Seit den 1960er Jahren führte der Psychologe Walter Mischel mehrere Untersuchungen zum so genannten Belohnungsaufschub durch. Am bekanntesten wurde daraus der so genannte Marshmallow-Test: Kinder wurden hier vor die Wahl gestellt, entweder einen Marshmallow direkt zu essen oder zu warten und dafür nach einiger Zeit zwei Marshmallows zu erhalten. In einer Langzeituntersuchung wurde deutlich, dass diejenigen Kinder, die warten konnten, später bessere schulische Leistungen erzielten. Kritisch wurde in der Forschung allerdings zugleich auch angemerkt, dass soziokulturelle Faktoren bei dem Experiment sehr viel einflussreicher waren als eine vermeintliche Willensstärke.
In diesem Blogbeitrag möchte ich mich nicht detaillierter in diese psychologischen Forschungen vertiefen. Ich finde den Marshmallow-Test pädagogisch vor allem deshalb spannend, weil ich darin ein Muster entdecke, das ich für mich selbst im Kontext einer Kultur des Teilens schon länger zum Lernen und Arbeiten nutze. Inzwischen finde ich es auch sinnvoll, auf viele weitere Bereiche des Lernens auszuweiten. Dieses Muster ist mein zukünftiges Ich. Im Marshmallow-Test zeigt sich das zukünftige Ich folgendermaßen: Die Kinder hatten die Wahl, entweder ihr jetziges, gegenwärtiges Ich mit einem Marshmallow zu erfreuen oder eben ihr zukünftiges Ich in den Blick zu nehmen und diesem dann sogar zwei Marshmallows zuzusprechen.
Übertragen auf das Lernen kann ich das zukünftige Ich so nutzen, dass ich meinem gegenwärtigen Ich bewusst Anstrengungen und Mühen zumute. Ich bin dazu motiviert, weil ich davon ausgehe, dass mein zukünftiges Ich davon profitieren wird. Die Perspektive auf mein zukünftiges Ich unterstützt mich somit beim Lernen.
Diese Möglichkeit des zukünftigen Ichs möchte ich im Folgenden anhand von drei Beispielen verdeutlichen. Anschließend gehe ich auf die Frage ein, was das Muster des zukünftigen Ichs für Lerngestaltung und damit für die pädagogische Tätigkeit bedeuten kann.
Drei Beispiele: Lernen mit Unterstützung des zukünftigen Ichs
Ich habe oben bereits geschrieben, dass ich das zukünftige Ich für mich ursprünglich im Kontext einer Kultur des Teilens kennen gelernt habe. Denn hier habe ich immer wieder die folgende Erfahrung gemacht: Wenn ich einen von mir erstellten Inhalt teile, dann muss ich ihn dazu gut aufbereiten. Das bedeutet unter anderem, dass ich ihn mit Schlagworten und Benennungen gut auffindbar mache, dass ich darauf achte, dass alles korrekt lizenziert ist und dass er auch ansonsten in so einem Zustand ist, dass andere gut etwas damit anfangen können.
Auf den ersten Blick ist solch ein Teilen eines Inhalts also eine sehr altruistische Handlung. Ich stecke Zeit und Mühe in die Aufbereitung eines Inhalts, damit andere ihn nutzen können. Das ist aber aus meiner Sicht längst nicht alles. Stattdessen spielt für mich immer auch mein zukünftiges Ich beim Teilen eine Rolle. Denn von meiner investierten Zeit und Mühe profitieren nicht nur andere, sondern eben auch mein zukünftiges Ich. Das gilt zum Beispiel für Materialien, die ich für einen pädagogischen Tag erstelle und mir dann noch Zeit nehme, um sie gut aufzubereiten, um sie dann zu teilen. In diesem Fall profitieren eben nicht nur andere von diesem Teilen, sondern ganz genau so auch mein zukünftiges Ich. Denn die Inhalte sind dann in so einem Zustand, dass ich sie entweder direkt wieder verwenden kann oder eben ganz einfach anpassen und weiternutzen kann.
Dieser Kontext verdeutlicht somit schon einmal gut, was eine bewusste Hinwendung auf das zukünftige Ich in der Gegenwart zu leisten vermag. Der Kontext ist allerdings eher im Bereich der Produktivität und gelingenden Arbeit und weniger im Bereich des Lernens angesiedelt. Um Lernen geht es aber in den folgenden drei Beispielen:
1. KI-Nutzung als kognitives Training für das zukünftige Ich
Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass KI-Sprachmodelle einem sehr gut jede Menge Arbeit abnehmen können: Sie fassen auf Knopfdruck einen Text oder ein Video zusammen, generieren einen Projektbericht oder erledigen – aus Perspektive von Schüler*innen geschrieben – einen unliebsamen Arbeitsauftrag im Unterricht. Die Ergebnisse werden dabei immer professioneller und stehen in wenigen Sekunden zur Verfügung. Mein gegenwärtiges Ich kann von solch einer KI-Nutzung als Abkürzung also sehr profitieren.
