Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik

Ein Eisberg. Auf den nicht sichtbaren Teil zigt ein Pfeiöl 'Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik'


Hiermit möchte ich den Nordstern einer gemeinwohlorientierten Digitalpädagogik in die Debatte zu Bildung im digitalen Wandel einführen. Ich sehe den folgenden Beitrag dazu als ersten Aufschlag und freue mich über zusätzliche Perspektiven und gemeinsames Weiterdenken.

Was ist und warum braucht es gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik?

Bildung findet heute zu einem großen Teil im Spannungsfeld zwischen vielfältigen Möglichkeiten und gesamtgesellschaftlichen Krisen statt. Aufgabe von Bildung ist es in dieser Situation insbesondere, zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit zu ermutigen und zu ermächtigen. Das bedeutet konkret, dass Lernende angesichts der zahlreichen Krisen nicht mit Rückzug und Fatalismus reagieren, sondern bestärkt und befähigt werden, gemeinsam mit anderen für soziale, demokratische, friedliche und ökologische Veränderungen aktiv zu werden.

Im Kontext der Digitalisierung ist das besonders relevant, denn gerade hier ist zwischen digitaler Utopie und digitaler Dystopie, die sich in der gesamtgesellschaftlichen Debatte munter abwechseln, kaum Raum, um ins Gestalten zu kommen. Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik eröffnet dazu einen Weg.

Das Konzept hat dabei zwei wichtige Grundlagen:

  1. Digitalisierung wird nicht primär als Werkzeug eingeordnet, was es überwiegend individuell zu lernen und zu gestalten gilt. Stattdessen geht es um eine systemische Perspektive auf die Digitalisierung, die kollektives Lernen und Gestalten erfordert.
  2. Digitalisierung wird mit einer normativen Orientierung verbunden. Das Ziel ist die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse und damit die Erweiterung von Gemeinwohl.

Grundlegend für eine gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik ist für mich, dass mit diesem Ansatz digitale Infrastruktur und Eigentum sowie die damit verbundenen Interessen in den Blick genommen werden. Das ist nötig, um eine grundlegende Alternative zur vorherrschenden Form der Digitalisierung zu eröffnen. Denn digitale Anwendungen werden in dieser vorherrschenden Gestaltungsform meist im Sinne einer solutionistischen Herangehensweise entwickelt, die erstens Technik anstelle sozialer Aushandlung als primäre Lösung für Herausforderungen einordnet und zweitens erkannte Bedürfnisse direkt auf ihre Verwertbarkeit hin abklopft. Digitalisierung wird mit dieser Herangehensweise somit vor allem als Möglichkeit verstanden, um Anwendungen zu entwickeln, die Profite versprechen und bestehende Macht- und Eigentumsstrukturen nicht antasten oder diese sogar noch weiter zementieren. Gemeinwohlorientierte Digitalisierung zielt stattdessen auf eine Digitalisierung, die der Allgemeinheit dient. Menschen können auf diese Weise tatsächlich zu Gestalter*innen ihrer (längst und immer mehr digital geprägten) Lebenswelt werden.

Solche grundsätzlichen Änderungen brauchen kritisches Denken, Verlernen und Neulernen. Dazu ist Pädagogik erforderlich. Zugleich ermöglichen diese Änderungen dann wiederum pädagogische Perspektiven, die Lernenden Gestaltungsmacht für die Entwicklung wünschenswerter Zukünfte ermöglichen.

Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik hat dabei Ähnlichkeit mit medienpädagogischen Ansätzen und insbesondere der kritischen Medienpädagogik. Als Bild eines Eisbergs dargestellt erweitert sie klassische Medienkompetenzmodelle (z. B. nach Dieter Baacke), die vor allem sichtbar-individuelle Handlungsebenen adressieren, um eine stärker strukturelle und systemische Perspektive. Es geht dann nicht mehr nur um das Verstehen und Reflektieren von Medien, sondern digitale Infrastrukturen, Macht- und Eigentumsstrukturen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen kommen stärker in den Blick. Bei Nutzung und Gestaltung von Medien wird auf souveräne und selbstbestimmte Nutzung digitaler Räume mit Blick auf die dahinterliegenden Strukturen gezielt und die aktive, gemeinwohlorientierte Mitgestaltung digitaler Infrastrukturen und Praktiken in den Fokus genommen.

Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik hat für mich vor diesem Hintergrund zwei zentrale Dimensionen:

  • Sie ist erstens Lerngegenstand: Hier geht es darum, weg von einem Werkzeugverständnis der Digitalisierung hin zu einer systemischen Betrachtungsweise zu kommen. Es geht darum zu analysieren, zu reflektieren und Schritt für Schritt zu verstehen, wie die für uns sichtbare Digitalisierung durch die dahinterliegende Infrastruktur geprägt wird und diese zugleich politisch, ökonomisch und kulturell mitformt. Diese Perspektive ermöglicht es, ein Verständnis zu entwickeln, an welchen Hebeln eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung ansetzen muss.
  • Sie ist zweitens Gestaltungsprinzip: Hier geht es darum, zu lernen und vor allem praktisch zu erkunden, wie Digitalisierung orientiert am Gemeinwohl gestaltet sein kann. Wie immer im Kontext der Digitalisierung geht es hier natürlich auch um technische Fragen (z.B. Wie baue ich einen eigenen Server auf?). Mindestens ebenso wichtig (und pädagogisch aus meiner Sicht wahrscheinlich noch relevanter) ist die Frage, welche Praktiken der Zusammenarbeit und der Gestaltung eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung braucht. Hier lassen sich dann Ansätze wie Commons und Open Source, Kultur des Teilens, Open Educational Resources und Open Educational Practices und viele andere Ansätze aufgreifen und vertiefen.

Der Kern all dieser Aktivitäten ist eine kollektive Herangehensweise. Denn Änderungen auf systemischer Ebene werden nicht individuell erreicht werden können.

Genau dieser kollektive Ansatz ist es dann auch, der in der Pädagogik realistische Wege ausgehend vom Hier und Jetzt für die Ermächtigung und Ermutigung von Lernenden zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit ermöglicht. Schulen und andere Bildungseinrichtungen können und sollten deshalb Treiber und Akteure einer gemeinwohlorientierten Digitalpädagogik sein.

Leseempfehlung

Einen ausgezeichneten Einstieg in das Thema der gemeinwohlorientierten Digitalpädagogik bekommst du über das Buch Broligarchie von Aya Jaff. Die große Stärke dieses Buches liegt für mich darin, dass Aya in dem Buch ihren eigenen Weg als Lernreise beschreibt. Sie war früher Teil der vorherrschenden Digitalszene. Ihr Buch ist nun weniger ein klassischer Aussteigerbericht (auch wenn das schon auch Teil ist), sondern Schritt für Schritt die Darstellung, wie und warum sie die damit verbundenen grundlegenden Widersprüche für sich reflektiert hat und wie sie damit beginnt, sich mit anderen zusammenzuschließen und Alternativen zu entwickeln.

Das Buch ist dabei durchgängig klar und niederschwellig geschrieben. Sie beschönigt nicht, aber bleibt auch nicht bei der Beklagung des Ist-Zustands stehen, sondern macht Mut, sich einzubringen und aktiv zu werden.


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