Meine gesammelten Inspirationen vom Mozilla-Festival 2018

Das Mozilla Festival ist eine jährliche, internationale Konferenz der gemeinnützigen Mozilla Foundation. Sie findet seit 10 Jahren statt - in den letzten Jahren immer Ende Oktober in London an der Ravensbourne University. Die Konferenz ist laut Selbstbeschreibung der Ort, an dem das Internet die Welt trifft oder auch: eine Konferenz für alle, die das Internet lieben! Der Fokus der meisten Teilnehmenden liegt auf eigener Programmierung und Webgestaltung. Ich war in diesem Jahr zum ersten Mal dort. Mein Interesse war es, Impulse für zeitgemäße Bildung und Lehren und Lernen im offenen Netz aus einer internationalen Perspektive zu erhalten. Im folgenden Blogbeitrag fasse ich zusammen, was ich neu gelernt, erfahren und entdeckt habe.

Inspirierende Diskussionen und Ideen zum Weiterdenken

In der Mozilla-Philsophie bedingen sich ein gesundes Internet und eine gesunde Gesellschaft gegenseitig. Vor diesem Hintergrund ging es in allen Sessions und Talks der Konferenz nie einfach nur um die neusten Technik-Trends, sondern in erster Linie um Fragen wie beispielsweise: Welches Internet wünschen wir uns? Wie können wir alle im offenen Netz beteiligen? Was ist für uns Offenheit und wie realisieren wir es? Wie können Daten im Interesse von allen genutzt werden bei gleichzeitiger Datenhoheit der einzelnen Individuen? Rückblickend fand ich insbesondere zwei Diskussionsstränge besonders spannend:

Auf dem Weg zu einem dezentralisierten Internet

Es bestand in London völlige Einigkeit darüber, dass der aktuelle Zustand des Internets nicht zufriedenstellend ist: dominiert von großen Unternehmen, die ihre Monopolstellung durch immer größer werdende Datensammlungen unter den Nutzenden immer weiter ausbauen können. Der Weg zur Änderung wird in der Dezentralisierung des Internets gesehen. Es gibt dazu eine Vielzahl kleinere Projekte, die erste Schritte in diese Richtung gehen. Ein Beispiel in dieser Hinsicht ist die Twitter-Alternative Mastodon. Sie ermöglicht den Aufbau zahlreicher Netzwerke, die dennoch untereinander kommunizieren können. Die Daten sind somit nicht mehr in der Hand von einer Organisation (in diesem Fall Twitter), sondern in der Hand von vielen.

Konsequent weiter gedacht hat diese Idee der 'Erfinder des Internets' Tim Berners-Lee, der in London seine Pläne für Solid vorgestellt hat. Bei Solid handelt es sich um ein Open Source Projekt, das auf der Basis und unter Nutzung des aktuellen Internets aufgebaut wird. Das Ziel ist es, den einzelnen Nutzenden die Hoheit über ihre Daten zurückzugeben. Dies soll gelingen, indem jeder und jede für alle Daten von sich selbst entscheiden kann, wo sie gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat. Dazu gibt es die so genannten PODS (Personal Online Data Stores), die von unterschiedlichen Anbietern zur Verfügung gestellt werden (oder auf einem eigenen Server)

Für die Nutzung von Solid muss man sich einmalig mit einem selbst gewählten Nutzernamen und einer Mailadresse bei einem beliebigen POD registrieren. Dann lassen sich die verfügbaren Apps nutzen, wobei jedes Mal neu über Datennutzung entschieden werden kann. Der grundlegende Unterschied zum heutigen Internet ist somit, dass Serviceleistungen in Form einer Software oder eines Programms von der Datennutzung getrennt werden. Auf diese Weise sollen sich die Anbieter durchsetzen können, die den besten Service anbieten. Und nicht die, die eine Monopolstellung aufgrund von gesammelten Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer haben.

Solid ist bereits Realität. Das bedeutet, dass sich jeder und jede bereits registrieren kann. Hier ist z.B. meine Solid-Seite. Das ist eine Sache von wenigen Sekunden und wird z.B. von Inrupt kostenfrei angeboten. Wie man sieht lässt sich dann mit Solid aber bis jetzt noch nicht viel machen und die Benutzeroberfläche ist auch noch wenig entwickelt. Vor diesem Hintergrund ist das Projekt zum Mitmachen bis jetzt eher nur für technisch-orientierte Menschen interessant (z.B. auch um an ersten Apps für Solid mit zu entwickeln); zum Mitdiskutieren und Mitdenken sind aber alle eingeladen und aufgefordert. Zum Einstieg empfehle ich den Artikel 'One small step for the web' von Tim Barners-Lee.

