Für eine gelingende Bildungstransformation ist es sehr hilfreich, wenn alle Beteiligten an einem gemeinsamen Nordstern arbeiten. Diese Einsicht setzt sich in immer mehr Schulentwicklungsprozessen und auch in anderen Bildungsbereichen durch. Der Nordstern wird in solchen Fällen dann sehr oft als Antwort auf die Frage entwickelt: Wie sieht für uns gutes Lernen aus?
Solche pädagogisch formulierten Nordsterne finde ich hilfreich, um überhaupt in eine gemeinsame Reflexion über eine veränderte Lerngestaltung zu kommen. Zugleich finde ich sie allerdings vielfach auch zu begrenzt. Ich möchte in diesem Beitrag deshalb dafür plädieren, solche Nordsterne zu erweitern und zu vertiefen. Mein Vorschlag ist, nicht mehr nur zu fragen, wie für uns gutes Lernen aussieht, sondern vor allem auch: Wofür und woher lernen wir?
Nordstern-Erweiterung 1: Wofür?
Die Frage, wie wir Bildung gestalten, hat für mich sehr viel mit der Frage zu tun hat, in welcher Gesellschaft wir leben wollen:
- Wenn wir in der Bildung auf Konkurrenz und Einzelkämpfertum setzen, dann entwickeln wir keine Gesellschaft mit Solidarität und Gemeinsinn.
- Wenn wir in der Bildung segregieren, statt inklusiv zu wirken, dann bleibt auch unsere Gesellschaft sozial ungerecht und hierarchisch.
- Wenn wir Lernfreude viel zu oft im Keim ersticken, Fehler mit Rotstift anstreichen und Lernende entmutigen, dann entsteht keine Gesellschaft der Offenheit und Entwicklung, in der Krisen gemeinschaftlich bewältigt werden können.
Mit einer Erweiterung des pädagogischen Nordsterns um das ‚Wofür?‘ können solche Verbindungen transparent und somit diskutierbar gemacht werden. Wenn der Nordstern dagegen nur beschreibt, wie an einer Schule gelernt werden soll, habe ich oft den Eindruck, dass wir uns um diese Verbindung zwischen Bildung und Gesellschaft herummogeln.
Nordstern-Erweiterung 2: Woher?
Noch weniger im Blick als das ‚Wofür?‘ ist aus meiner Sicht das ‚Woher?‘ in Transformationsdiskursen in der Bildung. Mit dieser Perspektive kommen die in uns Menschen angelegten ganzheitlichen Potenziale in den Blick, für die Ulrike Linz den Begriff der Deep Skills vorschlägt. Gemeint sind damit grundlegende menschliche Fähigkeiten, die in unserer Körperlichkeit und in unserem Sein als soziale und kulturelle Wesen verankert sind. Diese Fähigkeiten entfalten sich in Erfahrungen von Sicherheit, Beziehung, Resonanz und Sinn.
Komplementarität von ‚Wofür‘ und ‚Woher‘
Ich habe lange Zeit mit den Erweiterungen des ‚Wofür?‘ und des ‚Woher?‘ ein bisschen gehadert:
- Die Perspektive des ‚Wofür?‘ weckte in mir die Sorge, dass Menschen auf eine bestimmte Zukunft, die als festgelegt dargestellt wird, angepasst werden sollen, anstatt Zukünfte offen zu denken.
- Die Perspektive des ‚Woher?‘ schien mir oft unpolitisch und individualisierend. Selbstentwicklung erschien mir als ein Rückzug von der Herausforderung, unsere Welt aktiv zu gestalten. Oder es drohte alternativ, dass menschliche Potenziale direkt wieder zweckgebunden in ein bestehendes, dysfunktionales System integriert werden. (Vor allem die zweite Sorge scheint mir nicht unbegründet. Immer mehr Achtsamkeitsangebote werden beispielsweise unter dem Blickwinkel von Selbstoptimierung beworben. Intuition oder andere originär menschlichen Potenziale werden als begehrte „Human Intelligence“ in Unternehmen nachgefragt.)
Diese beiden potenziellen schiefen Ebenen werden jedoch genau dann überwunden, wenn wir nicht nur eine der Erweiterungen in unseren Nordstern aufnehmen, sondern beide als komplementär zueinander verstehen und gemeinsam denken. Diese Komplementarität bedeutet: Innere Entwicklung und äußere Veränderung hängen zusammen.
Eine Vorstellung davon, wofür wir lernen, bleibt leer, wenn sie nicht mit menschlichen Potenzialen verbunden ist. Und eine Entwicklung menschlicher Potenziale bleibt weitgehend ungerichtet, wenn sie nicht auch auf gesellschaftliche Gestaltung bezogen ist. Das Wofür kann sich aus den in uns liegenden menschlichen Bedürfnissen ableiten und dadurch eine realistische Umsetzungsperspektive gewinnen. Das Woher erhält mit dem Wofür eine Richtung. Es geht also weder um ungerichtete Gestaltungsfähigkeit noch um individualisierten Rückzug oder reine Verwertbarkeit, sondern um innere Entwicklung als Potenzialentfaltung für die Gestaltung einer lebens- und liebenswerten Welt.
Die Klammer und zugleich Ermöglichung dieser Komplementarität ist für mich Verbundenheit. Mit Blick auf das Woher erfüllt Verbundenheit mit uns selbst, mit anderen und mit der Welt das Bedürfnis nach Sicherheit und zugleich das Bedürfnis nach Exploration, d.h. die Welt zu erkunden und sich anzueignen. Mit Blick auf das Wofür ermöglicht Verbundenheit die Orientierung an Gemeinsinn und Gemeinwohl, was das genaue Gegenteil von Individualisierung und verzweckter Verwertbarkeit ist.
Fazit
Mit einem doppelt erweiterten Nordstern im Blick geht es nicht mehr nur darum, bestehendes Wissen zu reproduzieren und Lernende an bestimmte Normen anzupassen. Stattdessen können Lernräume gestaltet werden, in denen sich vielfältige Potentiale entfalten können, was eine großartige und faszinierende Herausforderung ist. Und diese vielfältigen Potentiale sind dann wiederum die Grundlage zur Gestaltung von guten Zukünften, die auf Basis von Verbundenheit eine lebens- und liebenwerte Welt für alle ermöglicht.
Gerade angesichts der vielfältigen Krisen dieser Welt ermöglicht mir diese Perspektive in meiner pädagogischen Tätigkeit sehr viel Zuversicht und konkrete Handlungsoptionen.
Beitrag weiternutzen und teilen
Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY 4.0 und kann somit gerne offen weitergenutzt und geteilt werden. Hier kannst du dir den Beitragslink und/oder den Lizenzhinweis kopieren. Wenn du den Beitragslink in das Suchfeld im Fediverse (z.B. bei Mastodon) eingibst, wird er dir dort angezeigt und du kannst ihn kommentieren.
