Forum Open Education - Rückblick & Ausblick

Das Bündnis freie Bildung und die Initiative Edulabs haben gestern nach Berlin zum Forum Open Education eingeladen. Ich durfte während der ‚Open Education Fair‘ vier Gesprächsrunden moderieren. In diesen haben wir gemeinsam aus unterschiedlichen Perspektiven gesammelt, wie auch mithilfe einer Änderung politischer Rahmenbedingungen unterstützt werden kann, dass zeitgemäße Bildung besser zur Durchsetzung kommt. Im folgenden Blogbeitrag versuche ich mich an einer Zusammenfassung der Diskussionen – und ergänze eine persönliche Einschätzung sowie einen Ausblick.

Meine ersten Gesprächspartnerinnen waren Alexa Schaegner und Marina Weisband, die ihre Forderungen vor dem Hintergrund des von ihnen betreuten Projekts ‚Aula – Schule gemeinsam gestalten‘ entwickelten. Demnach braucht zeitgemäße Bildung aus ihrer Sicht ein grundlegendes Umdenken in Hinblick

  • auf Lerninhalte (Stärkere Fokussierung auf Erwerb von Kompetenzen wie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritischem Denken.)
  • auf Methoden (Erfahrung von Selbstwirksamkeit mehr ins Zentrum stellen, Mut zur Unwissenheit: Das Wissensungleichgewicht zwischen SchülerInnen und LehrerInnen, Praxis-Prinzip für Umgang mit digitalen Medien und demokratischer Beteiligung: Lernen aus der Einschränkung des Klassenraums lösen, Raum für Experimente und ergebnisoffenes Lernen)
  • und auf Infrastruktur (System “Schule” öffnen für mehr demokratische Partizipation von SchülerInnen, mehr Ressourcen: Zeit, Geld und Personal, Reform der Ausbildung von LehrerInnen, Ständige Weiterbildung von LehrerInnen).

Insbesondere aus dem letzten Punkt haben wir in der anschließenden Diskussion als unser wichtigstes Fazit für politischen Änderungsbedarf festgehalten:

In der zweiten Runde berichtete Fabian Kaeske von der Initiative LobbyControl über Lobbyismus an Schulen. Dazu erläuterte er zunächst unterschiedliche Formen von Lobbyismus an Schulen. Unter anderem kann dazu auch gehören, dass große Konzerne wie Microsoft, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen vergünstigte Konditionen anbieten – auf diese Weise erfolgt eine Gewöhnung an ihre Produkte und Software. Alternativen sind den heranwachsenden Lernenden dann kaum bekannt und sie werden diese Produkte auch außerhalb der Schule weiter nutzen.

Kontrovers diskutiert wurde in der anschließenden Diskussion das Projekt des Calliope Mini: Handelt es sich auch hier um Lobbyismus, weil vorgegeben werden soll, wie digitale Bildung in der Grundschule auszusehen hat?

Neben diesem Einzelaspekt wurde vor allem für mehr Dezentralisierung und Unterstützung vor Ort plädiert. Denn wenn hier keine Alternativen zu den fertig und simple einsetzbaren z.B. Apple-Produkten bekannt sind, dann ist das oft die naheliegendste Lösung. Ein Teilnehmer formulierte pointiert: Mehr Mut und Freiraum für Chaos!

In Hinblick auf die politischen Rahmenbedingungen haben wir festgehalten, dass nicht nur Bund und Länder, sondern vor allem auch die Schulträger adressiert werden sollte, die sich Medienkonzepte der Schulen häufig von Lobbyisten vorschreiben lassen. Diese Lösungen sind dann häufig teurer, als mögliche Alternativen - aber das wird erst im Laufe des Einsatzes deutlich (wenn proprietäre Software z.B. schnell veraltet oder laufende Lizenzierungskosten nach sich zieht). Vor diesem Hintergrund haben wir überlegt, dass eine gezielte Förderung von Open Source Software – gekoppelt mit Beratungsangeboten – vor Ort viel helfen könnte, um Monopolisierung und Lobbyismus im Bildungsbereich zu begrenzen. Das Ziel müsse sein, digitale Souveränität zu ermöglichen. Das wird mit proprietären Fertig-Produkten in der Regel nicht erreicht. Das Fazit dieser Gesprächsrunde zusammengefasst:

In der folgenden Runde stellte Benni das Projekt ‚Chaos macht Schule‘ des Chaos Computer Club vor. Diese Initiative hat sich mit 5 Forderungen für die Bildung zu Wort gemeldet und diese dann auch gestern vorgestellt. Als ganz entscheidend hob Benni das Bildungsziel einer digitalen Mündigkeit der Lernenden hervor. Es solle in der Bildung nicht darum gehen, digitale Medien nur zu nutzen, sondern vor allem auch zu gestalten und zu hinterfragen. Darum wäre es auch zu eng gefasst, einfach nur ‚Programmieren können‘ als neues Lernziel zu propagieren. Digitale Mündigkeit sei vielmehr komplex und aus unterschiedlichen Perspektiven – nicht nur einer technischen – zu betrachten. Wir haben alle fünf Forderungen als unser Fazit der Diskussionsrunde festgehalten:

In der vierten und letzten Diskussionsrunde nahmen wir speziell das Thema der freien Bildungsmaterialien (Open Educational Resources, OER) in den Blick. Zum Einstieg berichteten Luca Mollenhauer von der Informationsstelle Open Educational Resources (OER) und Henry Steinhau von der Initiative irights.info.

Im Bereich OER gibt es mit der im Koalitionsvertrag angekündigten OER-Strategie ein konkretes Projekt, auf das Bezug genommen werden kann. Vor diesem Hintergrund meinten Luca und Henry übereinstimmend, dass diese OER-Strategie möglichst klar und konkret werden sollte. Als wichtige Bestandteile nannten sie, die Voraussetzungen für eine bessere Auffindbarkeit von OER zu schaffen, indem Metadaten stärker berücksichtigt werden. Zweitens eine Öffnung der öffentlichen Lehrmittelfinanzierung für OER und drittens die Durchsetzung des Grundsatzes: ‚Was öffentlich finanziert wird, muss auch offen lizenziert sein.‘ Eine weitere Möglichkeit der Unterstützung von OER-Arbeit könnte außerdem durch ein politisches Commitment für OER erfolgen. Dazu wären gar nicht primär Gelder erforderlich, sondern es wäre eine Ermutigung an OER-Praktiker, wenn von politischer Seite klar für OER Position bezogen würde.

So kamen wir zum Fazit dieser Diskussionsrunde:

Im anschließenden Impuls-Vortrag von Margret Rasfeld tauchten zahlreiche Ideen und Ansätze der Gesprächsrunden wieder auf. Ihr Appell war: Habt mehr Mut! Ganz praktisch zeigte sie, wie sie an ihrer Schule zeitgemäße Bildung in vielen Bereichen zur Realität werden ließ.

Die abschließende Podiumsdiskussion - mit den Bundestagsabgeordneten Marja-Liisa Völlers (SPD) und Tankred Schipanski (CDU) sowie mit Gabriele Lonz aus dem Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz und Markus Neuschäfer für die Veranstalter des Forums - war dann leider überwiegend ernüchternd. Die meiste Zeit ging für ein ermüdendes Bund-Länder-Schwarze-Peter Spiel drauf. Tankred Schipanski schien zudem sehr unvorbereitet und kaum in der Lage einzuordnen, was freie Bildungsmaterialien überhaupt sind.

Doch es gab auch positive Aspekte. Was ich insbesondere mitnehme und woran sich ansetzen lässt:

  • Es gab von allen Personen auf dem Podium eine große Zustimmung zum Lernziel der Mündigkeit. Das ist ein großer Schritt nach vorne, den ich in dieser Deutlichkeit nicht erwartet hätte – auch wenn sich in der weiteren Diskussion durchaus ein unterschiedliches Verständnis darüber zeigt, wie sich das realisieren lässt bzw. inwieweit das aktuell umgesetzt ist.
  • Von Seiten der SPD wurde der politische Wille deutlich gemacht, die OER-Strategie aufzugreifen und umsetzen zu wollen. Das ist eine gute Nachricht, um in diesem Themenbereich weiter zu kommen.
  • Es gab – ebenfalls von Seiten der SPD – das Eingeständnis, dass Bildung besser finanziert werden muss, aber eine ausreichende Lösung hierzu noch nicht entwickelt sei.

Zum letzten Punkt meinte Marja-Liisa Völlers sinngemäß, dass es unwahrscheinlich wichtig sei, aus der Bildungspraxis immer wieder auf diese Notwendigkeit hinzuweisen und dafür Druck zu machen. Ich finde: Mit dem Forum Open Education haben wir dazu einen weiteren Schritt getan!

Anmerkung: Die Podiumsdiskussion und auch der vorherige Impuls-Vortrag sind hier aufgezeichnet (Start ab 1:19). Via Twitter wurde die Veranstaltung mit dem Hashtag #fo18 begleitet.