Ich mag die Idee eines Jahresmottos sehr gerne. Für 2025 hatte ich Lernfreude gewählt. Für das heute beginnende Jahr 2026 möchte ich mich an ‚Möglichkeitsmut‘ orientieren.
Was ist Möglichkeitsmut?
Ganz knapp definiere ich Möglichkeitsmut als eine Perspektive auf die Welt, die angesichts einer sehr vielfältigen und komplexen Gegenwart nicht mit Rückzug oder lediglich mit Anpassung reagiert, sondern darin nach Möglichkeiten zur selbstbestimmten und kollektiven Gestaltung sucht und diese zuversichtlich angeht. Möglichkeitsmut ist also ein neugieriger ‚Was könnte sein?‘-Blick auf die Welt, mit dem man sich beständig zur Gestaltung herausfordert.
Ich finde Möglichkeitsmut erstens für mich als persönliches Jahresmotto sehr passend und gewinnbringend. Denn ich kann mir damit immer bewusst machen, dass ich der Welt nicht ausgeliefert bin, sondern stets die Entscheidung habe, ob ich – angesichts aller natürlich bestehender systemischer Zwänge – als Teil des Systems Teil des Problems oder Teil der Lösung sein möchte. Und dass ich dazu gestalten kann und sollte.
Besonders relevant erscheint mir Möglichkeitsmut zweitens auch als Orientierung in der Bildung, worüber ich im Folgenden anhand von fünf mit dem Begriff für mich verbundenen Aspekte bloggen will:
1. Akzeptanz von Veränderung
Mit Möglichkeitsmut agiere ich basierend auf der mich umgebenden Realität. Deshalb ist damit zunächst einmal eine Akzeptanz von Veränderungen verbunden. Damit ist dann noch nicht gesagt, wie ich zu diesen Veränderungen stehe oder was ich damit machen will. Ich akzeptiere sie aber als Ausgangspunkt zur Gestaltung.
In der Bildung ist das relevant, weil wir es (zum Teil bewusst ausgesprochen, zum Teil auch eher unbewusst) immer mal wieder mit einer ‚Darum können wir uns jetzt nicht auch noch kümmern!‘-Haltung zu tun haben. Veränderungen wie z.B. technologische Entwicklungen oder Veränderungen in der Lebenswelt von Lernenden werden mit dieser Haltung ignoriert oder ausgesperrt. Das kann auf Dauer keine Lösung sein, wenn das Bildungsziel gesellschaftliche Handlungsfähigkeit ist. Mit einer Orientierung an Möglichkeitsmut findet Lerngestaltung stattdessen ausgehend von und basierend auf Veränderungen statt.
2. Neugierde kultivieren
Die Akzeptanz von Veränderungen bringt uns direkt zum zweiten Aspekt, der für mich mit Möglichkeitsmut verbunden ist: die Kultivierung von Neugierde!
Mit Möglichkeitsmut ist der Blick auf die Welt nicht vorrangig: ‚Oh je! Wie entsetzlich/ gefährlich/ doof …‘. Stattdessen fragt man sich: ‚Oh, das ist ja spannend. Was passiert denn da?‘. Neugierde bedeutet dann unter anderem, ganz viel auszuprobieren, zu erkunden und natürlich auch Fehler zu machen.
3. Zuversicht zur Gestaltung
Wer mit Möglichkeitsmut im Blick erstens Veränderung akzeptiert und zweitens Neugierde kultiviert, gewinnt damit Zuversicht zur Gestaltung. Für die Bildung ist das aus meiner Sicht deshalb wichtig, weil wir weder uns selbst als pädagogisch tätige Personen noch Lernende als Opfer der Ereignisse betrachten sollten: Die Welt und unsere Zukünfte geschehen uns nicht, sondern wir gestalten sie!
Diese Herangehensweise führt oft zu nur minimalen, aber sehr bedeutenden semantischen Verschiebungen. Wir fragen dann zum Beispiel nicht mehr vorrangig: Was macht KI in der Bildung? Sondern wir fragen: Was machen wir in der Bildung mit KI? Und in der aktuellen Smartphone- und Social Media Debatte wäre die erste Frage nicht: Was machen Smartphones mit Kindern und Jugendlichen? Stattdessen nehmen wir viel stärker in den Fokus: Was machen Kinder und Jugendliche mit Smartphones? Das ist ein fundamentaler Unterschied bzw. eine wichtige Erweiterung und für mich für gute Pädagogik grundlegend.
