Digitales Lesen im Kontext von KI

Blick in ein Buchregal

Zum Lesen gehört im digitalen Kontext nicht nur, einen bestimmten Inhalt zu erfassen, sondern vor allem auch, den jeweiligen Inhalt für sich einzuordnen. Dazu können vielfältige Kontextualisierungstechniken im Internet genutzt werden. Ausführlich habe ich diese Herausforderung und praktisches Handwerkszeug in einem Blogbeitrag Mitte 2019 vorgestellt. Der Fokus lag hier auf der Herausforderung des Faktenchecks. Rund 6 Jahre später hat sich – vor allem durch das Aufkommen und die zunehmende Verbreitung generativer KI-Sprachmodelle – in diesem Bereich einiges getan, worüber ich im Folgenden schreibe.

Disclaimer vorab: Ich bin mit meinem Nachdenken hierzu noch nicht fertig, aber finde es gerade deshalb hilfreich, dazu etwas zu veröffentlichen. Denn ich kann mir vorstellen, dass auch andere, genau wie ich, dazu aktuell auf der Suche und am Erkunden sind.

Wie verändert sich digitales Lesen im Kontext von KI?

Um über Veränderung des digitalen Lesens im Kontext von KI nachzudenken, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, was eigentlich mit digitalem Lesen gemeint ist. Für mich handelt es sich dabei – wie oben schon kurz angeteasert – um ein Lesen, das nicht nur auf den jeweiligen Inhalt fokussiert, sondern für eine umfassende Einordnung und ein Verständnis immer auch den Kontext mit einbezieht. Um das zu realisieren wird das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten der Vernetzung genutzt.

Zum digitalen Lesen gehören demzufolge mehrere Schritte, die meistens sicherlich nicht so linear, wie hier dargestellt, ablaufen:

  1. Ich lese einen Inhalt, mit dem ich online konfrontiert bin.
  2. Ich versuche, diesen Inhalt für mich einzuordnen: Wer schreibt aus welcher Perspektive/ mit welchem Interesse worüber? Um diese Frage zu beantworten, nutze ich Informationen direkt auf der jeweiligen Seite, aber vor allem auch Vernetzungen dazu über eine Internetrecherche. (Beispiel: Im Impressum steht eine Organisation. Ich recherchiere über eine Internetsuche, was das für eine Organisation ist. Oder: Im Inhalt wird eine Studie erwähnt. Ich recherchiere über eine Internetsuche die Studie im Original)
  3. Ich kontextualisiere den Inhalt und meine Ergebnisse der Einordnung, indem ich mir die Frage stelle: Was schreiben/ sagen andere dazu? Dieser Schritt wird auch als Corroboration bezeichnet.

Im Kontext von KI verändert sich dieses digitale Lesen nun. Denn erstens bin ich vielfach gar nicht mehr direkt mit einem Primär-Inhalt konfrontiert, wenn ich im Internet recherchiere, sondern mit einem KI-generierten Überblick dazu. Zweitens kann ich für meinen digitalen Leseprozess auch selbst KI-Werkzeuge nutzen.

Zwei Strategien zum digitalen Lesen im Kontext von KI

Bei mir beobachte ich im Kontext von KI zurzeit zwei völlig entgegen gesetzte digitale Lesestrategien. Auf der einen Seite versuche ich, KI-Technologie ganz bewusst aus meinem Leseprozess draußen zu halten. Auf der anderen Seite orientiere ich ebenso bewusst auf KI-Tools als Ausgangspunkt meines Lesens. Für beide Strategien kann ich jeweils sehr gute Gründe nennen.

Strategie 1: KI-generierte Inhalte bewusst ausschließen

Die Strategie des bewussten Ausschlusses von KI-Tools beim digitalen Lesen wähle ich, weil ich für mich potentiell verdummende Abkürzungen vermeiden und der Gefahr von Manipulation entgehen will. Was ist damit gemeint?

  1. Nicht-sinnvolle Abkürzungen: In immer mehr Internetsuchmaschinen (am offensichtlichsten ist es für mich bei Google) wird auf eine Suchanfrage hin ganz oben eine KI-generierte Zusammenfassung angezeigt. In vielen Fällen führt das dazu, dass ich, wenn ich einen Inhalt zum Lesen suche oder Informationen über einen gelesenen Inhalt, gar nicht mehr eine Website anklicken muss, sondern direkt eine Antwort auf meine Frage sehe. Das empfinde ich beim digitalen Lesen als eine Abkürzung, die mir auf längere Sicht für mich nicht sinnvoll erscheint. Denn ich möchte mich ja gerade mit unterschiedlichen Inhalten konfrontieren und nicht verlernen, mich in dieser Vielfalt selbst orientieren zu können.
  2. Potentielle Manipulation: Mir ist bewusst, dass KI-Generierung über einen von Menschen gestalteten Algorithmus erfolgt. Leider bleiben diese Algorithmen für uns meistens intransparent. Bekannt ist aber zum Beispiel, dass das GPT-Modell von OpenAI für Nachrichtenanzeigen bei der Websearch-Funktion eine Kooperation mit dem Axel Springer Verlag eingegangen ist. Ähnliche bewusste Setzungen werden auch Anbieter von Suchmaschinen oder Anbieter anderer KI-Sprachmodelle machen. Ich bekomme als Output von KI-Modellen also nicht eine mögliche Perspektive auf meine Frage oder eine objektive Zusammenstellung von allen verfügbaren Perspektiven, sondern stattdessen eine bewusste, von dem anbietenden Unternehmen gesteuerte Auswahl.