Offenheit im Sinne von Partizipation und Inklusion

Auch in der OER-Community in Deutschland diskutieren wir viel darüber, was Offenheit eigentlich alles beinhalten und ermöglichen sollte. Die Diskussionen auf dem Mozilla-Festival in diesem Bereich drehten sich vor allem um die Frage: Wie können wir es allen ermöglichen, sich im offenen Netz zu beteiligen. Der Fokus zu Offenheit lag dabei auf der Gestaltung von Software. Zusammengefasst wurde das Ziel im Slogan: ‚From Open to Fair.‘ Fair steht dabei für Findable (auffindbar), accessible (offen zugänglich), Inter-Operable (Nutzbar auf unterschiedlichen Plattformen) und Re-Usable (Weiternutzbar). Ich denke, dass diese Schlagworte auch für die OER-Debatte interessant zum Weiterdenken sein können, denn der Fokus liegt dann nicht mehr nur auf der offen Lizenz, sondern insbesondere auch auf der Frage nach Metadaten und Formaten.

Sehr spannend im Kontext Offenheit fand ich zweitens die beim Mozfest vorgestellten Überlegungen zu Open Source aus einer indigenen Perspektive. Vorgestellt wurden sie von teilnehmenden Maori aus Neuseeland. Sie arbeiten an der Frage, wie digitale Möglichkeiten indigene Völker dabei unterstützen kann, ihre Sprache und Kultur zu bewahren und weiterzugeben (hilfreich kann dazu z.B. Aufnahme und Speicherung von gesprochenem Text sein). Sie wollen diese Arbeiten gerne für alle nutzbar zur Verfügung stellen und haben sich deshalb für einen Open Source Ansatz entschieden, sehen darin aber zugleich die Gefahr einer Kolonialisierung. Vor diesem Hintergrund entwickeln sie aktuell eine eigene Lizenz, mit der der Spagat gelingen soll: sowohl Erfahrungen und Wissen für alle weiter nutzbar machen, als auch für die Maori selbst zu bewahren. <a href=https://github.com/TeHikuMedia/corpora#license-kaitiakitanga target=blank>Hier gibt es eine Einführung in das Projekt</a>.

Drittens war das Mozfest selbst ein gutes Beispiel für eine beteiligungsorientierte Offenheit. Mir hat es besonders gut gefallen, wie in diesem Sinne Newsbies empfangen und eingebunden wurden. Zum Auftakt sprach z.B. eine Teilnehmerin, die im letzten Jahr zum ersten Mal mit dabei war (quasi als eine Brücke für jetzige Newbies). Zudem waren fast alle Sessions und Talks mit Einladungen zum Mitmachen auch über das Mozfest hinaus verbunden. Im Zeitplan waren spezielle Sessions vorgesehen, die Session-Anbietern, die Möglichkeit zu Vorbereitung, Reflexion und Nachbereitung gaben und es auf diese Weise dazu ermutigten, auch zum ersten Mal eine Session anzubieten.

Umfangreichere Projekte mit viel Potential für zeitgemäße Bildung

Ich habe sehr viele spannende und mir bis dato oft noch unbekannte Web-Projekte und Software kennen gelernt oder in London zum ersten Mal praktisch ausprobiert. Bei den folgenden lohnt sich aus meiner Sicht insbesondere eine Einarbeitung und Nutzbarmachung für mehr Menschen (z.B. durch Tutorials/ Fortbildungen / Übersetzung). Ich werde mich damit in nächster Zeit weiter beschäftigen und dann auch dazu bloggen. Hier deshalb nur ein erster Aufschlag.

