Ich habe das Buch ‚Resonante Lernkulturen‚ von Ulrich Wirth zur Hälfte gelesen und empfehle es sehr weiter. Schon nach wenigen Seiten stellte ich fest, dass Markieren und Unterstreichen nicht so hilfreich ist, wenn ich das bei so gut wie jedem Satz mache. 😉
Was erwartet dich im Buch?
Das Buch habe ich zweigeteilt wahrgenommen: Im ersten Teil, den ich bisher gelesen habe, entwirft Ulrich Wirth ausgehend von den Spannungen, Widersprüchen und Entwicklungen, die er in der gegenwärtigen Lernkultur wahrnimmt, ein grundlegend verändertes Bild von Lernen:
„Lernen ist nicht mehr individueller Erwerb von Wissen, sondern kulturelle Praxis in Systemen permanenter Beschleunigung“.
Genau vor diesem Hintergrund plädiert er für resonante Lernkulturen.
„Wer in Zukunft Lernräume gestaltet, gestaltet Weltbeziehungen. Denn Bildung ist längst mehr als Wissensvermittlung. Sie ist die Resonanz zwischen Menschen, Maschinen und Momenten. (…)
Resonante Lernkulturen entstehen dort, wo Welt, Körper, Sozialität, Selbst, Zukunft, Risiko und Wirklichkeit nicht getrennt, sondern in Beziehung gebracht werden. Resonanz entsteht eher nicht durch Belehrung, sondern durch Berührung.
Im zweiten Teil („Resonanz lässt sich nicht erklären. Nur riskieren“) folgt dann ein Resonanz-Fieldguide mit Formaten, Canvas und Laboren, die im Sinne einer Arbeitssammlung in die Hand genommen werden können. In diesem Teil habe ich bisher nur geblättert.
Die Sprache im Buch ist eine sehr prägnante ‚Bäm Bäm Bäm‘-Sprache. Ich mag so etwas normalerweise weniger, weil es mich an KI-generierte LinkedIn-Postings erinnert. Im Fall dieses Buches erlebte ich das fundamental anders, weil in diesem ‚Bäm Bäm Bäm‘ für mich ganz viel Substanz und Anknüpfungspotenzial steckt.
Hier ein paar Eindrücke von ganz vielen Sätzen, die ich zitieren könnte, die ich super als Diskussionsimpulse zum gemeinsamen Nachdenken finde:
- Raum ist niemals nur Kulisse, sondern Co-Autor des Lernens.
- Was nur den Kopf anspricht, bleibt zweidimensional; was ästhetisch resonant ist, öffnet Raum, Wahrnehmung und Bedeutung.
- Die Teilnahme am hybriden Lernen ist keine räumliche, sondern eine energetische Kategorie.
- Wirkliche Anwesenheit entsteht nicht automatisch dadurch, dass Menschen denselben Raum teilen, sondern durch einen Moment des Innehaltens, des Sich-Einlassens.
- Führung ist Reduktion von Komplexität durch Selektion von Sinn.
- Ohne Beziehung wird Technologie zum Geräusch, nicht zum Klang.
- Lernen ist keine Anhäufung von Wissen, sondern eine Beziehung: zu sich, zu anderen, zur Welt.
- Transfer ist kein Abschluss, sondern ein Prozess der Verkörperung.
- Wissen teilen heißt Macht teilen – und in diesem Teilen entsteht Resonanz.
- Partizipation ist kein Selbstläufer. Sie verlangt psychologische Sicherheit.
- Immersive Formate schaffen einen Ausnahmezustand des Bewusstseins: Die Realität wird nicht verlassen, sondern intensiviert.
- Das Lernen mit KI wird zum Spiegel, in dem wir unsere eigene Denkweise neu erkennen und vielleicht auch korrigieren.
- Die Kunst der Kuratierung besteht darin, Energie zu lenken, nicht Programme zu füllen.
Und einer meiner Lieblingssätze:
Gute Moderation ist keine Kontrolle der Dynamik, sondern eine Choreografie des Chaos. Das Ziel ist nicht Ordnung, sondern Energiefluss.
Richtig gut finde ich, dass inmitten all dieser ‚Bäm Bäm Bäm‘-Sätze immer wieder Raum für das auch eigene Hadern mit den Widersprüchlichkeiten, Spannungen und Herausforderungen z.B. von Technologie zum Vorschein kommt. Allen voran beinhaltet das Buch auch eine transparente Darstellung des eigenen Lernens des Autors. Es wird immer wieder eingestreut, was beim Vorgängerbuch (Physiologie der Un-Konferenz, erschien 2014, ich kenne es nicht) anders dargestellt war und warum und wie der Blick sich nun geändert hat. Und das Buch lebt sehr davon, dass man es für sich selbst immer wieder von Kapitel zu Kapitel weiter verknüpfen und verbinden kann.