Vor dem Hintergrund dieser beiden Gründe erscheint es mir sehr folgerichtig, digitales Lesen bewusst ohne KI-Tools zu gestalten. Dabei hilft mir das folgende Handwerkszeug:

Zunächst die Suchmaschine DuckDuckGo und ihre Verbindung mit Bangs:

Der große Vorteil (manche würden es vielleicht auch als Nachteil einordnen, ich komme später noch einmal darauf zurück) von DuckDuckGo ist, dass mir hier die jeweils besten Suchergebnisse und nicht personalisierte Suchergebnisse angezeigt werden. Vor diesem Hintergrund bekomme ich erst einmal deutlich mehr vom Internet angezeigt und bleibe nicht nur in meiner selbst gestalteten Bubble gefangen. (Vom Datenschutz her wird DuckDuckGo ansonsten nur eingeschränkt empfohlen. Insbesondere hat das Unternehmen seinen Sitz in den USA und unterliegt somit den dortigen gesetzlichen Bestimmungen. Zudem ist das Geschäftsmodell die Werbefinanzierung. Ich bekomme also in meinen Suchergebnissen auch – natürlich entsprechend markierte – Werbeanzeigen angezeigt.)

Ich habe mich für DuckDuckGo vor allem aufgrund der Möglichkeit von so genannten Bangs entschieden. Ein Bang ist ein Ausrufezeichen mit einer Abkürzung, was ich an meinen Suchbegriff ergänze. Auf diese Weise kann ich z.B. festlegen, dass ich gezielt auf Reddit suchen möchte (mit der Ergänzung !r), oder auf YouTube (mit der Ergänzung !yt) oder in der Wikipedia (mit der Ergänzung !w). Auf diese Weise kann ich sehr gezielt in einen bestimmten Bereich des Internets gehen. (Beispiel: Wenn ein neues KI-Tool auf den Markt kommt, dann kann ich dazu über DuckDuckGo sowohl auf LinkedIn mit dem Bang !li als auch auf Mastodon.social mit dem Bang !ms recherchieren. Auf diese Weise bekomme ich einen sehr vielfältigen Einblick, wie das Tool rezipiert wird.)

Eine durchsuchbare Übersicht aller Bangs stellt DuckDuckGo auf dieser Website zur Verfügung.

Beispielsuche mit Bang bei DuckDuckGo: Was lässt sich zum Suchbegriff eBildungslabor auf LinkedIn finden?

Zweitens orientiere ich auf und pflege ein persönliches Lernnetzwerk:

Der Zugriff auf Informationen über ein persönliches Lernnetzwerk ist bei mir einer Internetsuche vorgeschaltet. Mit meinem persönlichen Lernnetzwerk lege ich somit fest, was ich lese, bevor ich überhaupt etwas suche. Diese Auswahl ist bei mir überwiegend ganz bewusste „Handarbeit“.

  • Erstens kuratiere ich mir meine eigene Timeline über das Folgen von Hashtags und Profilen im Fediverse und nutze auch Social Media Plattformen wie LinkedIn.
  • Zweitens habe ich einen Feedreader, über den ich via RSS mehrere Blogs abonniert habe, die ich so dann direkt als eine Art Timeline angezeigt bekomme.
  • Drittens schreibe und teile ich selbst und erhalte darüber direkte Rückmeldungen.

Beide Zugänge – sowohl die gezielte Internetrecherche mit Bangs über DuckDuckGo als auch die Nutzung eines persönlichen Lernnetzwerk als Basis für mein digitales Lesen – haben sich mit KI für mich nicht verändert. Ich habe aber den Eindruck, dass sie wichtiger geworden sind.

Strategie 2: KI-Tools als Ausgangspunkt nehmen

Während wie dargestellt viele gute Gründe dafür sprechen, KI-generierte Inhalte ganz bewusst aus dem digitalen Lesen draußen zu halten, gibt es natürlich auch viele gute Argumente für das genaue Gegenteil, also für eine Variante, bei der digitales Lesen ganz gezielt auf KI-Tools aufbaut. Auch diese Strategie setze ich ein, sammle Erfahrungen und reflektiere darüber.

Für diese Strategie spricht aus meiner Sicht, dass KI-Technologie eine ausgezeichnete Unterstützung sein kann, um sich vielfältige Inhalte zu erschließen. Ich muss mich dann nicht mühsam von einem Inhalt zum anderen hangeln, sondern kann direkt mit einer Zusammenstellung zu einem Thema starten, zu der ich dann weiter vertiefen kann. Um diese Strategie zu nutzen, finde ich erstens Quellen-Rückverfolgungsmöglichkeiten in KI-Tools wichtig. Zweitens ist für mich ein bewusstes und gezieltes Prompting wichtig, mit dem sich typische Denkfehler vermeiden lassen.

