IMAGINE: Bildung für eine bessere Welt!

Eine Narzisse

In diesem Blogbeitrag möchte ich dir das IMAGINE Framework vorstellen und für die Nutzung in der Bildung übersetzen. IMAGINE (= Stell dir vor …) steht hier für:

  • Stell dir eine nachhaltige Welt vor, die lebens- und liebenswert für alle ist!
  • Und stell dir dann eine Bildung vor, die dazu beiträgt, genau solch eine Welt gemeinsam zu entwickeln!

Das IMAGINE Framework ist eine praktische Anleitung und Orientierung, wie wir bei dieser Herausforderung weiterkommen können.

Vielleicht denkst du jetzt:

„Ach, Nele. Ich mag ja grundsätzlich deinen Idealismus, aber ich habe gerade wirklich so viel anderes zu tun und arbeite ohnehin schon am Limit. Dafür habe ich jetzt nicht auch noch Kapazitäten!“

Ich finde: Genau dann solltest du den folgenden Beitrag lesen, weil es bei IMAGINE eben gerade nicht um ein weiteres Add-On, sondern um einen integrativen Ansatz ausgehend vom Bestehenden geht.

Und wenn du ohnehin schon denkst: „Klingt spannend! Was beinhaltet das Framework denn genau?“ Dann ist der Artikel noch viel mehr etwas für dich! 🙂

Überblick: Was ist das IMAGINE-Framework (und was ist es nicht)?

Das IMAGINE Framework ist ein wissenschaftliches Modell, das von Christine Wamsler und weiteren Kolleg*innen aus der Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung entwickelt wurde. Ausgangspunkt des Modells ist die Verbindung zwischen innerer Entwicklung und äußerer Veränderung.

Das bedeutet: Die Krisen unserer Welt sind in der Perspektive des Frameworks keine externen Herausforderungen, für die wir in einem mechanischen Sinne Lösungen entwickeln können. Sie stehen stattdessen in einem engem Zusammenhang damit, wie wir uns in dieser Welt bewegen und wie wir die Welt sehen. Dazu gehört in diesem Sinne dann auch, wie wir unsere Zusammenarbeit mit anderen Menschen gestalten und welche Systeme wir wie entwickeln. Beispielsweise eben auch das Bildungssystem.

Davon ausgehend zielt das Framework auf drei Dimensionen:

  1. Ontologie: Wie blicken wir auf die Welt und auf unsere Handlungsmöglichkeiten darin?
  2. Praxis: Wie gestalten wir eine veränderte Praxis ausgehend vom Bestehenden?
  3. Epistemologie: Wie lernen wir weiter mit einem offenen und erkundenden Blick und beziehen dabei vielfältige Perspektiven ein?

Diese drei Dimensionen sind als IMAGINE-Blume mit je zwei Blütenblättern pro Dimension ausgearbeitet:

Imagine-Framework: eigene Darstellung

Es gibt wenige Modelle, bei denen ich beim ersten Lesen so viel genickt habe wie bei diesem IMAGINE-Framework. Und zugleich war ich an ganz vielen Stellen sehr erleichtert, denn in der pädagogischen Debatte trifft man ja auch immer wieder auf so viel Quatsch, dass Skepsis und Misstrauen auch erst einmal sehr gesund sein kann.

Meine zentralen Befürchtungen wurden beim Lesen aber direkt widerlegt:

  • Nein, das ist kein esoterischer Quatsch, der Rückzug aus der Welt vorschlägt und naiv propagiert, dass wir nur alle ein bisschen netter zueinander sein müssten und schon leben wir im Schlaraffenland. Das wird erreicht, weil das Modell konsequent eben nicht nur die individuelle Ebene adressiert, sondern diese mit kollektiver und systemischer Ebene verbindet.
  • Nein, das ist keine Agitation für eine weitere Selbstoptimierung im Interesse von noch besserer Verwertbarkeit im Interesse des bestehenden Systems. Das wird erreicht, indem Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt in dem Modell als wichtigste Grundlage vorgeschlagen wird, um der gegenwärtigen Entfremdung mit all ihren auch individuellen Herausforderungen entgegenwirken zu können.
  • Und nein, das ist auch nicht die fertige Lösung für alles, die leicht in eine Art Sekten-Orientierung münden könnte. Das wird erreicht, indem das Modell sehr offen, fragend und entwicklungsorientiert vorgestellt wird. Es schlägt einen Rahmen und eine Orientierung vor, die in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich übersetzt werden kann und muss.