Wenn ich allerdings mein zukünftiges Ich in den Blick nehme, dann sieht die Sache anders aus. In diesem Fall steht nicht nur im Fokus, was ich direkt als Ergebnis erhalte, sondern auch, was diese KI-Nutzung mit mir und meiner Fähigkeit zum Lernen und zur Entwicklung macht. Wenn ich immer nur Abkürzungen nehme und mir keine Zeit zum selbst Denken und zu einer vertieften Beschäftigung mit Inhalten nehme, dann kann das so genannte De-Skilling die Folge sein. Mein zukünftiges Ich wird dann wahrscheinlich weniger können, als wenn ich bewusst auf eine kognitiv-herausfordernde Nutzung der Technologie orientiere.
In der Praxis kann die Hinwendung auf das zukünftige Ich bei der KI-Nutzung zum einen so aussehen, dass ich manches Mal bewusst Sachen selbst mache, auch wenn ein KI-Modell sie vielleicht besser und schneller erledigen könnte. Zum anderen kann ich mir auch bewusst Zeit nehmen, um eine Aufgabe in Interaktion mit einem KI-Sprachmodell zu erledigen und dabei selbst in einer aktiven Rolle zu sein und gezielt eine sinnvolle KI-Nutzung zu erproben. Durch diese Zeit zum Erkunden und Ausprobieren, erarbeite ich für mein zukünftiges Ich einen immer besseren und intuitiv stimmigen Umgang mit dieser Technologie. Meine Perspektive ist dann ein zukünftiges Ich, das diese Technologie selbstbestimmt und sicher nutzen kann.
2. Digitale Mündigkeit als Zukunftsinvestition
Mein zweites Beispiel, bei dem Lernen in der Gegenwart mit Blick auf mein zukünftiges Ich unterstützt werden kann, ist der Bereich der digitalen Mündigkeit. Ähnlich wie bei KI-Technologie habe ich in einer zunehmend digital geprägten Gesellschaft sehr oft die Alternative, entweder sehr bequem eine fertige Lösung eines proprietären Anbieters zu nutzen. Oft ohne wirklich zu verstehen, was unter der Haube passiert. Alternativ kann ich Technologie selbst gestalten oder zumindest soweit möglich unter die Haube blicken und sie auf diese Weise mündig nutzen. Dieser zweite Weg kostet erfahrungsgemäß ziemlich viel Mühe, Zeit und Anstrengung. Der Blick auf mein zukünftiges Ich unterstützt mich dabei, genau dafür die notwendige Motivation zu finden.
Denn indem ich mich bewusst in digitaler Mündigkeit übe und zum Beispiel mein soziales Lernnetzwerk im Fediverse als einem selbst gestalteten Raum aufbaue oder meine Inhalte auf einer eigenen Domain online bringe, entwickle ich nicht nur eine sehr konkrete Infrastruktur, sondern vor allem auch eine Haltung und praktische Erfahrungen in digitaler Mündigkeit. Mein zukünftiges Ich wird mir das danken, denn ihm stehen dann in einer digitalisierten Gesellschaft sehr viel mehr Perspektiven offen, als wenn mein zukünftiges Ich durch meine Bequemlichkeit in der Gegenwart eher durch Technologie gesteuert sein wird, als diese selbst zu steuern.
3. Irritation und ‚Datenbank-Aufbau‘
Als drittes Beispiel ist mir schließlich noch der Bereich von Neugier wichtig. Der Blick auf mein zukünftiges Ich kann mich in diesem Bereich dazu motivieren, mich in neue und vor allem auch vielfältige Themen einzuarbeiten, deren Relevanz mir vielleicht erst einmal gar nicht ersichtlich sind. Denn der Blick auf mein zukünftiges Ich kann mir in solch einer Situation klarer machen, dass ich immer auch an einer sehr vielfältigen und reichlich gefüllten Datenbank mit Wissen, Erfahrungen und Ideen in meinem Kopf arbeite. Das ist etwas, auf das mein zukünftiges Ich dann ganz bewusst andocken und auf diese Weise umso besser weiter lernen kann. Denn nur wenn ich in der Gegenwart für immer neue Spuren und Netzwerkknoten in meinem Kopf sorge, können daraus dann in der Zukunft immer wieder neue Verbindungen entstehen. Genau das ist ein wichtiger Treiber für Neugier und Lernen.
