Evolutionäre und multiplizierbare freie Bildungsmaterialien

In diesem Blogbeitrag beschreibe ich eine aus meiner Sicht hilfreiche Unterscheidung bei Open Educational Resources: Sind sie evolutionär oder multiplizierbar angelegt?

Wozu diese Unterscheidung?

Open Educational Resources (OER) sind Bildungsmaterialien, bei denen dank ihrer offenen Lizenz die engen Schranken des Urheberrechts gelockert sind: Man darf sie verändern, mit anderen Materialien vermischen und beliebig verbreiten. Bei OER-Fortbildungen taucht vor diesem Hintergrund immer wieder die Frage auf:

Wie kann ich verhindern, dass irgend jemand mein offen lizenziertes Bildungsmaterial so verändert, wie ich das gar nicht will?

Dahinter steht meist die Befürchtung, dass Fakten verdreht werden könnten oder dass das Material in einem Kontext erscheint, in dem man es nicht haben will. Beispiel: Die Kohle-Lobby nutzt mein offen lizenziertes Material zum Klimawandel, verändert es unsinnig – und mein Name steht dann weiter mit dabei. In vielen Fällen geht es aber auch einfach darum, dass Qualitätseinbußen befürchtet werden, wenn einfach alle an dem Material weiter schreiben können.

Ich finde grundsätzlich: Zur Verbreitung von Fake-News gibt es wahrscheinlich deutlich einfachere Wege als den verfälschenden Remix eines OER. Vor diesem Hintergrund sind mir auch keinerlei Praxis-Fälle in der Art der oben geschilderten Befürchtung bekannt. Ganz im Gegenteil: Meine eigene Erfahrung mit veröffentlichten OER ist es, dass Veränderungen in der Regel in guter Absicht erfolgen und das Material verbessern. In diesem Sinne entwickelt sich die Qualität von OER nicht trotz, sondern gerade wegen der kollektiven Bearbeitungsmöglichkeit.

Was sind evolutionäre versus multiplizierbare OER?

Darüber hinaus kann man bei der Veröffentlichung selbst entscheiden, ob man das Material als evolutionäres oder als multiplizierbares OER veröffentlicht. Meiner Erfahrung nach hilft diese Unterscheidung vielen bei der Einordnung und Entscheidung zur Art und Weise einer eigenen OER-Gestaltung.

  • Evolutionäre OER sind solche, die direkt verändert und dann in geänderter Form wieder veröffentlicht werden. In der Bearbeitungsgeschichte erhält man meist einen Einblick in die Versionsgeschichte. Für die normal nutzende Person ist der ursprüngliche Inhalt aber nicht mehr sichtbar, sondern nur die geänderte Fassung. Das klassische Beispiel für ein evolutionäres OER ist die Wikipedia. In der Versionsgeschichte der Artikel kann ich mir Auskunft über die gemachten Veränderungen verschaffen. Auf den ersten Blick ist aber jeweils nur die jeweils aktuell geänderte Version sichtbar.
  • Multiplizierbare OER sind solche, die erst kopiert, dann verändert und anschließend neu veröffentlicht werden. In diesem Fall muss durch die nachnutzende Person erstens angegeben werden, ob Änderungen an dem Material vorgenommen wurden. Zweitens führt die Neuveröffentlichung dazu, dass die Original-Version ohne Änderungen weiterhin bestehen bleibt. Sie ist dann weiterhin nutzbar und weiter verwendbar. Ein multiplizierbares OER ist z.B. eine Präsentation, die ich mithilfe der Open Source Software H5P erstelle und unter einer offenen Lizenz veröffentliche. Jede interessierte Person kann sich davon eine Kopie machen, d.h. die Präsentation für sich herunterladen, weiter bearbeiten und neu veröffentlichen. Meine ursprüngliche Präsentation gibt es dann aber weiterhin – und zwar zusätzlich zu der neuen und geänderten Version.

Ein evolutionäres OER wird somit beständig weiterentwickelt und im Fluss der Bearbeitungen im optimalen Fall immer weiter verbessert: Fehler werden korrigiert, Ergänzungen werden vorgenommen, Aktualisierungen werden eingearbeitet etc.

Ein multiplizierbares OER kann zu zahlreichen neuen Materialien führen und den Inhalt auf diese Weise optimal verbreiten und für möglichst viele zugänglich und nutzbar machen: es wird in unterschiedliche Sprachen übersetzt, es wird mit anderen Materialien remixt oder für bestimmte Zielgruppen individualisiert angepasst.

Für mich der Königsweg: eine Kombination der beiden Varianten! In diesem Falle können einfache Änderungen direkt von vielen vorgeschlagen/ vorgenommen werden. Gleichzeitig ist auch möglich, das Material zu kopieren und neu zu veröffentlichen.

Umsetzung: die Technik entscheidet!

Ob ein OER evolutionär oder multiplizierbar (oder sowohl als auch) angelegt ist, ist in erster Linie eine technische Frage: in einem Wiki oder einem Etherpad kann ich beispielsweise in der Regel direkt Änderungen vornehmen. Ich kann aber auch Einstellungen vornehmen, die Änderungen nur für eine bestimmte Personengruppe oder gar nicht erlauben. In diesem Fall würde ich das Material zur Weiternutzung kopieren. Die Creative Commons Lizenz (CC BY oder CC BY SA) ermöglicht grundsätzlich beide Varianten.

Optimal finde ich eine Umsetzung basierend auf dem Git-Prinzip. Dieses stammt ursprünglich aus der Software-Entwicklung. Mit Git können Änderungen vorgeschlagen und mit einem Klick akzeptiert werden. Gleichzeitig ist es möglich, den Ordner insgesamt zu kopieren und darauf aufbauend eine geänderte Version zu erstellen und zu veröffentlichen.

Wie so etwas in der Praxis auf dem Portal GitHub aussehen kann, zeigt der von mir entwickelte Online Kurs ‚MakOER – Schritt für Schritt zum eigenen OER‘. Es können auf jeder Seite direkt Änderungen vorgeschlagen werden. Gleichzeitig kann man sich das gesamte Repositorium auf GitHub anzeigen lassen und sich den kompletten Kurs zur Weiterbearbeitung und Neuveröffentlichung kopieren.

Zur Differenzierung der beiden OER-Varianten habe ich eine kleine Grafik als Übersicht gestaltet.