Genau solch eine erste Übersetzung versuche ich nun also zunächst noch recht allgemein für die Bildung. Und ich lade dich dazu ein, das auf deinen pädagogischen Kontext hin weiter zu konkretisieren.

Drei Ebenen: Unser Blick auf die Welt, unsere Praxis und unser Weiterlernen

Wie oben dargestellt sind die drei Ebenen des IMAGINE Frameworks erstens die Ontologie (= Unser Blick auf die Welt), zweitens die Praxis (= unsere Aktivitäten) und drittens die Epistemologie (= unser Weiterlernen bzw. die Art, wie wir neues Wissen entwickeln). Für die Pädagogik können alle drei Bereiche relevant sein.

  • Die erste Ebene zielt darauf ab, was Inhalte des Lernens sind und wie wir auf uns und auf Lernende blicken.
  • Die zweite Ebene zielt darauf ab, wie wir eine veränderte, weil potenzialorientierte, ermächtigende und handlungsorientierte Bildung gestalten.
  • Und die dritte Ebene erkundet, wie wir Pädagogik als Wissenschaft inklusiv und perspektivenreich weiterentwickeln.

Keine dieser Ebenen liefert dir direkt eine fertige Antwort, aber du kannst sie als Kompass nutzen, um deine pädagogische Tätigkeit daran auszurichten. Dabei gilt es stets die individuelle, die kollektive und die systemische Ebene und ihre Verschränkungen im Blick zu behalten.

1. Der Blick auf die Welt: Was lernen und lehren wir und wie blicken wir auf uns und auf Lernende?

Die beiden ersten Blütenblätter der IMAGINE Blume im Bereich der Ontologie sind:

  • Interdependence of inner/outer phenomena (= die wechselseitige Verschränkung von innerer und äußerer Entwicklung in den Blick nehmen)
  • Multiple latent human potential (= die vielfältigen menschlichen Möglichkeiten, die in uns stecken, zur Entfaltung bringen)

Für die Bildung bedeutet das erste Blütenblatt auf Ebene der Lerninhalte eine Umorientierung dahingehend, dass Lerninhalte nicht abstrakt und unverbunden und vor allem nicht getrennt von unserem Denken und unserem Blick auf die Welt vermittelt werden. Stattdessen gilt es eine Aneignung von Wissen in der Form zu ermöglichen, dass Lernende erkennen, wie und warum in einer komplexen, an vielen Stellen eben nicht mechanischen, sondern organischen Welt, Entwicklungen und Ausprägungen miteinander zusammenhängen. Und es gilt gerade im Hinblick auf die Krisen unserer Welt zu erkennen, dass diese keine externen Bedrohungen sind, die von außen über uns kommen, sondern dass ihre Ursache in einer Trennung von uns selbst, von anderen und von der Welt liegt.

Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben, dass wir Probleme niemals mit der selben Denkweise lösen können, mit denen sie entstanden sind. Genau an dieses Zitat habe ich mich bei diesem ersten Blütenblatt des IMAGINE-Frameworks sehr stark erinnert gefühlt.

Wir können für dieses erste Blütenblatt sehr gut an vielfältige Überlegungen zu systemischem Denken, zu fächerverbindendem Lernen, zu Lernen für den Umgang mit Komplexität und viele weitere pädagogische Ansätze anknüpfen.

Mit dem zweiten Blütenblatt erinnert uns das IMAGINE Framework daran, dass gute Lerngestaltung immer einen potenzial- und wachstumsorientierten Blick auf Lernende zur unabdingbaren Grundlage hat. Diese Orientierung wird zurzeit meist als ‚growth mindset‘ (im Gegensatz zu einem ‚fixed mindset‘) gefasst. Es ist – einfach erklärt – der Switch von: „Das kann ich nicht!“ hin zu „Das kann ich lernen!“. Oder eben in pädagogischer Perspektive: von „Für meine Lernenden wäre das eine komplette Überforderung!“ hin zu „Ich ermächtige Lernende dazu, diese Herausforderung bewältigen zu können.“

In diesem zweiten Bereich erscheint es mir ganz entscheidend, dass wir Potenzial- und Wachstumsorientierung mit Offenheit verbinden. Es wäre aus meiner Sicht ein großer Irrweg, wenn man versuchen würde, Menschen ‚reparieren‘ und in eine bestimmte Richtung hin ‚besser entwickeln‘ zu wollen. Ermächtigung mit Offenheit bedeutet stattdessen, den Rahmen zu schaffen, damit Lernende die in ihnen schlummernden Potenziale entfalten und entwickeln können.

