Authentic Relating: 5 Übungen für authentisches In-Beziehung-Sein beim Lernen

Menschen in einem Lernraum, die miteinander reden.

Gute Bildung hat immer ganz viel mit Beziehung zu tun. Mit meiner Perspektive der Erwachsenenbildung, in der ich häufig nur ‚punktuelle‘ Lernangebote gestalte, finde ich das besonders herausfordernd. Insbesondere denke ich hier darüber nach, wie sich Lernräume für alle Beteiligten sicher anfühlend gestalten können, so dass Verbundenheit und damit Beziehung unter allen Beteiligten möglich ist bzw. dies immer auch gemeinsam gelernt werden kann.

Ich lerne zu diesem Thema gerade im Bereich des so genannten ‚Authentic Relating‘ – also ‚Authentisches In-Beziehung-Sein‘. Es handelt sich dabei um eine Praxis, wie es über ganzheitlich gedachte und gestaltete Kommunikation mit bewusstem Innehalten gelingen kann, sowohl für sich selbst Authentizität zu ermöglichen, als eben auch Beziehung und Verbindung mit anderen. Entscheidend ist dabei, dass beides zusammen gehört: Ich kann mich nicht verbinden, ohne mich auch selbst in den Blick zu nehmen – und wenn ich nur auf mich selbst blicke, fehlt mir ebenso etwas, weil wir als Menschen verbundene Wesen sind.

Es gibt im Authentic Relating fünf Grundlagen-Prinzipien, die man sich weniger wie ‚Regeln‘ vorstellen sollte, sondern eher wie Herausforderungen, die sich immer wieder praktisch üben lassen. Ich habe diese Prinzipien und die möglichen Übungen dazu für mich als sehr wertvoll erlebt. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich in Lernangebote als Übungen gut integrieren lassen, um schon direkt ein bisschen mehr Sicherheit und Verbundenheit zu ermöglichen bzw. das längerfristig besser zu lernen. Deshalb teile ich sie hier:

1. Heiße alles willkommen (‚Welcome everything‘)

‚Heiße alles willkommen‘ ist die Praxis, sich vollständig und präsent in eine Situation hineinzubegeben, indem man zunächst erspürt, was in einem ist und dies dann willkommen heißt. Ich könnte also zu Beginn eines Lernangebots merken, dass ich vorfreudig bin oder dass ich mich unsicher fühle oder dass ich noch viel zu abgelenkt bin. All das sollte ich mir bewusst machen und als Tatsache akzeptieren, um mich dann in die Lernsituation und dabei eben auch in Verbindung mit anderen begeben zu können.

Es ist natürlich einfacher, positive Gefühle willkommen zu heißen, als Gefühle, die ich an mir gar nicht mag. Es gehört aber unbedingt beides dazu. Wichtig ist, dass ich gerade negative Gefühle dann nicht gutheißen muss oder ihnen zustimmen muss. Vielmehr geht es erst einmal darum, sie zu akzeptieren, um dann vielleicht mit einem neugierigen Blick auf sie schauen zu können.

Auch ‚Meta-Gefühle‘ gehören zum Willkommen heißen dazu. Also zum Beispiel: „Ich fühle, dass ich unsicher bin und dass ich mich darüber ärgere, weil ich nicht unsicher wirken will.“

Als Einstieg in Lernangeboten lässt sich diese Herausforderung sehr einfach als kleines Blitzlicht umsetzen: Nach einem kurzen Innehalten und in sich hinein spüren, könnten alle der Reihe nach teilen, was sie in sich mitbringen und willkommen heißen.

2. Triff keine Annahmen (‚Assume nothing‘)

Das Prinzip ‚Triff keine Annahmen‘ ist ein Sisyphos-Prinzip, was nie gelingen wird. Denn es ist uns Menschen zu eigen, dass wir ständig irgendwelche Annahmen über unsere Umwelt und auch über andere Menschen treffen. Sonst würde unser Alltag nicht funktionieren.

So hilfreich dieses Treffen von Annahmen auf der einen Seite ist, so schwierig ist daran auf der anderen Seite zugleich, dass solche Annahmen natürlich immer auf die Vergangenheit bezogen sind. Denn ich treffe meine Annahmen durch meine gemachten Erlebnisse und Erfahrungen in der Vergangenheit.