Glitch

Glitch will es allen ermöglichen, im Web aktiv zu werden! Dazu stellt es eine Online-Plattform zur Verfügung, auf der jeder und jede sich kostenfrei registrieren, nach bestehenden Projekten recherchieren, Projekte remixen oder ganz neue Projekte starten, veröffentlichen und teilen kann. Projekte werden dabei programmiert. Der Clou ist aber, dass durch die Option zum Remix auch Menschen ohne Programmierkenntnisse einen einfachen Einstieg finden. Das gelingt durch einen Editor, der Änderungen direkt im Projekt anzeigt. Und durch sehr viele Einstiegs-Projekte, die die nötige Basis für ein bestimmtes Ziel (z.B. Gestaltung eines Twitter-Bots) zur Verfügung stellen, die dann beliebig gefüllt werden können. Der Kreativität sind bei Glitch kaum Grenzen gesetzt: Spiele, praktisch nutzbare Tools, Kunst, virtuelle Umgebungen (mit A Frame – einer großartigen Software!) und vieles mehr. Zum Einstieg empfehle ich die Durchsicht der bestehenden Projekte und dann einfach einen testweise Remix eines Projekts, das einem gut gefällt.

Chirimen

Chirimen will das Internet der Dinge unter Nutzung des Rasperry Pi für Schülerinnen und Schüler erfahrbar machen. Der Rasperry Pi wird hierfür mit der Open Source Software Chirimena gekoppelt, die es ermöglicht, für reale Dinge eine Web-App zu entwickeln, die diese steuern kann. Das einfachste Beispiel: ein Programm, das einen Button bietet, der auf Klick eine Glühbirne zum Leuchten bringt. Neben der sehr anschaulichen Erfahrbarkeit, dass und wie das Internet der Dinge gestaltbar ist, fand ich besonders die Art und Weise spannend, wie mit den Tutorials ins Coding eingeführt wird. Basis ist von Anfang an ‚richtiger Code‘, d.h. nicht der spielerische Zugang, wie ihn z.B. Scratch bietet. Natürlich wird von Schülerinnen und Schülern aber nicht erwartet, dass sie sofort eigenen Code schreiben. Stattdessen erhalten sie einzelne Code-Schnipsel, bekommen erklärt, was sich dahinter verbirgt und können diese dann Schritt für Schritt in ein entstehendes Projekt kopieren. Nach einigen angeleiteten Projekten gelingt es – so zumindest die Erfahrungen aus Japan, wo das Programm entwickelt wurde – dass Schülerinnen und Schüler eigenständige Projekte entwickeln, z.B. ein Stop-Signal, wenn es im Klassenzimmer zu laut wird, oder ein Nachrichtensystem, wenn eine Pflanze zu trockene Erde hat.

Weitere Informationen zu Chirimen finden sich hier. Der Haken an der Sache ist, dass bis jetzt alles nur auf Japanisch entwickelt wird. Die englischsprachige Übersetzung ist nur ein ‚Google Translate‘ und somit noch mit einigen Fehlern behaftet. Die Projektgruppe freut sich sehr über Mitarbeit an Übersetzungen und Weiterdenken des Projekts.

Jupyter

Jupyter ist ein ziemlich cooles Open Source Angebot zur Entwicklung von Open Source Software und offenen Standards. Für Bildungsakteure ist es vor allem deshalb spannend, weil damit gute Projekte gestaltet werden, die sich zur Exploration im Unterricht eignen.

Beim Mozfest kennen gelernt habe ich z.B. die Projekte der Non Profit Organisation Open Humans. Eines ihrer Projekte ermöglicht (unter Nutzung der Jupyter Notebooks), die Erforschung und Visualisierung der von einem selbst gespeicherten Daten bei unterschiedlichen Anbietern. Denkbar ist es z.B. die Daten des Google Standortverlaufes zu visualisieren oder das eigene Twitter-Archiv zu explorieren. Nutzbar sind dazu fertige Explorations-Tools, die durch die eigenen Daten ergänzt, im Jupyter Notebook geladen und auf diese Weise visualisiert werden können.

Auch darüber hinaus lassen sich Jupyter Notebooks auf vielfältige Art und Weise im Bildungskontext nutzen. Eine Einführung unter diesem Blickwinkel gibt es hier

Offene Tools und Projekte zum direkten Einsatz

Während die oben genannte Projekte mehr Einarbeitungszeit erfordern, habe ich auch jede Menge Projekte kennen gelernt, die man einfach so (ohne Installation, Registrierung, Kosten, Vorbereitung) zum Lernen & Mitmachen nutzen kann. Zu meinen Favoriten gehören die folgenden:

  • Open Source Timeline: Open Source feiert dieses Jahr den 20. Geburtstag. Vor diesem Hintergrund sind alle eingeladen, sich an der Gestaltung einer Zeitleiste mit Einträgen, der aus ihrer Sicht bedeutenden Meilensteine oder auch persönlichen Erlebnissen zu beteiligen. Darüber hinaus eignet sich die entstehende Zeitleiste auch gut zum Stöbern und einem inhaltlichen Einstieg ins Thema Open Source.
  • Data Detox und MyDataDoneRight: Zwei Tools, die sich mit Datensouveränität beschäftigen, sind erstens DataDetox – ein 8tägiger Online-Kurs, der es allen ermöglicht, das eigene Datenchaos aufzuräumen und zu einem reflektierten Umgang mit Daten zu gelangen. Die Website MyDataDoneRight aus den Niederlanden ermöglicht es über einfache Formulare die Rechte der DSGVO zu Auskunft, Löschung, Korrektur oder Umzug der eigenen Daten einzufordern.
  • Automatisierte Gesichtserkennung verstehen: Mit einem Online-Clip mit integrierter Kamera-Freigabe zur direkten Exploration kann gelernt werden, wie automatisierte Gesichtserkennung funktioniert.
  • Open Knowledge Maps: Die Website Openknowledgemaps ermöglicht es mit der Eingabe eines Schlagwortes nach wissenschaftlicher Literatur zu recherchieren und Wissenslandkarten dazu zu erstellen. Entwickelt für den universitären Bereich, aber sicherlich auch schon nutzbar in der Oberstufe zum Einstieg ins wissenschaftliche Arbeiten.
  • Give it a lob: Die Website Giveitalob ist ein Online-Wettbewerb, wer sein Smartphone am höchsten in die Luft werfen kann. Der eigene Wurf kann dabei mit einem Code auf einem Beamer visualisiert werden. Wir haben die Website beim Mozfest in einer Session zur Einführung in die Funktionsweise des Internets genutzt. Denn tatsächlich kann mn daraus wunderbar die Frage ableiten: Wie kann es denn eigentlich funktionieren, dass die Bewegung des Smartphones – selbst einer Person, die sich gerade ganz woanders aufhält, hier bei uns synchron auf dem Bildschirm erscheint?
  • Common Voice: Auf der Plattform Common Voice wird eine öffentlich nutzbare Spracherkennungs-Datenbank aufgebaut. Alle können sich daran beteiligen: entweder indem selbst Texte vorgelesen werden oder indem Aufnahmen bewertet werden. Da es sehr viele verschiedene Sprachen gibt, eignet es sich gut für Klassen mit Kindern mit unterschiedlichen Muttersprachen.
  • Machine Learning for Kids: Wahrscheinlich meine Lieblings-Entdeckung des Wochenendes: ein Online-Lernangebot, bei dem man sich eine eigene künstliche Intelligenz trainieren kann (z.B. zur Text, Zahlen oder Bilderkennung), die dann direkt in einem eigenen Scratch-Programm verwendet werden kann.
  • Privacy Tracker: Via Exodus lässt sich nach Trackern in Software und Apps recherchieren. Zum Testen z.B. Amazon Kindle eingeben und angezeigt bekommen, auf welche Art und Weise die App einen trackt. Kann genutzt werden zum Einstieg ins Thema und zur Reflexion.

Außerdem:

  • Eine sehr nützliche Tool-Sammlung fürs Storytelling bietet die Website Hack a Story.
  • Viele Ideen zu Kommunikation im Internet finden sich in der Projekte-Liste des BBC Newslab. Einzelne Tools wurden dort auch selbst entwickelt und können weiter genutzt werden.

Meine eigene Session

Zu meiner eignen Session folgt ein weiterer Blogbeitrag. Es ging darin, um Ideen für die Schule und andere Bildungseinrichtungen zum Lehren und Lernen in und für das offene Netz. Ich habe eine Menge an Inspirationen enthalten, die noch etwas mehr Zeit zum Aufbereiten brauchen. Wunderbar fand ich es in jedem Fall, dass ich einige der Akteure des ‚Open Web for Learning and Teaching Expertise Hub‘ während der Session mal persönlich kennen lernen konnte. Ich freue mich auf weiteren Austausch!

Danke!!!

Das wichtigste zum Schluss: Ganz herzlichen Dank an alle, die diese Konferenz möglich gemacht und such mit ihren Erfahrungen und Ideen beteiligt haben. Ich fand es großartig und will im nächsten Jahr unbedingt wieder kommen!