Leseempfehlung: Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft

Roberto Simanowski ist Medienwissenschaftler und unter anderem Herausgeber eines Magazins für digitale Ästhetik. Sein neustes Buch, Anfang des Jahres erschienen, trägt den Titel: Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft. Gemeint ist damit nicht, dass digitale Medien eine weniger bedeutende Rolle in unserer Gesellschaft spielen werden, sondern dass sie selbstverständlicher und deshalb tendenziell unsichtbar werden. Seine Befürchtung ist, dass im Rahmen dieser Entwicklung auch die Reflexion über Medien abnimmt – zum Schaden der gesamten Gesellschaft, die diese dann nicht mehr gestaltet und beherrscht, sondern sich von ihnen treiben und bestimmen lässt. Sein Appell lautet:

Man muss aufhören, mit so vielen Worten zum Wer und Wo und Wie der neuen Medien über ihr Woher, Warum und Wohin zu schweigen.

In dieser Verantwortung sieht er vor allem Schulen und Hochschulen. Ich beziehe mich im folgenden insbesondere auf seine Ausführungen zur Schule, die ich für die Debatten um zeitgemäße und digital-unterstützte Bildung für sehr bereichernd halten. Man muss dabei nicht alles teilen, was Robert Simanowski schreibt. Zum Beispiel werden MOOC‘s und OER in einem Atemzug genannt als Massenbildungsinstrument im Interesse von Kosteneinsparung zu Lasten der Qualität. Im Großen und Ganzen handelt es sich aber um eine sowohl medien- als auch bildungswissenschaftlich fundierte Darstellung.

Warum ich das Buch zum Lesen empfehle?

Robert Simanowski blickt sehr kenntnisreich auf die Situation und Entwicklung der Digitalisierung an Schulen. Viele seiner grundlegenden Thesen finde ich sehr unterstützenswert:

  • Sein Ziel ist eine Bildung, die Mündigkeit ermöglicht. Das sieht er als unbedingte Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft.
  • Er sieht Pädagogik – und damit gut ausgebildete Lehrende – als die unbedingte Grundlage für gute Bildung in diesem Sinne. Und er warnt davor, dass im Kontext von Digitalisierung die pädagogische Rolle in Lernprozessen tendenziell zurück gedrängt werden könnte.
  • Er ist sich vollkommen bewusst, dass Lernen in der Schule selbstverständlich auf das Leben in einer digitalisierten Gesellschaft vorbereiten muss. Medien will er deshalb nicht verbannen, sondern als Thema wichtiger nehmen.

Anschließend an den letzten Punkt, gibt er einige Denkanstöße, die in der aktuellen Debatte um Digitalisierung aus meiner Sicht zum Teil aus dem Blick geraten bzw. zu wenig wichtig genommen werden:

  • Seine zentrale These ist, dass eine Mediennutzungskompetenz nicht ausreicht. Vielmehr muss es in der Schule gerade auch um Reflexion über Medien und ihre gesellschaftliche Funktion gehen. (Anders ausgedrückt: Nicht nur Fragen, wie man Fake News im Internet erkennt, sondern vor allem thematisieren, wie das Internet und soziale Medien wie Faceboook gestaltet sind, dass Fake News produziert werden)
  • Er entlarvt das Interesse einer reinen Arbeitsmarkt-Anpassung und damit einer ökonomisierten Bildung in vielen Digitalisierungsprojekten und -debatten (Stichwort: Bildung 4.0). Und er macht auch deutlich, dass das oft weniger in der Rhetorik, als in der Praxis deutlich wird. Denn: "Alle, die sich in einem demokratischen Staat zur Zukunft der Bildung äußern, werden dazu auch Begriffe wie kritisch, reflexiv und mündig verwenden." Sein Appell lautet also; genau hinsehen und kritisch sein!
  • Er liefert einen hilfreichen Blick auf die oft als fehlend benannten Medienkompetenzen von Lehrenden: Als Digital Immigrants seien sie geradezu dazu prädestiniert mit einem reflektierten Blick auf die Medien zu sehen und ihre Erfahrungen an Lernende weiter zu geben. Genau so, wie jemand der eine fremde Sprache erlernt auch sensibler ist für ihre grammatikalischen Besonderheiten als ein Muttersprachler. Für unproblematisch hält er es, wenn Lehrende mit aktuell angesagten Apps der Lernenden nur wenig anfangen können. Das sei einzuordnen als Teil von Jugendkultur, die für Erwachsene auch früher schon tendenziell unverständlich war.

Sein Vorschlag lautet:

"Wir sollten den Appell ‚Keine Bildung ohne Medien‘ gegen eine verkürzte Lesart schützen und insgeheim ausrufen: Keine Medien (im Unterricht) ohne Bildung (über sie)."

Das darf in dieser Zuspitzung nicht falsch verstanden werden: Er will die Medien nicht verbannen, aber er will eine fundierte Medienbildung einfordern, die über anwendungsbezogene Kompetenzen hinaus geht. Ich halte diese Forderung für eine gute Möglichkeit, um die oft verhärteten Fronten zwischen Medienbefürwortern und -Gegnern an der Schule aufzubrechen. Es geht dann nicht mehr um ‚Tablets: ja oder nein?‘, sondern um die Frage: Was ist unsere Aufgabe als Pädagoginnen und Pädagogen in einer digitalisierten Welt? Raum ist dann sowohl für die Lehrenden, die – auch weitgehend ohne praktische Technik-Nutzung – über die Rolle von Medien mit Schülerinnen und Schülern reflektieren, als auch für diejenigen, die dies im Rahmen von Medienhandeln anstoßen. Das verbindende Element ist aber das Hinwirken auf eine umfassende Medienbildung, d.h. Medien müssen Thema an der Schule sein!

Was fehlt?

In der Gegenüberstellung zwischen Medienkompetenz und Medienbildung fehlt bei Robert Simanowski aus meiner Sicht häufig eine Verbindung zwischen beiden. Ich finde: Medienkompetenz muss sich nicht darauf beschränken, rein anwendungsbezogene Kompetenzen zu vermitteln. Sie kann genau so - und gerade durch das praktische Handeln - den Blick öffnen auch für eine Reflexion über Medien. Hilfreich sind dafür insbesondere Vorbilder und Initiativen, die sich ganz praktisch für ‚bessere‘ Medien einsetzen, z.B. in Form von Projekten im und für das offene Netz.