Bei der heutigen Edunautika ‚Süd‘ in Hanau habe ich – gemeinsam mit Gratian Riter – eine Session zu kollektiver Wirksamkeit und Agency angeboten. Wir haben uns spontan entschieden, unsere Sessions zusammen zu legen, weil es uns im Kern um ähnliche Aspekte ging. Gratian war in Bezug auf Agency vor allem der Aspekt der Selbstbestimmung der Lernenden wichtig. Meine Frage in Bezug auf kollektive Wirksamkeit war: Wie erreichen wir eine Bildung, in der Lernende bereits im Lernprozess erleben, dass sie weiterkommen, wenn sie sich mit anderen zusammen tun und gemeinsam agieren und auf diese Weise zugleich auch zu kollektiver Wirksamkeit befähigt werden?
Ich stehe mit dem Begriff der kollektiven Wirksamkeit noch relativ am Anfang. Deshalb hatte ich gar keinen Input vorbereitet, sondern brachte lediglich einen methodischen Rahmen mit, den ich mit Gratian abstimmte und den wir dann gemeinsam durchführten.
In diesem Blogbeitrag geht es somit um ein doppeltes Ziel: Ich erläutere erstens diesen methodischen Rahmen, weil dieser sich aus meiner Sicht gut eignet, wenn man in Barcamp-Sessions ein Thema reflektieren und erste konkrete Ideen entwickeln will. Zweitens dokumentiere ich die gemeinsam erarbeiteten Ideen zum Thema kollektive Wirksamkeit.
Unsere Methode: Future Backwards + Gruppenpuzzle
Die methodische Idee war ein Mix aus Future Backwards mit Gruppenpuzzle.
Während es bei der Future Backwards Methode, so wie ich sie kenne, darum geht, nacheinander mehrere zeitliche Schritte zu einem Thema durchzuführen, veränderten wir das dahingehend, dass wir diese Schritte auf einzelne Gruppen aufteilten und dann im letzten Schritt ein Gruppenpuzzle mit allen zuvor erarbeiteten Perspektiven zur Entwicklung von Ideen machten.
Hier kommt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung:
- Bei der Future Backwards Methode starte ich normalerweise in der Gegenwart. Die Frage lautet also: Wo stehe ich aktuell bei diesem Thema? Diese Frage griffen wir auch in unserer Session auf, aber nutzten sie für einen ersten Murmelrundenaustausch mit den Nebensitzenden. Die konkretisierte Frage bei uns war dazu: Was verbinden wir mit den Begriffen kollektive Wirksamkeit und Agency und wo stehen wir aktuell in unserer pädagogischen Praxis bei diesem Thema?
- Während dieser Murmelphase verteilten wir rote, blaue und grüne Karten. Die Teilgebenden fanden sich dann in Kleingruppen mit der gleichen Farbe zusammen und erhielten jeweils einen zeitlichen Schritt bzw. eine Perspektive der Future Backwards Methode: Das blaue Team war das ‚Spuren‘-Team und ergründete: Wie sind wir dorthin gelangt, wo wir heute stehen? Das grüne Team suchte nach dem Nordstern: Was wäre bei dem Thema eine ideale und perfekte Zukunft? Und das rote Team ging schließlich in den Kopfstand und überlegte sich: Wohin wollen wir auf keinen Fall?
- Anschließend folgte dann das Gruppenpuzzle. Es fanden sich Gruppen zusammen, in denen jedes vorherige Team mindestens einmal vertreten war und alle berichteten sich blitzlichtartig, was sie zuvor reflektiert hatten.
- Gemeinsam entwickelten diese ‚Synthese-Gruppen‘ darauf aufbauend dann bis zu drei konkrete erste Schritte, die man angehen könnte, um mehr kollektive Wirksamkeit zu erreichen.
- Zum Abschluss stellte jede Gruppe ihre entwickelte Lieblings-Idee im Plenum vor.
Wenn du die Methode weiternutzen möchtest, teile ich hier die verwendeten Anleitungen, die ich während der Team-Phasen und der Synthese-Phase direkt an die Gruppen verteilt habe. Solch eine Mini-Anleitung ist aus meiner Sicht sehr hilfreich, um Orientierung zu bieten und allen eine gute Beteiligung zu ermöglichen.