2. Die Praxis: Wie gestalten wir eine ermächtigende und handlungsorientierte Bildung?

Die beiden nächsten Blütenblätter der IMAGINE-Blume im Bereich der Praxis sind:

  • Activation of inner dimensions (= Aktivierung der inneren Dimension, d.h. innere Entwicklung als Herausforderung in den Blick nehmen)
  • Generation of transformative capacities (= transformative Fähigkeiten bzw. aktive Veränderungskompetenz entwickeln)

Diese beiden Bereiche gehören für mich und vor allem mit einer pädagogischen Perspektive betrachtet sehr direkt zusammen.

In der Bildung bedeuten sie eine Fokusverschiebung in dem Sinne, dass wir nicht mehr vorrangig auf den Output schauen (Was hat jemand gelernt?) und auch nicht nur auf den Prozess (Wie wurde gelernt?), sondern vor allem die lernende Person selbst in den Blick nehmen: Wer ist es, der/die da lernt und wie kann ich die Selbstentwicklung dieses Menschen unterstützen?

Wir müssen dabei drei Ebenen in den Blick nehmen:

  • Erstens die dargestellte Ebene des Individuums.
  • Zweitens die kollektive Ebene (= Wie lernen wir gemeinsam, so dass für alle Selbstentwicklung möglich wird)
  • Und drittens schließlich auch die unserer Systeme (Wie wird Selbstentwicklung systemisch ermöglicht oder auch verhindert?).

Solch eine Selbstentwicklung auf drei Ebenen kann dann in Handlungsfähigkeit im Sinne einer Ermächtigung (= das vierte Blütenblatt des IMAGINE Frameworks) münden.

Mich erinnert dieser Bereich sehr an die Frage von Otto Scharmer: Was kannst du nicht nicht tun?

Das bedeutet: Wenn wir Selbstentwicklung als pädagogischen Schwerpunkt setzen, dann ermöglichen wir Lernenden sich – wie im ersten Bereich der Ontologie beschrieben – ihrer Rolle in der Welt bewusst zu werden und zu verstehen, dass Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt nicht nur individuell zu einem besseren Leben führt, weil es z.B. psychologische Sicherheit ermöglicht, sondern vor allem auch zu Handlungen motivieren und geradezu drängen kann, unsere Welt in diesem Sinne zu einem besseren Ort zu machen.

Wie eine solche Selbstentwicklung konkret aussehen kann, wird mit den Inner Development Goals (IDGs) beschrieben. Die IDGs sind ein ganzheitlicher Ansatz, der die Dimensionen des Seins, des Denkens, der Verbindung, der Zusammenarbeit und des Handelns jeweils mit mehreren Kompetenzen ausbuchstabiert. In einem ersten Schritt finde ich es hier in einer übergreifenden Perspektive sinnvoll, sich in der Bildung die Frage zu stellen:

Was tue ich, damit Lernende Verbundenheit erleben können, Räume für daran anschließende Selbstentwicklung finden und auf diese Weise zu einem unbedingten Handeln für bessere Zukünfte ermutigt und ermächtigt werden?

Diese Frage klingt riesig groß. Sie kann aber im ersten Schritt auch (vermeintlich) winzig klein und sehr konkret beantwortet werden. Ich frage mich in meiner aktuellen Arbeit zu Künstlicher Intelligenz in der Bildung zum Beispiel:

  • Wie kann ich weg von einer individualisierten KI-Nutzungsperspektive kommen und stattdessen gerade auch im Kontext von KI gemeinschaftliche KI-Nutzung ermöglichen?
  • Oder ich gestalte einen Vortrag als interaktiven Murmelrunden-Vortrag, in dem ich die Zuhörenden einlade, zunächst ihren Blick auf KI zu reflektieren und mit anderen dazu in einen zuhörenden und wertschätzenden Austausch zu kommen.
  • Oder ich lasse Lernende mit der Methode der ‚Denkenden Runde‘ erleben, wie gut und vielfältig sich Ideen und Gedanken durch einen bewusst gestalteten und gehaltenen Raum des Zuhörens entwickeln lassen

Für dich können das in deinem Kontext völlig andere Fragen oder Beispiele sein. Entscheidend ist, die grundsätzliche Orientierung auf Selbstentwicklung basierend auf Verbundenheit mit Intention hin zu Handlung zu verstehen und dir dann zu überlegen: Wo setze ich in meiner pädagogischen Praxis dazu wie an?

