Kulturelle und digitale Bildung im Dialog

Eine Einstiegsfolie: Kulturelle und digitale Bildung im Dialog.

In der vergangenen Woche durften Ulrike Linz und ich bei einer Veranstaltung der Kulturagenten – der Initiative für kreative Schulen in Berlin – einen interaktiven Impuls zum Einstieg und den Abschluss gestalten. Wir haben den Tag gemeinsam mit dem Team der Kulturagenten der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) vorbereitet.

In diesem Blogbeitrag teile ich unser gemeinsam entwickeltes Vorgehen. Zum einen Teil als Erinnerung/ Denkstütze für Teilnehmende zur Nachbereitung; zum anderen Teil, weil vielleicht auch Menschen, die nicht mit dabei waren, daraus Anregungen mitnehmen können.

Zum Rahmen der Veranstaltung

Titel der Veranstaltung war: Zwischen Code, Kunst und Kritik. Sie hatte zum Ziel, digitale und kulturelle Bildung miteinander in den Dialog zu bringen. Wir hatten uns in der Vorbereitung lange über die für uns wichtigste Zielstellung verständigt und kamen dazu, dass es nicht einfach darum gehen soll, ein digitales Tool oder eine Methode anzubieten, die direkt in der nächsten Woche an der Schule eingesetzt werden kann, sondern dass wir dieses Ziel – in ein konkretes Handeln zu kommen – mit einem Innehalten und Reflexion verbinden wollen, um damit dann Handlungsspielräume zu erweitern.

Wir nutzten deshalb den Golden Circle von Simon Sinek: Im Rahmen des interaktiven Impulses war es zunächst das Ziel, dass sich alle Beteiligten über ihr WOZU des Zusammenbringens von digitaler und kultureller Bildung klar werden konnten. Danach kamen wir dann – vorrangig in den Workshops und in unserem Abschluss – zum WIE und zum WAS.

Interaktiver Impuls: Kulturelle und digitale Bildung im Dialog

Für den Impuls zu Beginn standen knapp zwei Stunden zur Verfügung. Wir starteten mit einer Körperübung: Raum wahrnehmen, Schütteln, gemeinsame Präsenz finden.

Für den Impuls hatte Ulrike die schöne Idee, ein Gedicht von Hilde Domin als Aufhänger zu nehmen. Nach der Vorstellung des Golden Circle blendeten wir dieses somit zunächst unvollständig ein und luden dazu ein, alles zu notieren, wie die Zeile fortgesetzt werden könnte.

Mit der ‚Auflösung‘ der vollständigen Gedichtszeile gab es dann ein kurzes ‚Poetik-Seminar‘, denn in diesem kurzen Gedicht klingt sehr vieles an, was künstlerische Praxis und schöpferisches Potential des Menschen auszeichnen. Und es wirft vor allem die Frage auf: Was ist denn diese Luft/ dieses Luftnetz, das da trägt?

Wir sind dazu in eine körperliche Übung gegangen und haben gemeinsam versucht, körperlich darzustellen, was uns da trägt, wenn wir den Fuß in die Luft setzen. In einem Sprechen & Zuhören Format haben sich dann alle gegenseitig von ihren Erfahrungen aus ihren jeweiligen Kontexten berichtet.

Im Plenum sammelten wir dann Begriffe, die sich in den Gesprächen abgezeichnet hatten. Ulrike hatte zuvor drei Begriffe – Vertrauen, Zutrauen und Ermutigung – als grundlegend für Lernen und auch für Entfaltung des schöpferischen Potentials der Menschen notiert und stellte diese vor.

Anschließend fragten wir mit einer weiteren Körperübung ab, wie denn das Erleben zu diesen drei Begriffen in der Schulrealität ist. Es tut weh, zuzusehen, wie beengend und herausfordernd die Schulrealität in solchen Übungen oft dargestellt wird.

Von der kulturellen Bildung ging es weiter zur digitalen Bildung. Das Gedicht von Hilde Domin aufgreifend fragten wir, wie sich der Satz ‚Ich setzte den Fuß in die Digitalität und war …‘ denn fortsetzen ließe. Auch das war wieder als Körperungübung gestaltet. Spannend war hier die große Ambivalenz: ein isoliertes ‚Auf Bildschirme schauen‘ war ganz genauso zu sehen, wie ganz viel Hektik aber auch große Freude und Begeisterung.

Wir haben zunächst einen Blick auf die Realität der gegenwärtigen Digitalität geworfen und dazu die folgenden Begriffe vorgestellt:

  • gefangen: in der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie, in der menschliche Bedürfnisse gekapert werden und nur flüchtige Beziehungen möglich sind (nach Nina Kolleck: der Krieg in den Köpfen)
  • verloren: gerade im Hinblick des aktuellen KI-Diskurses, in dem Technik zunehmend so gestaltet wird, dass sie Menschen ersetzt und nicht hilft, Potentiale zu entfalten.
  • entfremdet: nicht mehr verbunden mit sich selbst und anderen.

