Soziale Präsenz und Achtsamkeit beim virtuellen Lehren, Lernen und Arbeiten

Veröffentlicht am 4.2.2021

Aufgrund der Corona-Pandemie lehre, lerne und arbeite ich schon seit einem Jahr überwiegend online. Herausfordernd finde ich dabei vor allem, dass es in dieser Situation an ‘eingeübten’ sozialen Praktiken für Achtsamkeit und Austausch fehlt, wie wir sie wahrscheinlich alle aus dem direkten Austausch kennen: Während einer Präsenzveranstaltung oder bei einem direkten Austausch lassen wir unseren Blick über die Teilnehmenden schweifen und stellen uns zu denen, die auf uns sympathisch wirken, wir halten anderen die Tür auf, wir teilen den Schokoriegel, wir nehmen Blickkontakt auf und lächeln … All das ‘funktioniert’ meist unbewusst, oft unbemerkt und somit quasi automatisch. Im Online-Kontext müssen wir uns dagegen bewusst Zeit nehmen zur Gestaltung von sozialer Präsenz und Achtsamkeit. Und zugleich müssen wir alle gemeinsam erst noch lernen und gemeinsam ausprobieren, welche sozialen Praktiken online überhaupt passend sind.

Für diesen Blogbeitrag habe ich 5 Praktiken und Verhaltensweisen für mehr soziale Präsenz und Achtsamkeit im Online-Kontext aufgeschrieben. Sie sind mir beim Lehren, Lernen und Arbeiten in den letzte Monaten begegnet und haben für mich gut funktioniert.

1. Transparentes ‘Lurken’ in Videokonferenzen

Lurken (= nur passives Zuhören) in Videokonferenzen ist Segen und Fluch zugleich. Segen kann es individuell sein, weil Lernende genau das und genauso lernen bzw. sich an etwas beteiligen können, wie es für sie passend ist (und oft auch fast zeitgleich an mehreren spannenden Angeboten teilnehmen können). Fluch kann es sein, wenn dieses Verhalten Lehrende oder auch Mitlernende irritiert, weil sie vor schwarzen Kacheln sitzen und nicht wissen, was sich dahinter verbirgt. Die Lösung liegt für mich hier in mehr Transparenz - und das ist ziemlich einfach zu erreichen: Als Lurker*in schreibe ich zu Beginn der Veranstaltung (oder dann, wenn ich dazu komme) einfach kurz in den Chat, was ich vorhabe bzw. wie meine Situation ist. Wenn ich beim CheckIn am Anfang dabei bin, kann ich das natürlich auch kurz über das Mikrofon äußern.

Zum Beispiel:

Wenn ich lehrende Person bin, dann kann ich die Beteiligung zu Beginn kurz abfragen oder - noch besser - schon vorab ankündigen, was einen erwartet. Dazu passt dann die nächste Vorgehensweise.

2. Kamera-On Meetings

Das Team der re:publica ergreift seit dem letzten Jahr die Initiative zu abendlichen Online-Austauschrunden unter dem Motto ‘Wir sehn uns’. Dieses Motto ist durchaus wörtlich gemeint. Wer sich anmeldet, wird gebeten, doch bitte mit angeschalteter Kamera teilzunehmen. Ich finde solche klaren Ansagen oder auch Vorgaben für Videokonferenzen immer dann hilfreich, wenn die Teilnahme daran freiwillig ist. Als potentiell teilnehmende Person kann ich dann entscheiden, ob ich mich dazu schalte oder nicht - und ich weiß genau, was mich erwartet und auch was von mir erwartet wird. Als lehrende Person habe ich die Möglichkeit, Lernangebote entsprechend zu konzipieren und durchzuführen.

(Solche Kamera-On Meetings finde ich im übrigen auch unabhängig von klassischen Lernangeboten hilfreich: Es ist toll, wenn Menschen, die Initiative ergreifen und einfach so zum Quatschen und Austauschen online einladen. In diese Kategorie fällt z.B. auch dieser Wonder #twlz Pizzaabend.)

