Fortbildungstage in Sachsen: Reflexion von Spannungsfeldern in der Bildung

Menschen sitzen an Tischinseln in Kleingruppen in einem großen Saal

Ich war die letzten beiden Tage in der Fortbildungsstätte Schloss Siebeneichen in Meißen, um mit den Kolleg*innen der medienpädagogischen Zentren in Sachsen über die Ausrichtung ihrer Arbeit zu reflektieren.

Schloss Siebeneichen in Meißen – eine sehr idyllisch gelegene Fortbildungsstätte

Ich bin die Konzeption sehr grundlegend angegangen mit drei Leitfragen:

  1. Was ist das Ziel von Bildung?
  2. Wie setzen wir das in der Lerngestaltung um?
  3. Was bedeutet das konkret für unsere Arbeit?

Insgesamt ziehe ich ein positives Fazit. In diesem Blogbeitrag stelle ich vor, wie ich vorgegangen bin und teile die verwendeten Materialien.

Übergreifende Aspekte

Für die Durchführung der beiden Tage waren mir drei Aspekte durchgängig wichtig:

1. Meta-Blick auf das Lernen: Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir als pädagogisch tätige Menschen ein verändertes Lernen nur dann gut gestalten können, wenn wir auch selbst solch ein Lernen ganz konkret und praktisch für uns erleben. Dieser Aspekt war mir in meinen Fortbildungen eigentlich schon immer wichtig. Dieses Mal habe ich hierfür bewusst schon während der Durchführung eine Meta-Ebene der Reflexion ergänzt. Das sah so aus, dass ich eine Pinnwand vorne stehen hatte und nach jedem Lernschritt immer kurz anpinnte, was wir gemacht hatten und dazu erläuterte, warum. Das war in diesem Sinne ein ‚Reflecting Out Loud‘ meiner pädagogischen Tätigkeit.

Meta-Wand am Ende der Fortbildung, gefüllt mit allen Lernschritten

In der Perspektive würde ich es sehr gerne hinbekommen, dass Lernende zugleich auch offen und kontinuierlich über ihr Lernen reflektieren. Das hatte ich dieses Mal noch nicht systematisch gemacht.

3. KI nicht als zusätzliches Thema, sondern als selbstverständliche Ressource: In den letzten Jahren habe ich sehr viele Fortbildungen zu KI konzipiert und durchgeführt. Bei der jetzigen Fortbildung war KI nun einfach normaler Bestandteil der genutzten Ressourcen. Praktisch sah das so aus, dass an allen Tischen ein QR-Code mit einem Link zu Online-Materialien angeklebt war. Darüber fanden die Teilnehmenden dann Anleitungen für Gruppenarbeiten und ganz genau so auch mögliche, zu nutzende Prompts.

Hinweis zu den Online-Materialien an den Gruppentischen

So wie ich es beobachtet habe, haben manche Gruppen diese Prompts verwendet, andere sind ganz anders vorgegangen, wieder andere haben sich bewusst gegen ein ‚KI-Sprachmodell mit an ihrem Tisch‘ entschieden.

3. Weiterdenkende Perspektive: Wichtige Themen, die die Kolleg*innen in den medienpädagogischen Zentren gerade umtreiben, ist das selbstgesteuerte Lernen, das in Sachsen eine größere Bedeutung an Schulen bekommen soll und die KI-Nutzung durch Schüler*innen. Ich hatte vor dem Hintergrund dieser Themen ganz bewusst wie oben dargestellt einen sehr großen Rahmen aufgespannt. Ich leitete das ein mit dem Bild eines Jongleurs, der immer wieder weitere Bälle auffangen und jonglieren soll, was irgendwann dann eben einfach nicht mehr funktioniert. Genau deshalb sei es aus meiner Sicht so wichtig, ganz bewusst einen Schritt zurück zu treten und neu zu denken.

Ablauf

Wir hatten 1,5 Tage Zeit. Den ersten Tag haben wir mit kurzen Impulsen und Weiterdenken in Kleingruppen gearbeitet. Wir waren dazu überwiegend in einem großen Raum an Gruppentischen. Am zweiten Tag gab es dann ein bewusst ganz offen gestaltetes Barcamp. Das bedeutet, dass wir nicht vorab nach Themen gefragt hatten, sondern vor Ort eine kollaborative Themensammlung für die Sessionplanung machten.