Wenn wir aber ‚tiefer gehen‘ und zu den Grundstrukturen des Internets vordringen, dann sehen wir, dass das durchaus auch sehr anders sein kann. Wir könnten dann auch fortsetzen mit: inspiriert, orientiert und verbunden. Eine ganz konkrete Möglichkeit ist beispielsweise das Fediverse als demokratisch gestalteter Austauschraum, zu dem es hier eine kleine Einstiegsfortbildung gibt.

Angesichts der Herausforderungen der gegenwärtigen Digitalität könnte man leicht zum Schluss kommen, dass Verbieten und Aussperren eine sinnvolle Reaktion sei. Das wird oft mit dem so genannten Vorsorge-Prinzip begründet. Wir haben dem ein ‚Fürsorgeprinzip‘ entgegen gestellt, was neben dem Schutz, auch das Recht von Kindern und Jugendlichen zum Teilnehmen und zur Teilgabe in einer digital geprägten Gesellschaft umfasst und dazu ermutigt. Ganz entscheidend, um der gegenwärtigen Digitalität etwas entgegen zu setzen und nicht fremdbestimmt zu bleiben, sind Räume zur Reflexion. Eine Übung dazu, die auch mit Schüler:innen durchgeführt werden kann, haben wir gemeinsam ausprobiert. Alle fanden sich dazu zu dritt zusammen und gestalteten drei Runden in einem Sprechen & Spiegeln Format. Auf der Folie ist hier eine Runde dargestellt:

Neben der Reflexion ist dann die Gestaltung der Digitalität ganz entscheidend. Wir haben das mit einem Zitat von Janusz Korczak eingeführt:

Dazu passend haben wir dann das Leitbild der konvivialen Technik vorgestellt, das Ivan Illich in den 1970er Jahren entwickelt hat. Für uns war davon erstens entscheidend, Digitalität von den Bedürfnissen der Menschen zu denken, zweitens darauf zu achten, dass sie nicht zu groß wird und wegkippt und dann überwältigt, anstatt gestaltbar zu sein und drittens das digitale Gestalten als Prozess immer als ein Raum für Verbundenheit erlebt werden kann.

Andrea Vetter hat den Begriff in eine Matrix weiter entwickelt, die sich gut zur Reflexion der Digitalisierungsschritte an der eigenen Schule eignet.

Aufbauend auf diesen Impulsen war dann die abschließende Einladung an die Teilnehmenden, ihr WOZU zu formulieren.

In die dann folgenden Workshops waren alle Teilnehmenden eingeladen, zu beobachten, wie ihnen Lernen und Gestaltung ermöglicht wird und was es dazu braucht.

Abschluss: Handlungsspielräume erweitern

Beim Abschluss haben wir zunächst das ‚Wie‘ – aufbauend auf den gesammelten Beobachtungen in den Workshops – vertieft. Hier ging es uns um die pädagogische Verantwortung: Was ist zu tun, damit die Luft trägt und wir eben nicht abstürzen?

Ulrike stellte dazu Grundlagen der Funktionsweise des menschlichen autonomen Nervensystems dar und erklärte mithilfe des Stresstoleranzfensters nach Daniel Siegel die Bedeutung, für eigenes Sicherheitserleben zu sorgen und dann auch Lernenden Sicherheitserleben zu ermöglichen, um so Räume zur Gestaltung zu ermöglichen. Teilnehmende konnten das in einer Übung im Raum für sich erkunden.

Darauf aufbauend kamen wir dann – im Sinne von erweiterten Handlungsspielräumen – zur Ausformulierung des WAS. Wir machten das in einer Silent Writing + Peer-Beratschlagungs-Übung in drei Schritten:

Unser zuversichtlicher Abschluss war dann das ‚Wir‘, das wir im Laufe dieses Tages entwickelt hatten und dass uns auch in Lernprozessen an Schulen tragen kann. Zur Stärkung und anschließender Reflexion luden wir dazu alle ein, sich in einen ‚lebenden Organismus‘ mit einem Wort und einer Geste zu begeben – und damit den Tag für sich abzuschließen.

Was trug bei dieser Veranstaltung?

Das Hilde Domin Gedicht eignet sich auch gut, um ein eigenes Fazit zu ziehen, was durch diesen Tag getragen hat. Für mich war es vor allem:

  • die sehr vertrauensvolle und wertschätzende Zusammenarbeit mit dem Team der DKJS.
  • das sehr schöne gemeinsame Konzipieren und Durchführen gemeinsam mit Ulrike.
  • die wunderbaren Teilnehmenden, die sich sehr offen und neugierig auf den Tag eingelassen haben.

In der Konzeption fand ich vor allem das Gedicht von Hilde Domin in all seinen unterschiedlichen Variationen als inhaltlicher Anker und die immer wieder genutzten Körperübungen stimmig.

Die Teilnehmenden hatten für ihre Notizen ein ‚Kritzelheft‘ erhalten. So etwas finde ich immer wieder sehr gewinnbringend und wir konnten es bei dieser Veranstaltung richtig toll nutzen, um die Übungen zu begleiten. Schön, dass auch das möglich war!

PS. Das Kulturagenten-Programm hat an diesem Tag Geburtstag gefeiert. Es gab leckere Torte und gemeinsames Singen. Ich freue mich sehr, dass es solche Projekte gibt und wünsche gutes Gelingen bei allem, was weiter kommt!

Geburtstagstorte für die Kulturagenten :-)


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