Kritisches, weil demütiges Denken

Ein Strichmännchen vor grünem Hintergrund.

In diesem Blogbeitrag teile ich einen Denkansatz zum kritischen Denken, den ich im Rahmen der Inner Development Goals (IDG) kennen gelernt habe. Ursprünglich entwickelt wurde die Methode von Pascal Frank unter dem Namen „The Humble Mindset“ bzw.’Epistemische Rekontextualisierung‘. Sie ist unter anderem über die Transition Makers Toolbox frei zugänglich.

Ich finde den Ansatz spannend, weil ich ihn für mich selbst gleichermaßen bereichernd wie herausfordernd erlebe. Und weil er aus meiner Sicht im Bildungskontext sehr gut genutzt werden kann, wenn es um kritisches Denken vor dem Hintergrund einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung geht. Mehr sich selbst hinterfragen, zuhören und nach Gemeinsamkeiten statt nach Unterschieden zu suchen, finde ich hier grundsätzlich eine wünschenswerte Strategie. Herausfordernd finde ich das deshalb, weil damit natürlich nicht Relativierung und ein Umgehen von Konflikten gemeint ist. Wohl aber geht es um etwas, was für alle Beteiligten ‚lernendes Streiten‘ ermöglicht.

Ich merke zugleich, dass die Nutzung der Methode mich immer wieder grundsätzlich innehalten lässt. Fast automatisch gerät dadurch das „Wozu?“ in den Blick und man bleibt weniger an der Oberfläche stehen.

Das Vorgehen in Kurzform

Im Wesentlichen umfasst der Ansatz fünf Schritte. Ausgangspunkt ist, dass ich mit einer kontroversen Aussage konfrontiert bin. Zum Beispiel: „Smartphone-Nutzung macht süchtig.“

In meinem Kopf könnte ich dann wie folgt vorgehen:

  1. Wahrnehmen: Ich nehme wahr, wie ich auf diese Aussage reagiere. Zum Beispiel könnte ich feststellen, dass ich genervt bin und mich ärgere („Schon wieder dieser Quatsch!“).
  2. Analysieren: Diese ungefilterte, spontane Reaktion analysiere ich: Was ist meine Position dazu? Ich könnte hier z. B. feststellen, dass ich die Aussage ablehne und dass mit der Ablehnung eine Mischung aus Verärgerung und Überzeugung einhergeht.
  3. Epistemische Kriterien klären: Aufbauend auf dieser Analyse schaue ich genauer hin: Wie komme ich eigentlich zu dieser Bewertung? In meinem Fall wäre das eine Mischung aus wissenschaftlicher Evidenz („Smartphones sind keine Substanzdroge“) und eigener Praxis („Ich beobachte meine Nutzung und erlebe, dass ein reflektierter Umgang erlernbar ist. Das sehe ich bei mir selbst und auch bei anderen in pädagogischen Kontexten“).
  4. Rekontextualisieren: Die Klärung aus dem vorherigen Schritt ermöglicht dann die eigentliche Prüfung: Ich überprüfe mit verschiedenen Strategien, ob ich stimmig in meinem Denken bin oder mich selbst an der Nase herumführe. Im Original werden vier Strategien vorgeschlagen. Wenn ich die Methode nur für mich durchführe, nutze ich die ersten drei:
  • Polarisierung: Würde ich bei der gegenteiligen Position die gleichen Kriterien anwenden? (Wenn jemand sagt: „Smartphones machen überhaupt nicht süchtig“, frage ich auch dort nach Studien?)
  • Thematische Übertragung: Wende ich meine Kriterien auch in anderen Themenfeldern an?
  • Selbstbezug: Verhalte ich mich selbst manchmal anders, als meine Kriterien es nahelegen?
  • Dialogischer Vergleich: Wie sehen es andere — und nach welchen Kriterien urteilen sie?
  1. Epistemische Tugenden vergegenwärtigen: Im letzten Schritt vergegenwärtige ich mir mögliche, hilfreiche Haltungen, mit denen ich der Aussage begegnen könnte, und reflektiere meine Reaktion noch einmal aus dieser Perspektive:
  • Offenheit: Bin ich bereit, mich mit der anderen Position auseinanderzusetzen?
  • Neugier: Bin ich neugierig darauf, woher sie kommt und was dahinter steckt?
  • Bescheidenheit: Ziehe ich ernsthaft in Erwägung, dass ich mich irren könnte?
  • Wohlwollen: Gehe ich davon aus, dass die andere Position mit guter Absicht formuliert wurde?

Ich mag an diesem Vorgehen, dass man demütiges, hinterfragendes Denken, d.h. ein Denken, das die eigene Begrenztheit anerkennt, damit sehr systematisch für sich durchspielen kann. Damit das in der Praxis funktioniert, finde ich als Schritt 0 wichtig, mir zunächst bewusst zu machen, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten will. Es ist nicht nötig, über jedes Stöckchen zu springen. Ich kann entscheiden, wo sich aus meiner Sicht eine Auseinandersetzung lohnt, weil ich Lernpotenzial für mich sehe.

Auch wenn ich das Vorgehen hier als fünf Schritte beschrieben habe, finde ich es stimmiger, sich das nicht als einen linearen Prüfprozess vorzustellen, sondern so, dass man immer wieder von einem Schritt zum anderen zurück- und vorspringen kann und sollte. Insbesondere in den letzten beiden Schritten wird für mich sichtbar, dass es nicht um Relativismus geht, sondern um kritisches Prüfen. Im Ergebnis verstehe ich vielleicht besser, warum ich etwas anders sehe und kann das dann auch entsprechend begründen. Oder aber eben ganz genauso auch zu einer anderen Auffassung gelangen.

Nutzung im Bildungskontext

Dieser Denkansatz lässt sich als strukturierter Rahmen für kritisches Denken gut in Lernangebote übertragen. Besonders wertvoll ist das, weil dann vor allem auch gemeinsam reflektiert werden kann. Wie bei vielen anderen Methoden auch, kann es in einem ersten Schritt zunächst darum gehen, diese Methode einzuüben. Ist sie als Grundlage bekannt, kann dann immer wieder darauf Bezug genommen werden.

Fazit

Ich mag an dieser Methode, dass aus meiner Sicht im Ergebnis sehr gut ein ’suchender, offener Blick‘ gelingt. Ich kann damit in Austausch gehen und dabei immer den Fokus haben: Was könnte daran spannend/ weiterbringend sein? Ich empfinde das als eine sehr hilfreiche Perspektive auf die Welt.


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