3. Mails an mehrere

Anders als im analogen Kontext, in dem man ‘die üblichen Verdächtigen’ bzw. seine vertrauten Kolleg*innen oft ‘einfach so’ in regelmäßigen Abständen bei Veranstaltungen über den Weg lief, trifft man sich online deutlich weniger ‘zufällig’ - und wenn, dann besteht oft keine Gelegenheit für einen kleinen Small Talk in der Kaffeepause. Eine Möglichkeit ist hier die Einladung in eine Online-Austauschrunde wie oben beschrieben. Wer einen nicht-synchronen und vielleicht auch niederschwelligen Weg sucht, kann auch einfach die Aktivität ‘Mails an mehrere’ starten. Dabei ergreift eine Person die Initiative und schreibt eine Mail, in der sie berichtet, was bei ihr gerade los ist. Sie adressiert die Mail an eine Gruppe von Menschen, mit der sie etwas gemeinsam gemacht hat oder die sich alle schon einmal gemeinsam getroffen haben oder mit der man vor ähnlichen Herausforderungen steht. Anders als wenn die Mail an eine Einzelperson versandt wird und - wenn überhaupt - nur eine Antwort zurück kommt, führt dieser Weg relativ oft dazu, dass eine erste Person antwortet - und dann nach und nach auch die anderen aus der Reserve gelockt werden. Zugleich lesen alle im Verteiler alle Mails und fühlen sich darüber wieder etwas verbunden. Im Ergebnis ist das ein bisschen wie eine zeitlich entzerrte Stehtisch-Runde in der Kaffeepause einer Konferenz mit der Frage ‘Und was gibt es bei Euch gerade Neues?’.

4. ‘Kein wirkliches Anliegen’-Aktivitäten

Nett sein zu anderen ist im direkten Austausch meist sehr einfach: Ich winke einer Kollegin zu, ich bringe einen Kaffee mit, ich lege eine Packung Kekse auf dem Tisch … Online funktionieren solche Praktiken dagegen nicht ‘einfach so’ - ich muss sie sehr bewusst planen und gestalten. Genau deshalb sind es dann genau die Aktivitäten, die als erstes unter den Tisch fallen, wenn viel ansteht. Das ist schade, weil genau deshalb online sehr viel soziales Miteinander wegfällt. Denn wenn ich z.B. mit der Kollegin einen Besprechungstermin vereinbaren muss, ist es völlig selbstverständlich, dass ich sie anmaile oder auf anderem Weg mit ihr kommuniziere. Wenn ich ihr aber eigentlich nur einen ‘Guten Morgen’ wünschen will, aber sie gerade nicht sehe oder spreche, dann werde ich das wahrscheinlich lassen. Mir hilft es angesichts dieser Schwierigkeit, mir gezielt ‘Kein wirkliches Anliegen’-Aktivitäten vorzunehmen und einzuplanen. In festen Team-Strukturen kann es auch hilfreich, sein, solche Aktivitäten als feste Rituale einzuplanen.

Beispiele:

Und weil man selbst und all anderen so viel online sind, funktionieren solche ‘kein wirkliches Anliegen’-Aktivitäten auch wunderbar mit Offline-Tools: eine Postkarte/ Brief schicken oder ein Päckchen, ein ausgelesen Buch, was man weitergeben möchte …

‘Kein wirkliches Anliegen’-Aktivitäten klappen übrigens auch, wenn man sie gar nicht an eine bestimmte Person oder Gruppe richtet, sondern sie offen adressiert und so unser alle Online-Raum ein bisschen schöner und freundlicher macht. Ich freue mich z.B. wenn ein Tweet, in meiner Timeline landet, in dem jemand daran erinnert, dass Pausen wichtig sind oder ein Bild vom gebauten Schneemann teilt. Als regelmäßiges Ritual fallen in diese Kategorie z.B. die Lama-Gifs und Bilder von Philippe - z.B. hier

5. Gute Praxis nachmachen

Wie einleitend dargestellt, ist Achtsamkeit und soziale Präsenz im Online-Kontext für uns alle ein Lernprozess. Genau aus diesem Grund finde ich es eine gute Idee, sich über gute Praxis, die man selbst in diesem Bereich kennenlernt, nicht nur zu freuen, sondern diese auch selbst auszuprobieren und nachzumachen. Auf diese Weise lässt sich Achtsamkeit und soziale Präsenz im Online-Kontext wunderbar immer weiter verbreiten. Beispiel: eine Kollegin schreibt mir eine nette Dankesmail. Ich bedanke mich nicht nur bei ihr für das Feedback, sondern überlege, bei wem ich mich schon lange einmal bedanken wollte - und schreibe eine mindestens ebenso nette Mail.

Deine Erfahrungen?

Ich habe im letzten Jahr auf Twitter schon einmal angefangen zu dieser Frage Ideen und gute Praxis zu sammeln. Vielleicht findest Du dort noch mehr Anregungen und/ oder teilst auch Deine eigenen Erfahrungen.

Bild des Beitrags: Kekse mit Aufdruck ‘STOERKUNG’ = kleine Aufmerksamkeit in OER-Workshops. (Online lässt sich das leider nicht verteilen.)

teilen twittern