10 Open Source bzw. offene Tools zum kollaborativem Lernen

Veröffentlicht am 26.2.2019

Kollaboration gehört zu den Grundpfeilern einer guten Bildung. Vor diesem Hintergrund habe ich mich umgesehen, nach spannenden, bislang nach meinem Eindruck noch weniger bekannten Open Source bzw. offenen Tools für das kollaborative Lernen. Um eine einfache Nutzbarkeit zu ermöglichen, beschränke ich ich auf webbasierte Tools, d.h. sie können direkt im Browser genutzt werden. Umfassend getestet sind sie von mir noch nicht. Ich sehe diesen Blogbeitrag mit als eine Einladung zum Ausprobieren. Die meisten der vorgestellten Tools sind Open Source. Dazu habe ich mich aus fünf Gründen ganz bewusst entschieden:

  1. Gerade im Bildungsbereich, wo es immer auch um die Entwicklung digitaler Souveränität geht, finde ich es ganz entscheidend, dass die Gestaltbarkeit von Technik praktisch erfahrbar ist. Bei Open Source Software ist das gegeben. Sie ist gestalt- und veränderbar. Auch ohne Programmierkenntnisse kann man sie z.B. übersetzen, Fehler melden, Ideen zur Weiterentwicklung vorschlagen … Man kann sie sich zudem selbst installieren (muss das aber nicht).
  2. Open Source Software ist nachhaltig. Weil der Software-Code für alle zugänglich ist, läuft man nicht Gefahr, etwas zu produzieren oder zu gestalten, was in einigen Jahren nicht mehr nutzbar ist. Denn selbst wenn es eine jetzt vorgestellte Website nicht mehr geben sollte, dann ist das Format dennoch weiter verwendbar. Vor diesem Hintergrund ermöglicht OpenSource Software auch eine gute Weiternutzbarkeit von Materialien im Sinne von Open Educational Resources (OER)
  3. Open Source Software ist gebührenfrei nutzbar - und braucht Unterstützung. Das bedeutet, dass Lernende und Lehrende alle im folgenden Tools offen und ohne Kosten nutzen können. Mit meiner Vorstellung der Tools und ihrer Bekanntmachung möchte ich auch die Arbeit der Entwicklerinnen und Entwickler wertschätzen. Großartig wäre es, wenn einige größere Institutionen Gefallen an einigen der Tools finden und evtl. dann auch bereit sind, in eine Weiterentwicklung zu investieren - die dann wiederum allen zugute kommt.
  4. Open Source Software lebt nicht nur in der eigenen Entwicklung offene Prinzipien, sondern wendet sie häufig auch als Zielstellung für die entstehenden Projekte an. Nicht zufällig gibt es deshalb so eine große Anzahl von Kollaborations-Tools im Open Source Bereich die Zusammenarbeit zum Teil auf sehr kreative und spannende Weise zu ermöglichen versuchen.
  5. Open Source Software macht Spaß. Manchmal ist die Nutzung zunächst ungewohnt, manchmal muss man erst ein bisschen ausprobieren, aber immer kann man gewiss sein, dass man Unterstützung bekommt, wenn man nachfragt Und dass fast immer Menschen mit viel Engagement und Motivation an den Tools arbeiten.

Damit aber genug der einführenden Worte. Hier kommt die Tool-Liste zum Erkunden und Ausprobieren. (Die Reihenfolge ist zufällig und stellt keine Bewertung dar). Zu fast allen Tools habe ich auch kurze Screencasts angefertigt. Die gesamte Playlist dazu findest Du bei Youtube

1. CryptPad

CryptPad ermöglicht kollaboratives und synchrones Schreiben auf einer gemeinsam zugänglichen Seite im Internet. Bekannter als das Cryptpad ist das Etherpad. Ich nutze außerdem sehr gerne das Tool HackMD. Auch bei diesen beiden handelt es sich um Open Source Software. Die Besonderheit bei Cryptpad ist insbesondere, dass Links entweder nur zum Lesen oder zum Bearbeiten geteilt werden können. Das ermöglicht Lernprozesse, bei denen etwas in einer Gruppe geschrieben werden soll - und die andere Gruppe dann nicht mit bearbeiten, sondern nur lesen und kommentieren soll. Cryptpad funktioniert ohne Registrierung. Doch auch wer sich registrieren will und seine Pads damit dauerhaft speichert, benötigt keine Angabe von E-Mail-Adresse. Ein Name und ein selbst gewähltes Passwort genügen.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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2. Draw.chat