Das Buch ermöglicht mir …
- eine geteilte Wahrnehmung und Begriffe für vieles, was ich bislang auch beobachtet, aber für mich noch nicht so klar artikuliert und bewusst gemacht habe.
- neue Perspektiven auf Themen, die ich bislang so noch nicht im Blick hatte.
- eine sehr komprimierte Zusammenstellung von Themen und Hebeln zum Weiterdenken und -arbeiten, insbesondere auch gemeinsam mit anderen.
Die Perspektive des Buchs ist die betriebliche Bildung. Ich habe es allerdings als eine übergreifende und für alle Bildungsbereiche relevante pädagogische Navigationseinladung gelesen.
Meine Perspektive auf die Inhalte
Übergreifend betrachtet hatte ich erstens sehr viel Freude beim Lesen. Es ist toll, dass mit dem Buch ein großer Rahmen und eine richtig spannende Perspektive aufgemacht wird, die ich in ihrer Grundorientierung (= Offenheit statt Kontrolle, Atmosphäre statt Agenda, Partizipation statt Perfektion) sehr teile. Vor allem unterstütze ich den ersten Hebel für eine resonante Lernkultur: Sinn und gesellschaftliche Verantwortung:
Lernen braucht ein Warum, das größer ist als das System, das es fordert. Die Frage (…) lautet nicht: „Was muss ich lernen?“, sondern „Wofür lohnt es sich zu leben?“
Außerdem konnte ich bei den zahlreichen Überlegungen zu bedürfnisorientiertem, sinnhaften und psychologisch sicheren und ganzheitlichen Lernen sehr ‚andocken‘, weil das alles Themen sind, die mich gerade sehr beschäftigen.
Zweitens nehme ich wertvolle Hinweise zum Weiterdenken mit. Am wichtigsten finde ich diese drei Aspekte:
- Rolle von immersivem Lernen und KI: Immersives Lernen z.B. mit VR habe ich bislang eher als Technologie-Hype abgetan. Mich überzeugte im Buch der Ansatz, dass wir immersive Formate als etwas verstehen können, was Bewusstsein intensiviert und deshalb insbesondere durch nachträgliche Reflexion Lernen ermöglicht. In meinem Kopf habe ich hier Verbindungen hergestellt zum Ansatz der Bewusstseinskultur von Thomas Metzinger.
Bei der Rolle von KI habe ich mit dem Bild von ‚KI-Technologie als Spiegel‘, der uns hilft, uns selbst intelligenter zu beobachten, einen klaren Fokus für das gefunden, an dem ich schon länger herumdenke. Es hilft mir, meine Gedanken zu sortieren, die – grob erklärt – sind, dass Sparringpartner-Logik zu wenig ist und wir KI-Technologie ‚mehr Meta‘ nutzen sollten. Eben dann als Spiegel. - Der Blick auf die Ausgestaltung von Technologie: Hier erkenne ich in der vorherrschenden Form der Digitalisierung ganz ähnliche Mechanismen, wie sie im Buch für die Bildung beschrieben werden, insbesondere Versuch von Kontrolle und Dominanz durch BigTech. Hier wünsche ich mir mehr pädagogischen Technologie-Gestaltungsmut – nicht nur veränderte Nutzung. Also Betrachtung von Technologie als System, d.h. insbesondere unter Berücksichtigung der prägenden digitalen Infrastruktur.
- Der Blick auf globale Lernkulturen: In einem richtig spannenden Kapitel wird hier eine Reise in unterschiedliche Regionen/ Länder unternommen und gefragt: Was kann die jeweilige Lernkultur beisteuern?
Weitere, weniger grundsätzliche und mehr praxisorientierte Aspekte, die ich mitnehme, sind außerdem:
- Die Rolle vom Werkzeug des Canvas als kollektive Einladung zum Denken (Und hier freue ich mich, dass es im zweiten Teil ganz viele konkrete Anregungen dazu gibt)
- Die Überlegungen zu Mikroformaten und damit verbunden der Ansatz, Lernen weniger als Angebot und mehr als kontinuierlichen, hybriden Raum zu denken.
- Die Anregungen im Sinne ästhetischer Bildung, den Körper nicht als Träger, sondern als Resonator von Wissen zu verstehen – und das gerade in hybriden Räumen zu ermöglichen.
Ich freue mich nun sehr auf weitere Vertiefungen und Weiterdenken und vor allem die Arbeit mit dem Resonanz-Fieldguide im zweiten Teil.
Schon jetzt: Unbedingte Lektüre-Empfehlung. Und vielen Dank für das Buch!
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