In Gesprächen verbinden wir uns mit anderen Menschen, werden uns unser Selbst bewusster und erschließen uns die Welt. Insbesondere in der Pädagogik sind Gespräche unerlässlich. Erstens natürlich, weil sie ganz direkt Teil von Lernen sind. Zweitens aber auch, weil es eine wichtige pädagogische Herausforderung ist, zu lehren und zu lernen, wie gute Gespräche funktionieren. Ich mache hier immer wieder die Erfahrung, dass ein bewusst gestalteter methodischer Rahmen sehr viel dabei helfen kann, um tatsächlich ins Zuhören, ins Verstehen und in einen Dialog zu kommen.
In diesem Blogbeitrag möchte ich dir ein sehr einfaches, aber gerade deshalb aus meiner Sicht sehr wirkungsvolles methodisches Raster für ein sehr zuhörendes, lernendes und begegnendes Gesprächsformat vorstellen. Es nennt sich das Spiel der Neugierde. Ich habe es im Rahmen des Inner Development Goals Ambassador Programm kennengelernt, das ich zurzeit absolviere. Grundsätzlich lässt sich die Methode immer nutzen, um Menschen intensiv miteinander in einen Austausch zu bringen. Da jeweils paarweise miteinander gesprochen wird, ist die Gruppengröße beliebig skalierbar. Hilfreich ist eben, wenn man es mit einer geraden Anzahl an Teilnehmenden zu tun hat.
Beschreibung
Das Spiel beginnt damit, dass sich Menschen zu zweit zusammenfinden oder im Online-Kontext per Zufall in einen Breakout Raum geschickt werden. Hier sagen sie sich kurz ‚Hallo‘ und teilen sich Rollen zu. Die Person, deren Vorname weiter vorne im Alphabet kommt, als der der anderen Person ist im Folgenden Person A, die andere Person B.
Nach dieser Vorstellung beginnt das eigentliche Spiel mit diesen Schritten:
- Person A hat 3 Minuten Zeit, um an Person B alle Fragen zu richten, die sie im aktuellen Kontext besonders interessieren. (Hier liegt es am jeweiligen Lernangebot, was hier als Thema vorgegeben ist. In einem KI-Workshop könnte es zum Beispiel um Fragen zur Haltung und Einschätzung zu KI gehen. Ganz genauso lässt sich mit der Methode aber auch sehr grundsätzliche Themen aufgreifen, zum Beispiel die Reflexion der eigenen pädagogischen Tätigkeit.) Person B beantwortet die Fragen und versucht dabei, möglichst prägnant zu antworten.
- Anschließend wird die Befragung unterbrochen und Person B hat eine Minute Zeit, um Person A zu spiegeln, wie sie die bisherigen Fragen erlebt hat.
- Daran schließt sich direkt eine weitere 3-minütige Fragerunde von Person A an Person B an. Dabei kann Person A das erhaltene Feedback berücksichtigen.
- Zum Abschluss dieser ersten Gesprächsrunde gibt Person A an Person B ein Feedback, wie sie sie erlebt hat. Für diese Rückmeldung hat Person A 2 Minuten Zeit. Zum Beispiel könnte sie sagen:
- Mein Eindruck von dir ist …
- Ich fand besonders spannend, …
- Ich konnte sehr gut nachvollziehen …
- Anschließend folgen Schritt 1-4 mit umgekehrten Rollen. Das bedeutet, dass Person B Fragen an Person A richtet.
Mein Erleben der Methode
Ich habe die Methode kennengelernt mit der Frage, was uns zu den Inner Development Goals geführt hat. Das war ein ganz ausgezeichneter Aufhänger.
Ich hatte erstens in der fragenden Rolle sehr stark den Eindruck, wirklich zuhören und meine Gesprächsperson intensiv erleben zu können. Auch in der zweiten Rolle der antwortenden Person, war es relativ einfach sich zu öffnen und auf diese Weise direkt sehr tief miteinander zu sprechen.