Zugleich führt Möglichkeitsmut auch deshalb zu Gestaltungszuversicht, weil wir mit dem Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten immer auch die Vielschichtigkeit in Situationen wahrnehmen. Das ist etwas, was ich in letzter Zeit zunehmend als eine wichtige Voraussetzung erkannt habe, um weder fatalistisch noch euphorisch, sondern eben zuversichtlich-gestaltend auf die Welt zu schauen: Weder ist alles schlecht, noch ist alles großartig! Möglichkeitsmut ist somit immer auch die Umsetzung von Sowohl-als-auch-Denken anstelle von Entweder-Oder.
4. Offenheit im schöpferischen Sinne
Möglichkeitsmut kann viertens auch Offenheit in einem schöpferischen Sinne bedeuten: Wenn ich die Gegenwart als Möglichkeitsraum für entstehende Zukünfte einordne, dann müssen wir nicht schon von Anfang an wissen, was am Ende genau entsteht. Wir können uns stattdessen offen in Gestaltungsprozesse begeben.
Schöpferische Offenheit ist einer der Aspekte, der mir in unserem Bildungssystem mit am meisten fehlt. Stattdessen ist die grundsätzliche Orientierung fast immer eine Definition von Lernzielen und Kompetenzen. Und dann wird überprüft, ob diese Festlegungen erreicht wurden. Im Rahmen der KI-Entwicklungen wird diese Tendenz meines Eindrucks nach sogar noch weiter verfestigt.
Möglichkeitsmut öffnet stattdessen eine andere, mindestens ergänzende Perspektive: nicht nur Architektin, sondern Gärtnerin! Festgelegt wird also ein Rahmen oder eine grundsätzliche Struktur, aber nicht das erwartete Ergebnis.
5. Wachstumsorientierung
Schließlich verbinde ich mit Möglichkeitsmut auch unbedingt Wachstumsorientierung. Das bedeutet, auf andere Menschen und somit auch auf Lernende mit einem ‚Growth Mindset‘ zu blicken. Sie können, genau wie wir selbst, an Herausforderungen wachsen und sich entwickeln.
Für mich ist das in der Bildung ein wichtiger Kontrapunkt gegen vereinfachte, biologistische Auffassungen (Aus einem Ackergaul wird nun mal kein Rennpferd!), falsch verstandene Effizienz (Lohnt sich da denn der Aufwand?) und die weiterhin bestehende Selektionslogik im Bildungssystem.
Leseempfehlungen
Zum Motto ‚Möglichkeitsmut‘ brachte mich insbesondere die intensivere Beschäftigung mit der Theorie U von Otto Scharmer.
Außerdem haben mir im letzten Monat diese Bücher geholfen, einen konstruktiv-gestaltenden Blick auf die Welt wieder zu finden. Ich kann sie zur Lektüre sehr weiter empfehlen:
- Karen Köhler: Spielen. Hanser Berlin, 2025
- Florence Gaub: Zukunft. Eine Bedienungsanleitung, dtv, 2023
- Rebecca Solnit: Hoffnung in der Dunkelheit. Unendliche Geschichten, wilde Möglichkeiten. Matthes & Seitz Berlin, 2025.
- Claudia Hammond: Miteinander. Wie wir freundlicher zu anderen und uns selbst werden. DuMont, 2024
- Saša Stanišić: Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Eine Ermutigung. Luchterhand Literaturverlag, 2025.
Fazit: Ich mag Möglichkeitsmut als Orientierung. Und Du?
Die grundlegende Definition und auch die fünf Aspekte machen Möglichkeitsmut für mich zu einem ausgezeichneten und sehr passenden Motto für 2026. Ganz im Sinne von Möglichkeitsmut bin ich sehr neugierig, was in den nächsten Monaten in der Bildung und darüber hinaus alles entstehen wird. Ich wünsche dir und uns persönlich und in der Bildung ein wunderbares, neues Jahr!
Und natürlich bin ich neugierig: Hast du auch ein Jahresmotto? Wie findest du die Orientierung auf mehr Möglichkeitsmut in der Bildung? Wo könntest du diese Orientierung für dich und in deinem pädagogischen Kontext anwenden?
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