  1. Rückverfolgung: Rückverfolgungsmöglichkeiten gibt es mittlerweile nicht mehr nur bei dafür spezifisch gestalteten KI-Tools wie Perplexity, sondern auch bereits die KI-generierten Snippets in einer Google-Suche geben Links als Quelle an, auf die ich dann klicken und mir ein eigenes Bild verschaffen kann. Oft hilft bereits ein schnelles Durchklicken durch das verwendete Quellenverzeichnis, um zu entscheiden, ob ich mich überhaupt mit dem Snippet befassen soll oder ob ich meine Suchanfrage besser noch einmal anders formuliere.
  2. Gezieltes Prompting: Neben Suchmaschinen-KI lässt sich KI-Technologie in direkter Interaktion mit einem KI-Sprachmodell nutzen. Hier kann es hilfreich sein, einen Inhalt einzugeben und dann den Denkraum durch gezielte Prompts zu öffnen. Also zum Beispiel durch Formulierungen wie diese:
  • Was wären andere Perspektiven, um auf das Thema zu schauen?
  • Was würde Person NN dazu sagen?
  • Welche kritischen Einwände könnte es zu dieser Position geben?
  • Was von diesem Inhalt kannst du nicht eindeutig bestätigen?

Auf diese Weise nutze ich KI-Sprachmodelle vor allem für den Prozess der Corroboration.

Mit solch einer Quellenverfolgung und einem gezielten Prompting ergeben sich für mich zahlreiche neue Möglichkeiten des digitalen Lesens.

Hinzu kommt, dass sich mit KI-Tools schon die Auswahl meiner zu lesenden Inhalte verändert. Anstatt also einen Inhalt zu haben, den ich dann durch unterschiedliche Prompts einordne, erstelle ich mir direkt eine solche einordnende Zusammenstellung auf Basis mehrerer Inhalte. Von dort kann ich dann bei Bedarf auch wieder zu einzelnen Inhalten zurückspringen. Diesen Prozess habe ich in einem meiner KI-Experimente als ‚vernetztes Lesen‘ bezeichnet. Inzwischen gestalte ich diesen Prozess auf meinem eigenen KI-Server und bin nicht mehr auf Tools wie NotebookLM angewiesen.

Fazit: „Sowohl als auch“ und Lesen als sozialer Prozess

Im Ergebnis scheint mir beim digitalen Lesen im Kontext von KI zurzeit ein ‚Sowohl-als-auch‘ zielführender als ‚Entweder-Oder‘. In diesem Sinne lese ich digital sowohl bewusst ohne KI-Tools, als auch bewusst mit KI-Tools – und damit dann häufig so, dass KI-Technologie eine Variante unter vielen ist. Hier ergibt sich als Lesestrategie dann zum Beispiel, dass ich erst offen und nicht-personalisiert und ohne KI-Snippet auf DuckDuckGo nach etwas recherchiere. Anschließend dann mit dem Bang !g zu Google wechsle und dort personalisierte Inhalte sowie ein KI-generiertes Snippet angezeigt bekomme. Meine Einordnung eines Inhalts kann sich dann auf all diese Anzeigen beziehen.

Oder ich starte in einem Fall bewusst ausgehend von einem Einzelinhalt, den ich über mein persönliches Lernnetzwerk finde und kontextualisiere diesen mit einer gezielten Weiterrecherche im Internet. In einem anderen Fall gehe ich von mehreren Inhalten aus und verknüpfe und vernetze diese lesend mit KI-Tools.

Ich finde es spannend zu beobachten, wie sich digitales Lesen auf diese Weise entwickelt und verändert und frühere Ansätze dabei zugleich nicht obsolet werden. Auch kann ich feststellen, dass es solch eine Veränderung in meinem digitalen Lesen auch schon vor KI gab, weil ich z.B. im Blogbeitrag von 2019 die Möglichkeit von Bangs noch nicht nutzte. Die pädagogisch spannende Frage ist dann, welche Strategien man wie in Lernkontexten berücksichtigen möchte und sollte.

Die Reflexion über mein digitales Lesen zeigt mir vor allem auch, dass digitales Lesen im Kontext von KI weiterhin – und vielleicht in solch einer Phase der Veränderung umso mehr – ein sozialer Prozess ist. Wir müssen also gemeinsam und erkundend ein verändertes digitales Lesen lernen und wir befinden uns dabei alle in einem Lernprozess, in dem Austausch uns weiter bringen kann.

Blick in ein Buchregal
Beitragsbild: Noch vielfältiger wird der Prozess, weil natürlich (zumindest bei mir) immer auch noch ganz viel analoges Lesen dazu kommt. Hier ein Blick in einen Teil meines Bücherregals.

Lektüre-Empfehlung zum Weiterlesen: Maik Philipp, digitales Lesen fördern, Vandenhoeck & Ruprecht, 2025.


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