In der Verbindung mit anderen Menschen können solche Annahmen verhindern, dass wir neugierig aufeinander werden. Denn wenn ich eine bestimmte Person durch äußere Merkmale oder ein bestimmtes Verhalten direkt in eine bestimmte Schublade einsortiere, dann verschafft mir das vielleicht Orientierung, aber ich werde mich dann wahrscheinlich gar nicht mehr näher für sie interessieren, weil ich ja schon alles über sie zu wissen meine.

Auch wenn wir das Annahmen machen nicht verhindern können, so können wir doch immer wieder daran arbeiten, uns dieser Annahmen bewusster zu machen. Um mit anderen in authentische Verbindung zu kommen, kann es hilfreich sein, diese Annahmen dann transparent zu machen und über sie zu kommunizieren. Das erlaubt es, sie in der Realität zu überprüfen, was wiederum die Möglichkeit beinhaltet, dass ich falsch liege und lernen kann. (Beispiel: „Ich habe den Eindruck, dass du ziemlich unkonzentriert bist, stimmt das?“ – „Nein, unkonzentriert bin ich eigentlich gar nicht. Ich fühle mich gerade nur sehr unsicher.“)

Als kleine Übung, die ich als sehr ‚verbindend‘ erlebt habe, lässt sich die Herausforderung von ‚Assume nothing‘ zu zweit erkunden.

So kann man dabei vorgehen:

  1. Beide Personen nehmen sich kurz Zeit zum Ankommen. Sie sagen sich Hallo und stellen sich vielleicht kurz vor.
  2. Eine der beiden beginnt und hat zwei Minuten Zeit, um alles zu teilen, was sie als Annahmen über die andere Person in sich wahrnimmt. (Also z.B. Ich habe zu dir die Annahme, dass du letzte Nacht zu wenig geschlafen hast, dass du ein sehr freundlicher Mensch bist, dass du dich gerade ziemlich unsicher fühlst …)
  3. Nach den zwei Minuten reagiert die andere Person, indem sie teilt, was diese Annahmen in ihr ausgelöst haben. Sie ist also nicht aufgefordert, zu korrigieren oder sich zu rechtfertigen, sondern sie könnte zum Beispiel sagen: „Ich war erstaunt, als ich hörte, dass du annimmst, dass ich unsicher bin.“
  4. Danach werden Rollen getauscht.
  5. Zum Abschluss ist kurz Raum für Reflexion.

Ich habe die Übung deshalb als wertvoll erlebt, weil es erstens sehr spannend ist, von anderen gesehen zu werden (und ich war erstaunt, wie treffend die Annahmen oft selbst durch eine Videokonferenz und bei bisher mir nicht bekannten Menschen waren). Und weil ich es zweitens sehr herausfordernd und dann gleichzeitig als sehr verbindend empfand, mit anderen ehrlich zu teilen, was man als Annahmen über sie im Kopf entwickelt hat – gerade wenn es nicht nur positive, unterstützende Annahmen sind.

3. Zeige dich mit deiner Erfahrung (‚Reveal your experience‘)

Die dritte Praxis ist wieder eine auf sich selbst bezogene Wahrnehmungsübung. Anschließend gilt es, diese Wahrnehmungen zu teilen, also sich den anderen zu zeigen. Das ist deshalb verbindend, weil man sich durch solch ein ‚Zeigen‘ natürlich erst einmal verletzlich macht, denn ich kann nicht wissen, wie das, was ich über mich teile, bei anderen ankommt. Vor allem, weil es eben nicht etwas ist, was ich mir schön ordentlich als Rolle über mich in meinem Kopf zurecht gelegt habe. Gerade weil man sich durch solch ein Teilen in Unsicherheit begibt, ermöglicht genau das anderen Menschen dann auch, sich zu öffnen.