Als besonders schön habe ich dann noch die beiden Feedback-Runden (sowohl zu den Fragen, als auch zur Einschätzung der Antworten) erlebt. Diese haben fast automatisch einen sehr wertschätzenden Charakter.
Wenn ich diese Methode damit vergleiche, dass wir für 15 Minuten für eine Unterhaltung zu zweit in einen BreakOut Raum geschickt worden wären, dann vermute ich, dass es in diesem Fall zu einem sehr viel weniger intensiven Austausch gekommen wäre.
Tipps zur Moderation
Ich habe die Methode als Teilnehmerin erlebt, aber dabei zugleich auch reflektiert, was ich mir für künftige Moderationen mitnehme:
Sehr wichtig finde ich erstens, dass zu Beginn ganz kurz Zeit ist, sich vorzustellen und wenigstens einen Satz zum jeweils eigenen Kontext zu sagen, bevor das eigentliche Spiel startet. Ansonsten geht wahrscheinlich erstmal viel Fragezeit mit dem Abklopfen von grundlegenden Informationen vorbei.
Hilfreich finde ich zweitens, dass der Ablauf vorab nur grob erklärt wird. Danach werden die 2er-Gruppen dann Schritt für Schritt durch die Methode geführt. Anders wäre es wahrscheinlich sehr aufwendig und langwierig zum Erklären und man müsste dann parallel zum Gespräch selbst die Zeit im Blick behalten.
Eine mögliche Abwandlung: ‚Choose your own Adventure‘-Rede
Mich hat die Methode an ein anderes Spiel erinnert, dass ich schon vor einiger Zeit gespielt habe und das vom Ansatz her ähnlich auf neugierige Fragen und Zuhören setzt, wie die oben beschriebene Methode. Ich habe diese Variante ‚Choose-Your-Own-Adventure‘-Rede getauft. Sie funktioniert wie folgt:
- Es werden Kleingruppen mit drei Personen gebildet.
- Person 1 beginnt und berichtet zu einer festgelegten Frage 1 Minute lang, was ihr als Antworten aus ihrer Perspektive einfällt.
- Nach der Minute gibt es ein Signal und die anderen beiden Personen reagieren mit zwei vertiefenden Fragen, was sie aus ihrer jeweiligen Perspektive besonders spannend finden würden (Also eine Frage von der zweiten Person und eine Frage von der dritten Person. Wichtig ist, dass wirklich beide eine eigene Frage formulieren und nicht eine Person in Reaktion auf eine erste formulierte Frage schnell sagt: „Ja, das fände ich auch interessant!“)
- Die erste Person wählt eine der beiden Fragen aus und gibt ihre Antworten darauf. Wiederum steht hier eine Minute zur Verfügung.
- Es folgen wiederum zwei vertiefende Nachfragen.
- Je nach zur Verfügung stehender Zeit können sich weitere Runden anschließen. Danach sind Person 2 und dann Person 3 in der Rolle der antwortenden Person.
Weiterlernen bei der Veranstaltung mit*reden
Wenn dir dieser Blogbeitrag Lust auf Weiterlernen zum Thema Gespräche im Bildungskontext gemacht hat, dann kommt hier noch ein Veranstaltungshinweis für dich:
Im Bildungshaus Riesenklein an meinem Wohnort Halle (Saale) gibt es am 19. Februar 2026 eine Veranstaltung über Sprechen & Gespräche im pädagogischen Raum. Ich werde dort – ganz in Richtung dieses Blogbeitrags – weitere methodische Rahmungen für Gespräche vorstellen und gemeinsam mit Interessierten ausprobieren. Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Workshops. Alle Infos und die Möglichkeit zur Anmeldung findest du auf dieser Website.
Ich freue mich, dich dort zu sehen. Wenn du vorab Lust auf einen Kaffee oder einen kleinen Spaziergang durch Halle hast, dann melde dich gerne bei mir!

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