3. Die Wissenschaft: Wie entwickeln wir Pädagogik inklusiv und perspektivenreich weiter?

Die letzten beiden Blütenblätter der IMAGINE-Blume im Bereich der Epistemologie sind:

  • Inclusion of diverse knowledges (= Einbezug von vielfältigem Wissen)
  • Expansion of knowledge systems (= neue Wissens- und Denkräume erschließen)

Auch diese beiden Bereiche lassen sich gut zusammendenken. Im ersten Bereich erscheint es mir vor allem wichtig, Wissen nicht nur als etwas zu sehen, was wir mit dem rationalen Denken entwickeln, sondern einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, der auch körperliche Empfindungen und Gefühle mit einbezieht. Ich finde in diesem Zusammenhang zum Beispiel die menschliche Intuition ein sehr spannendes Feld.

Der zweite Bereich nimmt dann zusätzlich noch die Grenzen eines derzeit westlich-zentrierten Wissens- und Denkraums in den Blick. Er fordert dazu auf, diese Begrenzungen zu überwinden und vielfältige Perspektiven einzubeziehen, um Pädagogik besser zu machen. Ich habe in diesem Sinne zum Beispiel sehr von den Arbeiten von bell hooks profitiert, die mein pädagogisches Denken sehr erweitert hat. Diese und viele weitere Ansätze können für die Weiterentwicklung von Pädagogik hilfreich sein.

Aus einer praktischen Perspektive bei der Anwendung des IMAGINE Modells in meiner Arbeit finde ich diese letzten beiden Blütenblätter vor allem aus der Perspektive von Offenheit relevant. Für mich wird hieran deutlich, dass wir in der Umsetzung immer lernend und mit einem fragenden und erkundenden Blick vorgehen werden. Im Sinne von Open Educational Resources (OER) und Open Educational Practices (OEP) lohnt es sich hier, unsere Überlegungen und Versuche zu teilen und voneinander und miteinander zu lernen.

Fazit: Alles beginnt mit (d)einem ersten Schritt!

Beim Lesen des IMAGINE-Frameworks hatte ich den Eindruck, dass sich sehr viele bis dato eher einzelne Bausteine in meinem Kopf zu guter Bildung – beispielsweise Growth Mindset, aktive Veränderungskompetenz, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Inklusion, Offenheit und vieles mehr – sehr bereichernd miteinander verbunden haben. Für mich empfinde ich das Framework wie dargestellt als eine ganz ausgezeichnete Orientierung in meiner Arbeit, weil ich es sehr konkret nutzen kann, um mir immer wieder zwei Fragen zu stellen:

  1. Wie bekomme ich die einzelnen Dimensionen des IMAGINE Frameworks in dieser konkreten pädagogischen Herausforderung, vor der ich stehe, umgesetzt?
  2. Was kann ich tun, dass ich das nicht nur individuell versuche, sondern mich dabei auch mit anderen verbinde und wir gemeinsam auch in systemischer Hinsicht für entsprechende Veränderungen aktiv werden?

Ich habe das IMAGINE Framework hier so ausführlich vorgestellt, weil ich dich einladen möchte, dir diese Fragen auch in deinem Kontext zu stellen. Was daraus entsteht, muss nicht groß beginnen, sondern kann zunächst einfach nur eine kleine Perspektivverschiebung in deinem Denken oder eine leicht veränderte pädagogische Praxis sein. Wir werden dann wirksamer, wenn wir bewusst und reflektiert, mit Ernsthaftigkeit und Freude sowie dabei immer orientiert auf Verbundenheit handeln!


Das IMAGINE Framework ist 2023 in ‚Sustainability Science‘ Open Access unter CC BY 4.0 in englischer Sprache erschienen. Ich teile hier diese Veröffentlichung, falls du dich für die ursprüngliche Quelle interessierst. Die Lizenz ist direkt in der Datei enthalten.


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