Vorgehen an Tag 1

Damit alle Teil der Gruppe werden, ist es wichtig, dass jede Person sich zu Beginn einmal im Plenum äußert. Bei 80 Personen ist das natürlich herausfordernd. Wir haben dafür eine A-Z Raumaufstellung nach Vornamen gemacht. In diesem Schritt sind wir dann direkt ins pädagogische Du gewechselt und haben uns gegenseitig begrüßt. Danach ging das Mikro einmal durch und alle sagten kurz: ‚Hallo, ich bin …‘. Das war aus meiner Sicht sehr sinnvoll.

Anschließend ging es mir darum, dass wir alle gemeinsam Verantwortung für das Gelingen der Fortbildung übernahmen. Ich versuchte das, indem alle ein Adjektiv zu ihren Erwartungen aufschrieben. Anschließend erläuterte ich den Plan der Fortbildung bewusst als einen Rahmen, der gemeinsam gefüllt werden konnte. Im Rahmen eines Kartenaustausches konnten die Teilnehmenden sich dann gegenseitig beraten, was jeweils gemacht werden könnte, damit das jeweils auf der Karte notierte Adjektiv erreicht wird. Auch diese Herangehensweise kann ich zur Weiternutzung empfehlen.

Ab da ging es dann in die inhaltliche Ausarbeitung. Ich startete mit dem oben erwähnten Jongleur-Bild. Daraufhin waren alle eingeladen, in einem Silent Writing ihre Perspektive auf gute Bildung zu notieren und in ihrer Kleingruppe in einem Blitzlicht zu teilen.

Von mir gab es dann drei Impulse als Spannungsfelder formuliert, die gerade im aktuellen Kontext aus meiner Sicht drängender werden:

  • Das Spannungsfeld zwischen Lernen aus der Vergangenheit versus Gestalten von neuen Zukünften
  • Das Spannungsfeld zwischen Mensch und Technologie
  • Das Spannungsfeld zwischen zahlreichen Möglichkeiten und vielfältigen, gesellschaftlichen Krisen.
Kritzelvisualisierung der drei Spannungsfelder

Auf Grundlage des ersten Blitzlichts und dieses Impulses gestalteten die Lernenden dann ihre Perspektive als Mindmap vor sich auf Flipchart-Papier an den Tischen. Wer wollte konnte hier zur weiteren Ausarbeitung wie oben beschrieben auch ein KI-Sprachmodell mit einem vorbereiteten Prompt mit in die Diskussion holen.

Von der Leitbild-Orientierung von guter Bildung bewegten wir uns dann weiter zur Lerngestaltung. Hier übernahm ich eine Idee von Katrin Halfmann und verteilte auch hier mögliche Spannungsfelder in der Lerngestaltung.

  • bewerten ~ wertschätzen
  • erklären ~ zuhören
  • vertrauen ~ kontrollieren
  • anleiten ~ begleiten
  • stabilisieren ~ irritieren
  • vorgeben ~ aushandeln
  • zumuten ~ unterstützen
  • ermutigen ~ begrenzen
Spannungsfelder in der Lerngestaltung

Der Vorschlag zum Vorgehen in den Kleingruppen war, dass zunächst jede Person der Gruppe ein Spannungsfeld bekam und sich näher damit auseinander setzte. Auch hierzu konnte man einen vorbereiteten Prompt nutzen, der konkrete Beispiele zu dem jeweiligen Spannungsfeld als gewünschten Output festgelegt hatte. Anschließend tauschten sich die Kleingruppen gemeinsam über die jeweiligen Spannungsfelder aus und stellten den Bezug zu ihrer vorherigen ‚Gute Bildung‘-Mindmap her.

Anschließend war eine ausführliche Mittagspause, in der bewusst auch Zeit für einen kollegialen Walk & Talk Spaziergang zur Reflexion und Rekapitulation der bisherigen Inhalte war.

Den Nachmittag orientierte ich dann am Rahmen der Inner Development Goals. Hier war mir zunächst eine Gruppenmischung wichtig, weshalb in den bisherigen Kleingruppen jede Person ein Symbol, das für eine der Dimensionen der Inner Development Goals stand, zugeteilt bekam.

Gruppenpuzzle zu den Dimensionen der Inner Development Goals

Die Aufgabe war dann, sich mit anderen, die das gleiche Symbol erhalten hatten, zusammen zu setzen und gemeinsam diese Dimension zu erarbeiten. Ich hatte dazu sowohl eine kurze Beschreibung der jeweiligen Kategorie online gestellt als auch einen Vorschlag zum Vorgehen:

  • Gruppe bilden: Findet euch zu dritt oder viert zusammen – alle mit derselben Kategorie.
  • Kategorie verstehen: Lest gemeinsam die Beschreibung zu eurer Kategorie und klärt untereinander offene Fragen.
  • Kopfstand-Methode: Überlegt: Was wäre das Dümmste, was wir in der Bildung tun könnten, damit diese Kategorie garantiert NICHT erreicht wird? Übertreibt ruhig und übertrumpft euch gegenseitig mit immer absurderen Anti-Beispielen.
  • Umdrehen: Dreht die Perspektive um – was wäre stattdessen sinnvoll und wichtig?
  • Festhalten: Notiert euch die wichtigsten Aspekte für eure spätere Vorstellung in der Stammgruppe. Reflektiert dabei insbesondere auch, welche Rolle Technologie im Kontext eurer Kategorie spielt oder spielen könnte.