Draw.chat ist ein kollaboratives Whiteboard mit dem Fokus auf dem Annotieren von Bildern oder pdf. Dazu wird einfach ein Bild oder pdf hochgeladen und dann im Browser mit Text oder Zeichnungen erweitert. Wie bei einem Etherpad kann der Link mit anderen geteilt werden, was eine kollaborative Bearbeitung ermöglicht. Integriert ist ein Chat für Absprachen während des Annotierens. Zur Nutzung ist keine Registrierung erforderlich. (Anmerkung: Angekündigt ist auch die Möglichkeit auf Kartenausschnitten zu annotieren, dies scheint aktuell aber nicht zu funktionieren)

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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3. DraftIn

DraftIn ist ein Tool für Individuen, die schreiben und sich dazu Feedback wünschen. Wer also z.B. an einem Blogbeitrag schreibt, kann diesen in DraftIn formulieren und dann via Link dazu Feedback einholen. DraftIn ermöglicht dazu eine übersichtliche Kommentarfunktion und eine gute Versionierung. Um das Schreiben zu unterstützen, ist das Pad sehr minimalistisch gestaltet. Wer mag, kann sich seine Lieblings-Schriftart aussuchen bzw. Farbe von Bildschirm und Größen einstellen. Ausgehend von DraftIn kann das erstellte Dokument praktisch überall hin veröffentlicht werden, z.B. zum eigenen Wordpress-Blog. DraftIn erfordert zur Nutzung eine kostenfreie Registrierung. Gegen Bezahlung kann man sich Unterstützung beim Schreiben dazu kaufen.

Update: Ich fand das Tool so schön, dass ich es auf die Liste aufgenommen habe, aber bei genauere Betrachtung scheint es nicht Open Source zu sein. Hilfreich ist es vielleicht dennoch, für den einen oder die andere.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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4. Oppia

Oppia ermöglicht die Erstellung interaktiver Bildungsmaterialien in Form von ‘Chatgeschichten’. Die Nutzenden bekommen eine Frage gestellt, können aus unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten auswählen und erhalten dann eine Reaktion dazu. Weitere Möglichkeiten sind eine Auswahl aus einer Karte oder ein freies Texteingabefeld. Das Tool ähnelt der Website Learningsnacks. Was mir an Oppia gut gefällt, ist erstens die Festlegung, dass alle erstellten Inhalte unter einer Creative Commons veröffentlicht werden (CC BY SA). Zweitens ist die Plattform selbst Open Source und kann somit auch selbst gehostet werden. Im Bildungskontext können mit Oppia Materialien zum Üben, Wiederholen und Festigen erstellt werden. In Hinblick auf Kollaboration lässt sich der Ansatz des Lernen durch Lehren umsetzen: Lernende erstellen Oppia-Einheiten für Mitlernende. Vor allem ist das tool aber kollaborativ angelegt, weil es die Grundidee ist, dass gemeinsam offene Bildungsmaterialien für alle erstellt werden können. Die Gestaltung von Oppia-Lerneinheiten setzt eine kostenfreie Registrierung voraus.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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5. Prism

Prism ist ein Tool mit dem sich Texte mit unterschiedlichen Farben markieren lassen. Jede Farbe steht dabei für ein selbst gewähltes Stichwort. Ähnlich wie bei einer Wortwolke kann man sich anschließend den Text mit Auswahl der unterschiedlichen Farben ansehen: Je nachdem wie groß die Buchstaben angezeigt werden, umso mehr Menschen haben den Textabschnitt mit dieser Farbe markiert. Denkbar ist der Einsatz z.B. zur Bewertung eines Zeitungsartikels. Dazu könnten zwei Farben zur Verfügung gestellt werden: Argument überzeugt mich, Argument überzeugt mich nicht. Anschließend markieren die Lernenden den Artikel je nach ihrer eigenen Einschätzung. Dann wird gemeinsam über das Ergebnis anhand der Visualisierung reflektiert.

