#molol19: Digitalisierung für zeitgemäße Bildung durch Lernen im offenen Netz

Veröffentlicht am 11.3.2019

Ich bin auf der (sturmverspäteten) Anreise zur #molol19 und freue mich auf zwei spannende Tage mit vielen neuen Impulsen und Austausch. Anbieten werde ich zwei Programmpunkte, die in einem engen Zusammenhang miteinander stehen: Es geht in beiden um das Lehren und Lernen im offenen Netz. In diesem Blogbeitrag möchte ich meine Überlegungen (auch für nicht an der #molol19 teilnehmende Menschen) zusammenfassen. Die Materialien meiner Vorträge findest Du hier:

Damit aber genug der Vorrede; los mit der ersten, wichtigen Fragen:

Was ist das offene Netz?

Der Begriff ‘offenes Netz’ (englisch: Open Web) ist - wie so viele Begriffe im Digitalisierungskontext - recht schwammig. Spontane Antworten auf die Frage sind häufig: ein Internet ohne Zugangshürden, ein barrierefreies Internet, ein Internet mit offenen Formaten und Open Source Software … Die für mich beste Definition des Begriffs stammt von Marc Surmann von der gemeinnützigen Mozilla Stiftung. Er definiert ‘offenes Netz’ als Internet, das von und für alle Menschen gestaltet ist. Das klingt auf den ersten Blick wenig spektakulär, aber hat immense Konsequenzen für unsere Geselschaft. Und zwar deshalb, weil das Internet wie wohl kaum ein anderes Medium unser aller Leben prägt: Wir beziehen daraus Informationen, wir nutzen es fürs Einkaufen, für Überweisungen, für die Urlaubsbuchung etc, wir tauschen uns darin mit anderen aus und vielleicht veröffentlichen wir darin auch eigene Inhalte. Ein Internet, das nicht von allen und für alle gestaltet ist, das in diesem Sinne nicht offen ist, bedeutet: Informationen können verzerrt oder falsch oder nicht zugänglich sein, wir können nicht die Angebote finden, die wir möchten, unsere Kommunikation und unser Austausch wird kommerzialisiert bzw. in manchen Ländern auch überwacht und wir selbst können nicht oder nur eingeschränkt zu Wort kommen. Das ist keine gute Perspektive für eine demokratische Gesellschaft. Deshalb gilt es, das offene Netz zu verteidigen und als öffentliches Gut zu schützen und auszubauen.

Warum gehört das offene Netz in die Schule?

In guter aufklärerischer Tradition ist ‘Mündigkeit’ das zentrale Bildungsziel. Ich übersetze Mündigkeit gerne mit ‘gesellschaftliche Handlungsfähigkeit’: Lernende sollen sich selbstbestimmt und im Austausch mit anderen in die Gesellschaft einbringen, diese mit gestalten und wo nötig auch verändern können. Da unsere heutige Gesellschaft eine zunehmend digitalisierte bzw. digital-analog verschränkte Gesellschaft ist, muss Mündigkeit im Rahmen einer zeitgemäßen Bildung immer auch digitale Mündigkeit sein. Im Sinne der obigen Definition eines offenen Netz bedeutet das, das Internet von und für alle gestalten zu können. Wo, wenn nicht in der Schule, sollen Kinder und Jugendliche diese Kompetenz heutzutage erwerben? Gerade weil sie ‘Digital Natives’ sind und selbstverständlich im virtuellen Raum zu Hause, ist pädagogische Intervention und Irritation nötig, um die Strukturen des virtuellen Raums als gestaltbar zu erleben und dazu erste Schritte zu gehen. Plakativer ausgedrückt: Es ist nicht nötig, Schülerinnen und Schülern zu erklären, wie man eine Insta-Story veröffentlicht oder ein Video bei TikTok. Wohl fehlt es aber an Reflexion über die Strukturen und Interessen im virtuellen Raum sowie über die Möglichkeiten einer auch strukturellen Gestaltung.

Welche Rolle spielt das offene Netz in aktuellen Digitalisierungsdebatten in der Bildung?