(Die Lizenz dieser Dateien ist CC0 1.0, du musst bei Weiternutzung keinen Lizenzhinweis dazu schreiben.)
Diese Kombination aus Future Backwards und Gruppenpuzzle haben wir heute zum ersten Mal erkundet. Ich fand daran positiv, dass es aus meiner Sicht klappte, dass die Kolleg*innen sehr intensiv zu einem komplexen Thema miteinander in Austausch kamen und ich freue mich über die entwickelten Ideen.
Hilfreich finde ich daran auch, dass die Methode sehr einfach skalierbar ist. (= Es sollten mindestens 9 Menschen sein, damit das Gruppenpuzzle funktioniert. Wir waren deutlich mehr, was aber ganz genauso auch funktionierte.) So eine Skalierungsmöglichkeit ist gerade bei Barcamp-Sessions hilfreich, bei denen man ja vorher nie weiß, wie viele Teilgebende dazu kommen werden. Außerdem bin ich immer auf der Suche nach einem methodischen Rahmen, mit dem man auch in der kurzen Zeit einer 45-minütigen Session viel ermöglichen kann und der trotzdem einfach in der Vorbereitung und Durchführung ist. Das scheint mir hierbei der Fall zu sein!
Verbesserungswürdig erscheint mir der Einstieg: Es ist wahrscheinlich gerade bei sehr diffusen Begriffen wie kollektive Wirksamkeit und Agency wichtig, dass zunächst geklärt wird, mit welcher Definition des Begriffs man gemeinsam arbeiten will. Bei uns war es hier sehr hilfreich, dass ein Teilgeber solch eine Definition zu Beginn von uns erfragte, was dann hoffentlich zur besseren Orientierung beitrug.
Die entwickelten Inhalte
Das wirklich wichtige Ergebnis solch einer Session ist für mich, gemeinsam ein verändertes Lernen und Austauschen erlebt zu haben. Außerdem hoffe ich, dass alle Beteiligten aus den verschiedenen Austauschrunden ihre ganz persönlichen Aha-Momente mitnehmen. Als für alle sichtbare Ergebnisse teile ich hier die verschriftlichten Ideen in den Kleingruppen in Schritt 4, die wir zum Abschluss einsammelten. (Ich habe sie eingesprochen, transkribiert und von einem KI-Sprachmodell clustern lassen)
- Bildungscampus: Einbindung von Politik, Wirtschaft und außerschulischen Lernorten – und mit dem Bildungscampus wiederum nach außen wirken.
- Auflösung der Klassenstruktur: Kleine, jahrgangsübergreifende Lerngruppen
- Bewertungssystem ändern: Wertschätzende, individuelle Bewertung statt Klassifizierung; formatives Feedback; Prozess- statt Ergebnisorientierung; individuelle Dokumentation des Lernprozesses
- Gut ausgestattete Lernräume und Sitzordnung anpassen: So gestalten, dass sich alle sehen können und als Gruppe begreifen
- Fächerverbindendes, projektartiges Lernen: Ateliertag/Freiraum für Projektarbeit an einem fixen Tag in der Woche
- Generationenübergreifendes Lernen: Kinder und Erwachsene lernen voneinander und miteinander
- Teilhabe stärken: Schüler*innen fragen, wo sie Teamgefühl empfinden
- Risiko eingehen: Loslassen von festen Lehrplänen; echte Probleme lösen
- Kompetenzorientierung statt reiner Wissensvermittlung
- Rollenveränderung: Lehrerinnen werden zu Lernbegleiterinnen/Coaches
- Veränderung durch neues Mindset: Traumgruppe gründen, Schule der Träume entwickeln, Grenzen denken und greifbare Lösungsansätze entwickeln
- Soziale Segregation verringern: Klassismus zurückdrängen
Fazit
Herzlichen Dank an alle, die sich auf das Experiment dieser Session eingelassen haben und natürlich an das edunautika-Team, dass es beim heutigen Barcamp den Rahmen dafür gab. Außerdem Danke an Gratian für das spontane Zusammenlegen und die gemeinsame Gestaltung!

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