Das Problem an Prism ist, dass es offensichtlich noch im Experimentiermodus befindet und aktuell keine Weiterentwicklung erfolgt. Für den Einsatz im schulischen Kontext ist es schwierig, dass man nicht nur zum Erstellen von Texten, sondern auch zum Markieren einen kostenfreien Account benötigt. Mit diesen Einschränkungen ist das Tool einsetzbar. Eine Weiterentwicklung würde ich sehr begrüßen.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert: (englischsprachiges Tutorial der Initiator/innen)

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6. Tomato5

Tomato5 ermöglicht soziale Präsenz während individuellen Arbeitsphasen. Es basiert auf der so genannten ‘Pomodore’-Technik (Pomodore, italienisch: Tomate) zum produktiven Arbeiten dank eines Wechsels zwischen konzentrierten Phasen und Pausen. Der Name stammt von dem Tomaten-Wecker, der ursprünglich dazu genutzt wurde. Praktisch sieht die Pomodore Technik folgendermaßen aus: Der Tomaten-Wecker wird aufzogen (auf 25 Minuten), während er tickt, arbeitet man konzentriert und ohne Ablenkungen, wenn er klingelt macht man 5 Minuten Pause. Nach 4 Arbeitsphasen folgt eine längere Pause. Mit Tomato5 kann man die Pomodore-Technik mit digitaler-Unterstützung und gemeinsam mit anderen umsetzen: Man gibt seine gewünschten Aktivitäten/ Vorhaben ein, an denen man je 25 Minuten arbeiten will und mit Klick auf die jeweilige Tomate startet der Wecker. Zusätzlich kann man mit einem Smiley, seinen aktuellen Gemütszustand offenbaren. Durch das Anlegen einer Gruppe, können andere ‘beitreten’. Sichtbar ist dann für alle im Team, wer gerade an was arbeitet und wer sich wie fühlt - zusätzlich können Mini-Belohnungen verteilt werden. Zur Nutzung ist eine kostenfreie Registrierung erforderlich. Dennoch ist das Tool recht niederschwellig einsetzbar - z.B. um sich auf den letzten Metern beim Schreiben einer Hausarbeit gegenseitig zu unterstützen.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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7. Scrumblr

Scrumbl bietet eine einfache virtuelle Pinnwand, die flexibel gestaltet werden kann: Ohne die Erfordernis einer Registrierung kann ich für meine Pinnwand ein URL-Kürzel wählen. Den Link kann ich dann mit anderen teilen. Alle, die über den Link verfügen, können rechts Bereiche auf der Pinnwand ergänzen und unten Karteikarten ergänzen, beschriften und zuordnen. Genutzt werden kann das Tool z.B. für ein kollaboratives Brainstorming mit anschließender Sortierung der Karten.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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8. Scrumlr

Ganz ähnlich wie Scrumbl ist Scrumlr. Allerdings sind die Pinnwände hier bereits vorab gestaltet. Zur Auswahl stehen unterschiedliche Methoden z.B. Positiv/ negativ oder Start/ Stop/ Continue. Insbesondere kann Scrumlr aber zwischen unterschiedlichen Phasen hin- und her wechseln. Die erste Phase ist die Sammlungsphase, anschließend folgt die Bewertungsphase, in der die angepinnten Karteikarten bewertet werden können. Und drittens werden die jeweils am besten bewerteten Karten als erstes angezeigt und können dann gemeinsam diskutiert werden. Weder zum Anlegen eines neuen Boards noch zum Nutzen ist eine Registrierung erforderlich. Das Tool befindet sich aktuell im Beta-Stadium. Bei meinem Ausprobieren bin ich auf keine Fehler gestoßen.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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9. Tawk.space

Taw.space ist ein einfaches Tool für Video- und Audio-Konferenzen. Ein eigener Raum wird einfach über eine selbst gewählte URL angelegt, z.B. Tawk.space/meinkonferenzraum. Die URL wird mit Teilnehmenden geteilt und schon kann die Video-Konferenz starten.

Tawk.space ausprobieren (Achtung, es wurd direkt eine Videokonferenz gestartet!)

10. AllOurIdeas

AllOurIdeas ist ein kollaboratives Entscheidungs- und Priorisierungstool. Es werden zu einer Frage mehrere Alternativen angeboten. Den Nutzenden werden jeweils zwei davon zufällig angezeigt und sie wählen, welche davon sie präferieren. Zusätzlich können eigene Vorschläge zur Abstimmung vorgeschlagen werden. Über den Ergebnis-Tab erhalten alle jederzeit einen Einblick in die am besten bewertete Alternativen. Zum Anlegen einer Abstimmung ist ein kostenfreier Account erforderlich. Die Abstimmung kann dann als Link mit allen Interessierten geteilt werden. Eine Anmeldung ist zum Abstimmen nicht erforderlich.

Schau dir an, wie das Tool funktioniert:

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