Als Übung lässt sich das mit dem Teilen eines ‚Gedankenstroms‘ durchführen. Hierzu kommt man in Kleingruppen (3-4 Personen) zusammen. Eine Person spricht nach der anderen, für jeweils 2-3 Minuten. Geteilt wird, was man im jeweiligen Moment in sich wahrnimmt. Also zum Beispiel:

„Ich nehme wahr, dass ich noch gar nicht weiß, was ich eigentlich sagen soll und dass ich eigentlich gerne etwas sehr Schlaues sagen würde. Ich nehme wahr, dass ich mich beim Sprechen langsam etwas entspanne …“

Am Ende ist auch hier Zeit, um kurz miteinander zu reflektieren, wie man das Teilen erlebt hat.

Damit die Übung funktioniert, ist die wichtigste Regel: „Wenn du etwas im Kopf vor planst, dann wirf es direkt wieder raus!“

4. Übernimm Verantwortung für deine Erfahrung (‚Own your experience‘)

Das vierte Prinzip – Übernimm Verantwortung für deine Erfahrung – hat große Ähnlichkeit mit den ‚Ich-Botschaften‘, die viele wahrscheinlich aus der gewaltfreien Kommunikation kennen. Anstatt also andere zu beschuldigen, sollte ich versuchen, von mir selbst zu sprechen.

Beispiel: Nicht sagen: „Du bist total unfreundlich!“, sondern: „Ich fühle mich gerade gar nicht wertgeschätzt“.

Solche Ich-Botschaften verhindern, dass von anderen eine Verteidigungshaltung eingenommen wird. Stattdessen lädt man zu Kommunikation ein.

Als Übung kann man hier am besten ein paar Umformulierungen ganz konkret versuchen. Dann erkennt man auch, dass viele vermeintliche ‚Ich-Botschaften‘ eigentlich doch verklausulierte Beschuldigungen sind, z.B., wenn ich sagen würde: „Ich denke, dass du total unfreundlich bist.“

5. Achte dich selbst und dein Gegenüber (‚Honor self and other‘)

Das fünfte Prinzip ist eine beziehungstechnische Umänderung der Goldenen Regel. Also nicht: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst. Sondern in authentischer Beziehung gedacht: Behandle dich so, wie du behandelt werden willst – und andere so, wie sie behandelt werden wollen.

Die Übung, die ich zu diesem Prinzip erlebt habe, fand ich von den Authentic Relating Übungen am spannendsten, weil sie fast ganz ohne Kommunikation auskam und sehr viel Resonanz ermöglicht.

So gehst du vor:

  1. Es finden sich Paare zusammen. Beide Beteiligten kommen kurz an. Danach ist 3 Minuten Zeit für eine ‚Hallo‘ und ‚Tschüß‘-Ausbalancierung, was wie folgt funktioniert:
  2. Beide starten mit offenen Augen und blicken sich an.
  3. Sobald eine Person den Eindruck hat, dass sie selbst eine Pause braucht oder das von der anderen Person denkt, sagt sie ‚Tschüß‘ und schließt die Augen. Wenn sie wieder zurück kommen will, dann sagt sie ‚Hallo‘ und öffnet die Augen wieder.
  4. Die andere Person macht das ganz genau so.
  5. Am Ende ist auch hier wieder kurz Zeit, um das Erlebte gemeinsam zu besprechen.

Ich fand hier spannend, dass unsere Durchführung so war, dass es zu Beginn bei beiden von uns eher Unsicherheit gab. Durch ‚in die Augen blicken‘ und sich selbst und die andere Person beobachten, kam es dann aber sehr schnell zu einem gemeinsamen Rhythmus von zusammen sein und sich zurückziehen. Ich hatte den Eindruck, dass es sich für uns beide dann gut und stimmig anfühlte.

Fazit

Ich fand diese Prinzipien und die Übungen aus dem Authentic Relating für mich sehr spannend und sehe viele Möglichkeiten, diese sehr niederschwellig in Lernangeboten zu verankern, um auf diese Weise authentisches Verbinden zu üben. Für sichere, bedürfnisorientierte und zugleich auf Verbindung angelegte Räume, in denen gutes Lernen möglich ist, empfinde ich das als grundlegend.

Wenn du diese Übungen auch für dich und mit Lernenden erkundest, wünsche ich dir dabei viel Freude und bin gespannt, welche Erfahrungen du damit machst.


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