Wer wollte konnte für Kopfstand und Kopfstand zurück auch wiederum ein KI-Modell mit an den Tisch holen.

Anschließend fanden sich wieder die ursprünglichen Gruppen zusammen, berichteten jeweils über ihre Dimension der IDGs und erhielten so einen vollständigen Einblick in das Rahmenwerk.

Mit Verweis auf die 15% Methode (= Lasst uns darauf konzentrieren, was wir angehen können, nicht auf das, was nicht geht!), formulierten die Kleingruppen abschließend ‚Wie können wir …‘-Fragen? und wählten eine davon zur weiteren Bearbeitung aus.

Diese Bearbeitung war dann die letzte, intensive Arbeitsphase. Anschließend gab es im Plenum eine Vorstellung als Gallery Walk.

Vorgehen an Tag 2

Wie oben bereits geschrieben, hatte ich das Barcamp an Tag 2 bewusst offen angelegt und nicht vorab nach Themen gefragt, um den Fokus auf Austausch und gemeinsame Entwicklung zu legen. Vorab gab ich dann noch einmal ein paar mögliche ‚Satzanfänge‘, was solch eine Session sein könnte.

Teaser zur Barcamp-Sessionplanung

Außerdem war für alle die leere Pinnwand vorne sichtbar.

Noch leerer Sessionplan vor der Planung

(Neben Sessions im Barcamp gab es zum Abschluss nach der Mittagspause auch die Möglichkeit zu Austauschrunden für diejenigen, die sich noch in einer bestimmten Konstellation zusammensetzen wollten, z.B. die iPad-Arbeitsgruppe der medienpädagogischen Zentren. Das vom eigentlichen Barcamp zu trennen, fand ich eine sehr gute Sache.)

Die eigentliche Sessionplanung leiteten wir dann mit einer Wuselphase ein. Alle konnten an ihren Tischen oder auch darüber hinaus sich kurz dazu austauschen, welche Themen jetzt noch wichtig zu beraten wären. Diese wurden dann (bewusst nur als Thema und nicht mit sessiongebender Person) auf einer Karte notiert. Ich lief dann von hinten nach vorne durch den Raum und sammelte alle Themen ein, die dabei natürlich von den Teilnehmenden jeweils kurz vorgestellt wurden. Auf diese Weise fand sehr einfach eine Clusterung statt (z.B. mehrere Karten mit Austauschbedarf zu Moodle).

Dieses Vorgehen wird auf diese Weise nicht für jedes Barcamp passend sein. In unserem Fall fand ich das sehr sinnvoll!

Nach der Mittagspause beendeten wir die gemeinsame Zeit im Plenum mit einer kurzen Reflexion in Kleingruppen zum nächsten Schritt. Anschließend gab es eine Blitzlicht-Feedbackrunde.

Mein Fazit

Insgesamt bin ich mit der Veranstaltung zufrieden. Insbesondere die Meta-Wand und die selbstverständliche KI-Integration hat aus meiner Sicht gut geklappt. Ich würde mich auch im Rückblick wieder für den gewählten, sehr weiterdenkenden Ansatz entscheiden. Es braucht hier aus meiner Sicht aber noch mehr Nachdenken dazu, wie damit besser die Verbindung zum beruflichen Alltag der Teilnehmenden hergestellt werden kann. So hing dieser Part doch etwas sehr in der Luft und Tag 1 und Tag 2 waren nur wenig miteinander verbunden. Stattdessen wirkte es auf mich eher wie ein Bruch: ein bisschen weiterdenkend diskutieren und sich dann wieder den konkreten Fragen zuwenden. Auch daran möchte ich noch weiter überlegen und bin hier auch auf die Evaluation gespannt.

In jedem Fall geht mein herzlicher Dank an das Vorbereitungsteam für die guten Absprachen und Planungen im Vorfeld und vor allem dafür, dass sie sich auf dieses doch experimentelle Format eingelassen haben. Außerdem herzlichen Dank an alle Teilnehmenden für den guten Austausch und für das gemeinsame Lernen!


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