Ich habe das Buch Presencing von Katrin Käufer und Otto Scharmer für mich mit großen Gewinn gelesen.
- Erstens, weil das Buch gerade ganz wunderbar in mein aktuelles Lernen rund um die Inner Development Goals und die mit Wirksam-Lernen.de neu geknüpften Verbindungen passt.
- Zweitens, weil in dem Buch zahlreiche Begriffe und Konzepte für Herausforderungen und Entwicklungen zu finden sind, die mich pädagogisch beschäftigen und mit denen ich jetzt den Eindruck habe, gut weiter arbeiten zu können.
- Und drittens gibt das Buch Zuversicht, weil ich es als weiteres Puzzlestück für Transformation in Richtung einer liebens- und lebenswerten Welt empfinde. Es ist schön, zu erleben, wie viel gerade in Bewegung ist und weiter in Bewegung kommt.
Genau der letzte Punkt ist auch der Aufhänger des Buches. Es startet mit der grundlegenden Frage:
Gehen wir unter oder werden wir uns erheben?
Ein Untergehen droht aufgrund von Kippunkten im Klima, angesichts von eskalierenden Konflikten, aufgrund von zunehmendem Hass und Ausgrenzung oder durch immer größere soziale Spaltung. Ganz genau so lässt sich aber auch eine andere Geschichte erzählen: Von Menschen, die sich verbinden, die an Regeneration und Heilung arbeiten und die sich gemeinsam auf den Weg machen. Genau aus diesen Entwicklungen kann Erhebung (im Sinne von Bewusstwerdung, Emergenz und dann auch Transformation) gelingen.
Vom Eisbergmodell zu sozialen Feldern
Zentral ist in dem Buch der Blick auf Transformation im Rahmen von sozialen Feldern. Solche sozialen Felder kann man sich als eine doppelte Erweiterung eines Eisbergmodells vorstellen:
- Bei einem Eisbergmodell ist nur ein kleiner Teil sichtbar. Das sind die konkreten Ausprägungen unseres Lebens, also z.B. wie wir arbeiten, kommunizieren, lernen oder konsumieren. Beeinflusst werden diese Ausprägungen durch den unsichtbaren Teil des Eisbergs: also durch die dahinter liegenden Strukturen, die Infrastruktur oder die Eigentumsverhältnisse. Die erste Erweiterung oder Vertiefung dieses Eisbergmodells ist nun, dass zu dem unsichtbaren Teil vor allem auch unser eigenes Bewusstsein kommt. Es ist also nicht mehr nur das Sein (= die materiellen Gegebenheiten), das das Bewusstsein bestimmt, sondern zugleich ist unser Bewusstsein (= unsere Intentionen, unsere Praxis und Weltanschauungen) Teil des unsichtbaren Teils des Eisbergs und bestimmt unsere Praxis und Handlungen.
- Bei einem Eisbergmodell gibt es einen unsichtbaren und einen sichtbaren Teil. Bei einem sozialen Feld ist der sichtbare Teil in den meisten Fällen noch nicht sichtbar. Wir beginnen erst gerade, für fruchtbare Erde zu sorgen, so dass etwas Neues wachsen kann, ohne bereits fest zu wissen, was das sein wird.
Um solch ein Wachstum und damit eine Transformation des Systems zu ermöglichen, braucht es eine Transformation des Selbst. Der Knackpunkt für mich ist hier, dass solch eine Transformation des Selbst gerade NICHT Individualisierung bedeutet (also im Sinne von Selbstoptimierung für besseres Funktionieren im bestehenden System gelesen werden kann), sondern insofern politisch ist, weil dadurch systemische Transformation angestoßen und vorangebracht wird.
Solch eine Transformation des Selbst kann sich in drei (nicht linear gedachten) Schritten vollziehen:
- Ich halte inne und richte den Strahl der Aufmerksamkeit auf mich als Teil des Systems. Ich erkenne dann, dass ich als Teil dieses Systems sowohl Ursache für Krisen bin, aber eben auch Lösung sein kann.
- Darauf folgt zweitens die Entwicklung einer Intention zum Handeln. Das kann insbesondere dadurch geschehen, dass ich mir einer dreifachen Trennung bewusst werde: von mir selbst, von anderen und von der mich umgebenden Natur. Genau diese dreifache Trennung anstelle von Verbundenheit ist Auslöser von Leid und führt systemisch zu den Krisen, mit denen wir konfrontiert sind. Meine Intention wird somit sein, diese Trennung zu überwinden.
- Im dritten Schritt ermächtige ich mich dann zu einer gerichteten Handlungsfähigkeit, die mir wieder Verbundenheit ermöglicht. Ich benötige dazu nicht nur mein eigenes Wissen, das Wissen aus dem Austausch mit anderen oder das von uns entwickelte Wissen im Sinne von objektiven Beobachtungen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch das so genannte ‚Wissen der 4. Person‘. Dieses ‚Wissen der 4. Person‘ sind eine Art ‚Superkräfte‘, die uns Menschen zu entwickeln möglich sind und die in kollektiver Verbundenheit und Präsenz, auf das Ganze ausgerichtet mit einer gemeinsamen Intention entstehen.
