weiternutzung nähren und stärken.
Weniger getrieben – mehr gerichtet
In einer Welt, die sich schnell wandelt, kann es gerade in der Bildung leicht passieren, dass wir zu Getriebenen werden. Wir erleben das sehr konkret, wenn immer neue Schulfächer propagiert oder Themen als vermeintlich unerlässliche ‚ Future Skills‘ in die Debatte gebracht werden. Um weniger getrieben zu sein, hilft Innehalten und eine bewusste Ausrichtung der eigenen Aufmerksamkeit ausgehend von unserer „radikalen Gegenwart“. Worauf will ich meine Aufmerksamkeit richten und wofür will ich mit meinem Material einen Unterschied machen? Was ist meine Intention?
Weniger Lärm – mehr Sorgfalt
Wenn Inhalte auf Knopfdruck in immer vielfältigeren Formaten generiert werden können, dann entsteht sehr schnell jede Menge Lärm. Dieser Lärm zeigt sich im Internet in Bullshitting-Inhalten, die nur generiert wurden, um Aufmerksamkeit zu erlangen und zum Beispiel höhere Klickzahlen zu erreichen.
In dieser Situation wird Sorgfalt zu einem noch wichtigeren Qualitätsmerkmal. Das bedeutet nicht, auf digitale Möglichkeiten zu verzichten, aber es sollte bedeuten, diese bewusst, reflektiert und hinterfragend zu nutzen. Wenn ich Aufmerksamkeit auf meine Inhalte lenken möchte, dann sollte ich diesen Inhalten auch selbst Aufmerksamkeit schenken.
Weniger glatt – mehr lebendig
Es war noch nie so einfach, etwas in eine übersichtliche Form zu bringen oder Inhalte prägnant, klar und passend zu formulieren. Das hat an sehr vielen Stellen auch einen großen Wert. Zugleich wird damit auch auf Materialebene das Chaotische, Irritierende oder Vernetzte zum Lernen wichtiger. Ich fasse das mit „lebendig“. Diese Orientierung kann neben der Form auch auf einer inhaltlichen Ebene der Materialien bedeuten, dass sie das Prinzip des Lebendigen aufgreifen und widerspiegeln.
Und was heißt das dann konkret?
Mit diesen Orientierungen im Blick gibt es sehr viel mehr und sehr vielfältige Möglichkeiten für ‚Materialien‘. Sie sind nicht mehr nur in klassische Formate wie z.B. Text, Erklärvideo, Übung … zu fassen.
Ich erstelle Materialien unter anderem in diesen Bereichen:
Anstoßen:
- Ein Impuls: Schau mal, das finde ich spannend. Was denkst du dazu?
- Eine Frage: Schau mal, das beschäftigt mich. Wie siehst du das?
- Eine Erfahrung: Schau mal, so ist es mir ergangen. Kennst du das auch? Was hast du erlebt?
Zeigen:
- Eine Sammlung: Schau mal, das habe ich zusammengetragen. Was ist für dich dabei?
- Ein Beispiel: Schau mal, so sieht es bei mir aus. Was machst du anders?
- Ein Konzept: Schau mal, wie ich vorgegangen bin. Willst du das auch machen?
- Eine Anleitung: Schau mal, so kannst du vorgehen. Hilft dir das?
Übergeben:
- Ein Werkzeug: Schau mal, das kannst du benutzen. Wofür setzt du es ein?
- Ein Baustein: Schau mal, das kannst du nehmen und umbauen. Was machst du daraus?
- Ein Spielraum: Schau mal, das kannst du erkunden. Was findest du heraus?
- Ein Anfang: Schau mal, ich habe angefangen. Magst du weitermachen?
Gemeinsam gestalten:
- Eine Einladung: Schau mal, lass uns zusammen weitermachen. Bist du dabei?
- Eine Community: Schau mal, dazu können wir gemeinsam arbeiten. Willst du dazu kommen?
Fazit
Das war ein schneller Überblick auf vorbereitete Impulse zum Einstieg, die ich mitbringe. Auch bei diesem Material gilt: Ich bin sehr gespannt, was in Detmold gemeinsam dazu entstehen wird!

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