Ausgehend von Lernbedürfnissen zu guter Lerngestaltung im Kontext von KI gelangen

Auf einen Flipchart ist gekritzelt: Mehr authentische Lerngelegenheiten schaffen.

Ich habe in den letzten drei Jahren ziemlich viele Workshops zum Thema Künstliche Intelligenz und Bildung gestaltet. Sehr häufig stand ich dabei vor der Herausforderung, wie es gelingen kann, mit dem Nordstern der Befähigung zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit im Blick dieses Thema aufzugreifen. Mein Versuch war es stets, dass pädagogisch tätige Menschen in einen Reflexions-, Austausch- und Gestaltungsprozess kommen, in dessen Rahmen pädagogisch grundsätzlich, aber eben zugleich auch technologisch konkret angesichts der veränderten Rahmenbedingungen im Kontext von KI über gute Lerngestaltung nachgedacht wird. Sehr oft klappte der Spagat zwischen grundsätzlichen Herausforderungen und technologischer Konkretisierung aber nicht. Oft war es dann einfach ein Nebeneinander: Lernen zu KI und mit KI und dann ein Lernen dazu, wie wir Lernkultur im Kontext von KI (was hier dann auch meist wieder viel zu eng war, weil das ja nur eines von vielen Merkmalen der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen ist) verändern sollten.

Bei einem Workshop mit dem Diakonischen Bildungswerk Johannes Falk am Freitag in Eisenach bin ich bei der Konzeption solcher Workshops nun gefühlt einen großen Schritt weiter gekommen. In diesem Blogbeitrag teile ich mein hier entwickeltes Workshopkonzept. Zunächst stelle ich aber kurz dar, was die beiden ‚Aha-Momente‘ waren, die mich zu dieser Konzeption brachten.

Aha-Momente: KI als Teil von radikaler Gegenwart und Lernbedürfnisse als Ausgangspunkt

Wie so oft war die Entwicklung des veränderten Workshopkonzepts eher zufällig. Ausschlaggebend waren für mich zwei Aspekte, die eigentlich schon lange in meinem Kopf rumschwirren, aber die ich mir klarer vergegenwärtigt habe und zu denen ich Vorarbeiten von anderen entdeckt habe, die ein bisschen wie ein fehlendes Puzzlestück waren:

  1. Schon lange orientiere ich mich bei der Gestaltung von guter Bildung an der Idee, dass Zukunft aus radikaler Gegenwart entsteht. Diesen Gedanken habe ich nun (im Rahmen meiner Impulse für die Hessische Lehrkräfteakademie) explizit auf das Thema Künstliche Intelligenz übertragen. Demnach ist Künstliche Intelligenz weniger als Vorbereitung auf die Zukunft zu sehen, sondern mehr Teil von radikaler Gegenwart. Wir setzen uns jetzt, als Teil der Lebenswelt von Lernenden und Lehrenden, damit auseinander, was es Lernenden ermöglicht, gute Zukünfte zu gestalten.
  2. Von Ulrike Linz habe ich das von ihr entwickelte Lernraumkonzept kennen gelernt. Entscheidend war hier für mich insbesondere der grundsätzliche Gedanke, dass für gutes Lernen unterschiedliche Bedürfnisse in der Lerngestaltung aufgegriffen werden müssen. Zum Beispiel gibt es das Bedürfnis nach Struktur, wie auch nach Spiel und Erkunden, nach Impulsen oder Sinn und Relevanz. Wenn wir gutes Lernen ermöglichen wollen, müssen wir Räume schaffen, in denen diese Bedürfnisse Widerhall finden. Zentral ist dann, Lernenden zu ermöglichen und sie zugleich darin zu stärken, die jeweils für ihr Lernen benötigten Lernbedürfnisse an den entsprechenden Lernorten finden zu können.

Mit diesen beiden Konzepten im Kopf war es dann nur noch ein kleiner Schritt, einen methodischen Rahmen für eine gute und weiterführende pädagogische Beratschlagung im Kontext von KI zu entwickeln.