Aus solchen kollektiven Praktiken entstehen ‚Inseln der Kohärenz‘. Hier finden sich Menschen zusammen, die mit einer gemeinsamen Intention hin zu Verbundenheit in ihren jeweiligen Bereichen arbeiten. Sie ermöglichen fruchtbaren Boden und sind zugleich die Samenkörner, aus denen Neues wachsen kann. Je mehr solcher Inseln entstehen, desto mehr schwindet ihr ‚Inselcharakter‘. Sie können sich verbinden und mit der gemeinsamen Kraft entsteht etwas Neues.
Ich finde: Das ist eine sehr schöne, Mut machende und durchaus auch sehr praxisorientierte Orientierung für eigenes Handeln in einer krisenhaften Welt!
Was bedeutet das für die Bildung?
Ich habe das Buch mit einer pädagogischen Brille gelesen und aus dieser Perspektive die folgenden wesentlichen Hebel für meine Aktivitäten in diesem Bereich identifiziert:
- Wir sind in der Bildung bereits an vielen Stellen auf einem guten Weg, dass wir vom Output (= standardisierte Wissensüberprüfung) hin zum Prozess (= Gestaltung und Reflexion von personalisierten Lernprozessen) gehen. Was weitgehend fehlt ist der nächste Schritt hin zur Quelle, also zur Transformation des Selbst. Es müsste in der Bildung also viel mehr um den oben beschriebenen Prozess der Transformation des Selbst durch Aufmerksamkeit auf sich selbst als Teil des Systems, auf die Entwicklung von Intention zur Überwindung der Spaltung von uns selbst, von anderen und der Natur und zur Ermöglichung von ‚Superkräften‘ zum Handeln gehen.
- Diese ‚Superkräfte‘ oder eben ‚Wissen der 4. Person‘ finde ich gerade jetzt im Kontext von KI entscheidend. Wir können sie als das fassen, was kein KI-Modell jemals von uns übernehmen können wird, denn es ist etwas originär Menschliches, sich mit der Welt zu verbinden, sie zu erspüren und kollektiv als Teil eines großen Ganzen schöpferisch Neues entstehen lassen zu können.
- Ganz konkret in meiner Arbeit sehe ich es als eine wichtige Aufgabe, Verbindungs- und Stärkungsräume für pädagogisch tätige Menschen zu initiieren und zu halten, die dann zu den beschriebenen Inseln der Kohärenz werden können. Mit einem Bild aus dem Buch gesprochen geht es hier nicht darum, eine Fackel zu tragen, hinter der alle marschieren können, sondern eine Flamme zu entzünden, diese behutsam zu schützen und das Licht von einer zur nächsten Person weiter zu geben. Dazu braucht es Räume für gemeinsames Lernen und Präsenz. Mit der Initiative Wirksam-Lernen haben wir hierzu einen Raum begonnen.
- Die durch systemisch-gerichtete Aufmerksamkeit und entwickelte Intention geschaffene Handlungsorientierung ermöglicht in der Bildung – sowohl auf der Ebene von Lernprozessen, als auch in der systemischen Steuerung – eine Orientierung an Vertrauen anstatt an feststehenden Vorgaben oder Regeln ‚von oben‘. Denn wenn Klarheit über Aufmerksamkeit, Intention und Handlung besteht, dann wird Lernen und auch Lerngestaltung dadurch sicher getragen. Die gegenwärtige Kontroll-Orientierung (z.B. im Sinne von bewertenden Prüfungen auf Ebene der Lernprozesse) erübrigt sich. Um das in ein schönes Bild aus dem Buch zu packen: Wir würden auch eine Karotte nicht ständig aus dem Boden ziehen, um zu sehen, ob sie wächst, sondern unsere vorrangige Aufgabe darin sehen, gute Bedingungen zum Wachsen zu ermöglichen.
Was genau ist das ‚Wissen der 4. Person‘?
Die Idee des ‚Wissen der 4. Person‘ halte ich für Bildung gerade jetzt im Kontext der KI-Debatte für zentral. Zugleich erscheint mir das Konzept noch schwer greifbar. In meinen Worten erkläre ich es mir so, dass dieses Wissen entstehen kann, indem wir uns in Auseinandersetzung mit der Welt begeben, aber nicht schnell, urteilend und oberflächlich, sondern indem wir langsamer werden (= Innehalten, den Strahl der Aufmerksamkeit auf uns als Teil des Systems richten), offener werden (= wirkliches Zuhören praktizieren) und tiefer werden (= schöpferisch Neues entstehen lassen, durch Gegenwärtigkeit und Verbundenheit mit der Welt.)
Im Buch heißt es dazu, dass dieses Wissen der 4. Person nichts ist, was ‚fertig‘ in uns steckt, aber eben durch uns manifestiert wird. Es basiert auf einer veränderten, weil dezentrierten Wahrnehmung, es ist ganzheitlich, wirkt ermöglichend und erzeugt Wirkung durch die Entstehung von sozialen Feldern, die auf Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und der Welt basieren.
Einladung: Austausch im Edubuchklub
Das Buch Presencing ist unsere gemeinsame Lektüre im Edubuchklub im Februar 2026. Wenn du dich dazu gemeinsam mit anderen austauschen willst, dann komme gerne zu unserem Abschlusstreffen am 3. März um 20 Uhr dazu. Mit einem Eintrag in unseren Verteiler bekommst du dann auch mit, was wir in den Folgemonaten lesen und kannst dich je nach eigenem Interesse an Austausch dazu beteiligen.
Auch unabhängig vom Edubuchklub kann ich Presencing sehr zur Lektüre empfehlen!

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