Dieses dritte Beispiel ist mein Lieblings-Einsatz für das zukünftige Ich, weil es weg geht von einer direkten Effizienz- und Verwertungslogik von Lernen und stattdessen die Perspektive eröffnet, sich ganz bewusst auf eine vielfältige, bunte und herausfordernde Gegenwart einzulassen, weil eben gerade daraus dann Zukünfte entstehen können.
Pädagogische Nutzung des zukünftigen Ichs
In den obigen drei Beispielen habe ich beschrieben, wie sich das jeweils eigene zukünftige Ich in unterschiedlichen Bereichen gezielt zur Unterstützung beim eigenen Lernen nutzen lässt. Als pädagogisch tätige Personen geht es uns aber nicht nur um unser eigenes Lernen. Zugleich gestalten, begleiten und unterstützen wir auch die Lernprozesse von Lernenden. Auch in diesem Fall kann das Muster des zukünftigen Ichs sehr helfen.
Dazu erscheint es mir grundsätzlich sinnvoll, dieses Muster beim Lernen und bei der Reflexion darüber präsent zu haben. Die Frage, die gemeinsam mit Lernenden reflektiert werden kann, ist dann nicht mehr nur: ‚Was bringt mir das jetzt?‘ Stattdessen verschiebt sich der Fokus auf die Frage: ‚Was bringt das meinem zukünftigen Ich?‘ Oder noch besser formuliert, weil viele Lernaktivitäten keinen direkten Verwertungsnutzen haben: ‚Welches zukünftige Ich entwickle ich mit meinen jetzigen Handlungen?‘ Auf diese Weise wird Lernenden eine zukunftsgestaltende Perspektive eröffnet, was aus meiner Sicht die beste Motivation für das Lernen ist.
Es gibt eine Vielzahl von methodischen Ideen, die diese Perspektive unterstützen. Sehr bekannt ist beispielsweise der Ansatz, seinem zukünftigen Ich einen Brief oder eine Mail zu senden. Auf diese Weise wird die Perspektive ganz automatisch auf das zukünftige Ich gelenkt.
Bei der pädagogischen Gestaltung schließt sich dann auch wieder der Kreis zum eingangs erwähnten Marshmallow-Test. Ein Ergebnis dieser Untersuchung war nämlich, dass Kinder umso besser warten konnten, also ihr zukünftiges Ich in den Blick nehmen konnten, wenn sie der erwachsenen Person vertrauten, die das Versprechen von zwei Marshmallows nach einer Wartezeit gab. Übertragen auf die Pädagogik bedeutet das, dass genau deshalb vertrauensvolle, pädagogische Beziehungen so wichtig sind. Wenn Lernende Vertrauen haben, dass sie sich entwickeln und auch Fehler machen dürfen, dass sie Zeit und Raum für Erkundungen und Lernen haben und dass ihnen etwas zugetraut wird, dann ist das die wahrscheinlich beste Grundlage dafür, dass sie sich beim Lernen nicht nur am schnellen Erfolg für die nächste Note, sondern mindestens auch an ihrem zukünftigen Ich orientieren.
Mich erinnert diese Einordnung auch an die soziologischen Arbeiten von Aladin El-Mafaalani, der in diesem Zusammenhang die soziale Ungleichheit unseres Bildungssystems in den Blick nimmt. Er beschreibt das Muster, das insbesondere Lernende aus einkommensschwachen Schichten lieber auf den direkten Erfolg in der Gegenwart setzen, weil eine Perspektive auf die Zukunft angesichts einer krisenhaften und brüchigen Gegenwart viel zu unsicher erscheint. Lernende bewusst darin zu bestärken, auf ihr zukünftiges Ich zu blicken und ihnen vor allem auch strukturell die entsprechenden sicheren Lernräume zu ermöglichen, ist damit zugleich ein wichtiger Ansatz für mehr soziale Gerechtigkeit.
Fazit
Ich schreibe und spreche in letzter Zeit verstärkt von ‚zukunftsgestaltender Bildung‘, wenn ich nach einem Begriff für gute Bildung suche. Das Muster des zukünftigen Ichs ist eine sehr konkrete Möglichkeit, solch eine zukunftsgestaltende Bildung zu ermöglichen. Wie dargestellt kann es dazu ein guter Ausgangspunkt sein, zunächst für sich selbst beim Lernen den Blick auf das jeweils eigene zukünftige Ich zu richten. Und anschließend diese Perspektive auch in der pädagogischen Tätigkeit für Lernende zu eröffnen.
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