Initiierung von Lernen mit 3V: Verankerung, Verbindung und Verantwortung

Ein vorbereiteter Lernraum zu Beginn

Gute Lerngestaltung öffnet, hält und begleitet einen Raum, in dem gemeinsames Lernen, Reflexion und Entwicklung ermöglicht wird. In meinem Kontext der Erwachsenenbildung, in dem ich meist nur punktuell mit Lernenden zu tun habe, ist hierbei vor allem die Öffnung entscheidend. Denn an dieser Stelle wird Lernen zunächst einmal überhaupt initiiert und angestoßen. Für die Gestaltung solch einer Öffnung braucht es in der Umsetzung sicherlich einiges an konkretem Handwerkszeug, z. B. in Form von hilfreichen Methoden. Viel wichtiger finde ich für mich in einem ersten Schritt aber, mir bewusst zu machen, worum es in dieser Phase grundsätzlich geht und was es dazu braucht. Mein hierfür im Interesse einer einfachen Weiternutzung entwickeltes Raster sind 3V: Verankerung, Verbindung und Verantwortung.

Verankerung: Gegenwärtig werden

Lernen braucht Raum. Und diesen Raum müssen sich Lernende zunächst selbst nehmen können. Das erste V wie Verankerung ermöglicht es Lernenden deshalb, im Raum gegenwärtig zu werden. Das kann sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Ganz klassisch kenne ich z. B. von vielen Veranstaltungen eine ‚Ankommenszeit‘, die es ermöglicht, in Ruhe einen Platz vor Ort zu finden und sich umzuschauen. Eine andere Möglichkeit ist ein so genanntes ‚Grounding‘ im Sinne einer kurzen Achtsamkeitsübung. Ich mag auch gerne eine körperlich-wahrnehmende Übung: „Erspüre und nimm bewusst wahr, wo du sitzt und was sich um dich herum befindet.“

Verbindung: Mit anderen in Resonanz kommen


Nachdem ich mich als lernende Person verankert habe und angekommen bin, gilt es im nächsten Schritt, mit anderen in Verbindung zu treten. Denn gutes Lernen findet nie isoliert, sondern immer in Verbindung mit anderen statt.

Hilfreich finde ich in der Lerngestaltung hier erstens, dass alle Beteiligten einmal – gerne auch erst einmal nur kurz zum Beispiel in Form eines Blitzlichts – im Plenum gesprochen haben und so Teil der Gruppe werden. Zweitens gestalte ich gerne eine Wusel- und Vernetzungsphase, in der man miteinander ins Gespräch kommen kann. Hier finde ich es hilfreich, nicht nur verbal zu kommunizieren, sondern Lernende z. B. auch dazu zu ermutigen, die eigene Voreingenommenheit gegenüber anderen Beteiligten zu reflektieren und gedanklich abzulegen.

Um Verbindung zu unterstützen, finde ich es zudem hilfreich, direkt hier zu Beginn ‚Gesprächsregeln‘ einzuüben und vorzuschlagen. Eine ganz einfache, aber gerade deshalb wirkungsvolle Regel könnte zum Beispiel lauten:

Sprich immer erst dann zum zweiten Mal, wenn alle anderen vor dir auch bereits zu Wort gekommen sind!

Außerdem lässt sich bewusstes Zuhören durch unterschiedlichste Methoden als Rahmung ermöglichen. Zum Beispiel indem bewusst nicht direkt zu einem ‚Gespräch‘, sondern zum abwechselnden Sprechen und damit immer auch wertschätzendem und bewusstem Zuhören eingeladen wird. Ich mache das gerne mit Karten, die Lernenden die Rollen von Zuhörer*innen oder Redner*innen geben, die dann nach einiger Zeit getauscht werden.

(Dieser Ansatz des bewussten und wertschätzenden Zuhörens macht meiner Erfahrung nach für das weitere Lernen den größten Unterschied, was ich auch an mir selbst beobachten kann: Wenn ich von Anfang an den Eindruck habe, dass mir zugehört wird, dann bin ich viel interessierter und motivierter mich zu beteiligen, als wenn meine Stimme ohnehin nicht interessiert.)

Verantwortung: Das eigene Lernen gestalten

Auf Verankerung und Verbindung kann dann Verantwortung aufbauen. Gemeint ist hier Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lernprozesses. Ein wunderbares Hilfsmittel, das ich in letzter Zeit sehr viel dazu verwende, sind Journaling-Hefte. Das sind einfache Blanko-Hefte, die zu Beginn verteilt werden und in denen Teilnehmende z. B. ihre Lernziele eintragen und während der weiteren Gestaltung kontinuierlich reflektieren können. Unterstützt werden kann solch ein Journaling-Heft durch einen ‚Stickerbogen‘ mit möglichen aufgedruckten Reflexionsfragen, die für die Gestaltung des eigenen Lernprozesses Anregungen bieten und von den Lernenden in ihr Journaling-Heft eingeklebt werden können. (z. B. Welchen konkreten Schritt nehme ich heute mit? Was habe ich noch nicht verstanden und möchte ich genauer reflektieren? Mit wem will ich mich verbinden? …).

Dieses dritte V finde ich auch deshalb wichtig, weil Verantwortung für das eigene Lernenen wahrzunehmen immer auch bedeutet, Lernen mit Ernsthaftigkeit zu betreiben. Denn wenn ich Verantwortung für mein Lernen wahrnehme, impliziert das fast schon automatisch, dass ich auch nach dem ‚Warum?‘ dieses Lernens frage.

Fazit

Ich mache sehr gute Erfahrungen damit, diese drei V in meinen Lernangeboten bei der Öffnung zu Beginn sehr konsequent zu berücksichtigen. Manches Mal erlebe ich, dass das für Lernende erst einmal sehr irritierend ist. Insbesondere wenn ich zum Beispiel einen Workshop zu einem sehr technischen Thema gestalte, wird von vielen oft etwas völlig anderes erwartet. Vor allem die Verankerung zu Beginn wird leider oft mit ‚esoterischem Quatsch‘ assoziiert. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass die Verbindung von innerer Entwicklung und äußerer Handlung im klassischen Bildungssystem noch viel zu wenig reflektiert wird. Innere Entwicklung wird dann missverstanden als individualisierter Rückzug, obwohl es für mich geradezu das Gegenteil ist.

Lerngestaltung mit den 3V kann in diesem Sinne neben einer guten Öffnung in ein konkretes Lernangebot auch ganz grundlegend die Perspektive aufmachen, dass Bildung nicht einfach nur Entwicklung von verwertbaren Kompetenzen ist, sondern inneres Wachstum basierend auf Verankerung und auf Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und der Welt ermöglicht, was wiederum die Wahrnehmung von Verantwortung für die Gestaltung guter Zukünfte ermöglicht.

Vor allem vor dem Hintergrund dieses letztgenannten Aspekts empfehle ich es sehr, Lerngestaltung in Richtung der 3V zu reflektieren und zu gestalten.


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