In meiner Wahrnehmung ist das offene Netz bislang in den Digitalisierungsdebatten im Bildungskontext kaum ein Thema. Während anfänglich der Fokus von engagierten Menschen darauf lag, überhaupt erst einmal die nötigen Rahmenbedingungen für digital-unterstütztes Lernen an den Schulen durchzusetzen, setzt sich parallel dazu nun immer mehr die Einsicht durch, dass ‘Digitales’ die Bildung natürlich nicht automatisch besser macht. Ganz im Gegenteil: Im schlimmsten Fall kann die Digitalisierung sogar dazu führen, eine veraltete Art und Weise des Unterrichts zu festigen und zu zementieren. Die begrüßenswerte Kritik daran öffnet den Raum, um über Lernformen zu sprechen und diese zu verankern, die in der Reformpädagogik schon seit vielen Jahren mit Erfolg umgesetzt werden. Stichworte sind hier Projektlernen, forschendes Lernen, aktive Rolle der Lernenden oder Kollaboration. Das offene Netz wird dabei aber nur zum Teil mitgedacht. Aus einer rein didaktischen Perspektive ist das durchaus verständlich: Denn kreative und aktive Gestaltung lässt sich auch im Rahmen einer Instastory realisieren. Und Apple stellt sogar ein ganzes Tool-Set unter dem Motto ‘Everyone can create’ zur Verfügung. Paradox daran ist allerdings: Obwohl diese und viele weitere, ähnliche Angebote unter dem Label ‘Digitalisierung’ vermarktet werden, ist die Digitalisierung selbst dabei kein Thema der Bildung mehr. Sie bietet lediglich Mittel und Instrument zum Lehren und zum Lernen - ist aber nicht zugleich Inhalt, dessen auch strukturelle Gestaltung erlernt werden soll.

Wie können wir an der Schule mit und für das offene Netz lernen?

Open Source und nerdige Hacker-Tools haben zum Teil keinen besonders guten Ruf in der pädagogischen Community: Funktioniert nicht, ist zu chaotisch, kennt man nicht! Manchmal triftt das sicher zu. Oft sind es aber meiner Erfahrung nach gerade Tools und Angebote im offenen Netz, die sich wunderbar und sehr leicht für Lernprozesse im schulischen Kontext nutzen lassen. Anders als viele der bekannten und proprietären Angebote von den großen digitalen Bildungsanbietern, setzen sie keine Registrierung oder Installation voraus und sind gebührenfrei. Sie funktionieren sie einfach über den Aufruf einer URL im Browser und können direkt genutzt werden.

Vor dem Hintergrund der hier erfolgten Ausführungen zum offenen Netz sind andere Pluspunkte aber noch viel entscheidender: Erstellte Inhalte sind in der Regel in einem offenen Format, lassen sich exportieren und weiter nutzen bzw. auch direkt veröffentlichen (und ermöglichen auf diese Weise Lernen mit Selbstwirksamkeit und Relevanz). In vielen Fällen ist der Code der Software verlinkt. Das bedeutet: Man kann sich ansehen, wer daran wie gearbeitet hat und man bekommt einen Eindruck davon - auch wenn man keine Ahnung vom Programmieren hat - wie das Tool funktioniert bzw. erkennt, wie man vorgehen könnte, um es anders zu gestalten.

Ein weiterer Vorteil kann auf den ersten Blick wie ein Nachteil erscheinen: Zahlreiche dieser Tools sind nicht auf Dauer angelegt oder befinden sich mindestens in einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung und Veränderung. Das bedeutet: Man muss sich immer wieder in etwas Neues einarbeiten, der Lernprozess ist weniger planbar und manchmal wird auch etwas nicht so funktionieren, wie man es erwartet. Ich finde: Das ist alles andere als ein Nachteil. Denn genau das sollte doch zeitgemäßes Lernen ausmachen: Offenheit, Prozesscharakter und Irritation - und dabei aber nicht getrieben sein, sondern selbstbestimmt, gestaltend und mündig.

In diesem Sinne mein Fazit: Lasst uns das Lernen im offenen Netz ausprobieren - im Interesse von digitaler Souveränität für alle!

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