Buchnotizen: Demokratie lernen

Ein Foto des Buchcover: Upgrade Demokratie lernen

Ich habe das Buch „Demokratie lernen“ aus der Upgrade-Reihe im Friedrich-Verlag von Kati Ahl und Nikola Poitzmann noch nicht umfassend, aber einmal quer gelesen und kann es schon jetzt sehr weiter empfehlen!

Wer noch nach einer Motivation für die Lektüre sucht, könnte in das aktuelle Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung schauen und darin unter anderem diese Aussage finden, auf die Patricia Drewes dankenswerterweise gezielt aufmerksam gemacht hat:

„Partizipation beschränkt sich aus Sicht vieler Lehrkräfte vor allem auf die Gestaltung von Klassenregeln und auf formale Strukturen wie Konferenzen, in denen die Beteiligung der Schüler:innen ohnehin gesetzlich geregelt ist. Dennoch hält die Mehrheit der Lehrkräfte die bestehenden Partizipationsmöglichkeiten für Schüler:innen für ausreichend. So sind sich Lehrkräfte und Schüler:innen zwar in ihrer Einschätzung einig, dass die Mitbestimmungsmöglichkeiten eher gering sind. Doch während Schüler:innen sich deutlich mehr Partizipation wünschen, bewertet die Mehrheit der Lehrkräfte die bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten bereits als ausreichend.“

Dieser kurze Auszug bringt aus meiner Sicht gleich eine doppelte Herausforderung auf den Punkt:

  1. Demokratie ist deutlich mehr, als das, was an Schulen oft darunter verstanden wird.
  2. Mehr Mitbestimmung ist ein wichtiges Bedürfnis und eine Forderung von Lernenden, womit sie bislang allerdings häufig zu wenig gehört werden.

In dem Buch finden sich für beide Herausforderungen sehr viele Ansätze.

Mich hat vor allem der große Schwerpunkt auf die erste Herausforderung im Buch gefreut, denn ohne diese Grundlage lässt sich Demokratie in der Bildung nicht realisieren. Im Buch wird in diesem Sinne sehr umfassend dargestellt, dass es bei Demokratie zuallererst um Beziehung geht und Demokratielernen wird dabei zugleich ganzheitlich betrachtet. Zitat aus dem Buch dazu:

„Demokratie fordert Kopf, Herz und Hand gleichermaßen – Denken, Fühlen und Handeln im Dialog.“

Ausführlich wird in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung von psychologischer Sicherheit betont:

„Sicherheit ist das Fundament von Mut. Nur wer sich sicher fühlt, kann widersprechen, Verantwortung übernehmen und Neues riskieren. So wird psychologische Sicherheit zum unsichtbaren Demokratie-Motor: Sie verwandelt Angst in Vertrauen und Fehler in Lernmomente.“

Die Autorinnen bauen dann weiter unter anderem auf dem im Kontext von Unterrichtsentwicklung sehr verbreiteten 4K-Modell mit Kommunikation, Kreativität, kritischem Denken und Kollaboration auf, verdeutlichen jeweils das demokratietheoretische Potenzial und orientieren auf diese Weise auf eine demokratische Haltung als ‚Wir-Kompetenz‘. Und sie stellen den Dreiklang von Being, Becoming und Belonging vor (= Sein, Werden und Dazugehören).

Zum Beziehungs- und Demokratie lernen gehört unbedingt auch Zuhören. Im Buch findet sich hier unter anderem der Bezug zur Theorie U von Otto Scharmer. Und auch die Inner Development Goals spielen eine große Rolle.

Zur zweiten Herausforderung finden sich im Buch ebenfalls jede Menge Impulse. Eingegangen wird sowohl auf Gestaltung des eigenen Lernprozesses – und das mit einem sehr offenen und weiten Blick: Agiles Lernen, Lernbüro oder Deeper Learning sind nur einige der Beispiele, die beschrieben werden. Zum anderen wird auch die Gestaltung des Lernraums Schule in den Blick genommen und als Leitbild die ‚responsive Schule‘ vorgestellt:

„Eine responsive Schule hört nicht nur zu, sondern nimmt Rückmeldungen ernst und lässt sie in Entscheidungen einfließen. Es geht also um die Frage: Werden Kinder und Jugendliche in ihrer Schule tatsächlich gehört – und ändert sich dadurch auch etwas?“

Und natürlich werden Schulen nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil der Gesellschaft. Es gilt Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen und gute Zukünfte zu gestalten.

Darüber hinaus gibt es noch viele weitere inhaltliche Aspekte, die ich in dem Buch sehr wertvoll finde. Unter anderem:

  • Es wird durchgängig sehr klar über Gerechtigkeit und Machtstrukturen reflektiert.
  • Der Bereich Demokratie und Digitalität und der Umgang damit ist ein Schwerpunkt.
  • Schule wird sehr richtig als ein lebendiges System betrachtet.

Ich empfehle das Buch vor allem auch deshalb, weil damit eine ziemlich umfassende und tiefe Kuratierung von so vielen theoretischen Ansätzen, Methoden und ganz genauso auch ganz vielen Praxisbeispielen gelungen ist. Sehr viele Menschen kommen direkt zu Wort. Immer wieder werden direkt weiternutzbare Methoden und weiterführende Hinweise angeboten. Genau deshalb denke ich, dass aus dem Buch sehr viel wachsen und entstehen kann.

Das Buch schließt mit dem Fazit:

„Schule ist kein Durchlauferhitzer für Wissen, sondern ein lebendiger Ort, an dem Menschen miteinander wachsen.“

Wie schön, dass es mit „Upgrade: Demokratie lernen“ nun eine sehr umfassende Unterstützung mit vielfältigen Ressourcen gibt, um diesem Anspruch noch an viel mehr Orten Realität werden zu lassen. Vielen Dank an Kati und Nikola und alle weiteren Beteiligten!


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