Workshopkonzept: Gute Lerngestaltung im Kontext von KI

Rahmen

Das Workshopkonzept ist für die Arbeit in kleinen Gruppen mit ungefähr 5 Personen gedacht. Wir waren heute deutlich mehr und haben uns deshalb auf mehrere Kleingruppen aufgeteilt.

Jede Kleingruppe benötigt eine Person, die durch den Prozess moderiert und dazu diese Online-Anleitung verwendet. Außerdem sollten alle gemeinsam ihre Überlegungen festhalten können. Dazu könnte entweder jede Gruppe ein Flipchart bekommen oder die Gruppentische könnten mit Papier bespannt sein. Dazu braucht es dann natürlich Stifte. Außerdem sollten Post-Its und Metaplankarten zur Verfügung stehen.

Als Arbeitszeit in den Kleingruppen sind 1,5 Stunden für eine erste Beratschlagung ausreichend. Der Prozess kann später beliebig oft wiederholt werden.

Wir haben den Austausch heute mit einer Einstiegs- und Abschlussphase im Plenum gerahmt. Insbesondere zum Abschluss war es spannend, kennen zu lernen, was die jeweils anderen Gruppen diskutiert haben.

Vorgehen

Die Kleingruppen werden mithilfe der Online-Anleitung durch einen 5-schrittigen Prozess geführt:

Schritt 1: Ausgangspunkt der Beratschlagung in der Kleingruppe sind die Bedürfnisse von Lernenden, die sie wahrnehmen können müssen, wenn ihr Lernen gut gelingen soll. Alle Beteiligten in der Kleingruppe erhalten dazu eine Liste mit Bedürfnissen und teilen im Rahmen eines schnellen Blitzlichts, welches Bedürfnis sie in ihrem Kontext als besonders wichtig empfinden. Alle genannten Bedürfnisse werden auf einem gemeinsamen Flipchart gesammelt.

Schritt 2: Im zweiten Schritt reflektieren die Beteiligten die Bedürfnisse im Kontext von KI. Leitfragen für jedes der Bedürfnisse können sein: Wird das Bedürfnis relevanter? Wird es im Kontext von KI schwieriger oder einfacher zu erfüllen?

Schritt 3: Von der eher konkreten Betrachtung der Technologie wird anschließend wieder in den grundsätzlichen Modus gewechselt. Alle teilen – wiederum in Form eines Blitzlichts – an welchem Nordstern es vor dem Hintergrund der gesammelten Bedürfnisse und der Reflexion im Kontext von KI dazu sinnvoll erscheint, das pädagogische Handeln auszurichten.

Schritt 4: Im vierten Schritt werden bis zu drei Nordsterne ausgewählt und zunächst offen nach möglichen Ideen gebrainstormt. Die Sammlung kann dann geclustert und priorisiert werden. Für das Plenum wird ein Elevator Pitch vorbereitet, für den diese Sätze vervollständigt werden:

  • 1. Unser erster Schritt ist …
  • 2. Das bedeutet konkret …
  • 3. Wichtig ist uns dabei ….

Schritt 5: Im letzten Schritt wird gemeinsam das Vorgehen reflektiert und überlegt, wie zukünftig zu der Herausforderung weiter reflektiert werden kann.

Ergebnisse

Unsere Vorstellung im Plenum war nur sehr kurz. Trotzdem ist für mich damit schon deutlich geworden, dass das Ziel des Workshops aus meiner Sicht gut erreicht wurde. Denn es gab eben sehr unterschiedliche erste Schritte: sowohl konkrete KI-Ideen, aber ganz genau so auch grundsätzliche Lernkultur-Schritte wie z.B. mehr authentische Lerngelegenheiten.

Mitschrieb aus einer Kleingruppe

Fazit

Das Workshopkonzept liest sich für mich jetzt nach dem Aufschreiben recht banal. Wahrscheinlich kann aber gerade wegen dieser Einfachheit viel daraus entstehen. Ich werde in jedem Fall selbst weiter in diesem Raster reflektieren und es auch bei Veranstaltungen weiter ausprobieren und anpassen. Falls du damit auch arbeiten möchtest: die Anleitung steht zum offenen Weiternutzen online.

Screenshot der Startseite der Online-Anleitung
Screenshot der Online-Anleitung

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